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Virologe Hendrik Streeck : „Wir haben neue Symptome entdeckt“

Davon habe ich bisher nichts gehört, ich halte das auch für Unsinn. Vielleicht hat jemand die Erkenntnis, dass ein altes HIV-Präparat, Kaletra, mit den Wirkstoffen Lopinavir und Ritonavir, gegen das alte Sars-1-Virus eine gewisse Wirkung erzielt, aufgegriffen und dann die Geschichte online fortgesponnen. Richtig ist, dass der neue Erreger dem alten Sars-Virus ähnelt, deswegen wird er ja auch Sars-CoV-2 genannt. Die beiden Erreger sind zu etwa 80 Prozent genetisch verwandt.

Was macht das Virus so gefährlich?

Der neue Erreger ist gar nicht so gefährlich, er ist sogar weniger gefährlich als Sars-1. Das Besondere ist, dass Sars-CoV-2 im oberen Rachenbereich repliziert und damit sehr viel infektiöser ist, weil das Virus sozusagen von Rachen zu Rachen springt. Genau das hat aber auch einen Vorteil: Denn Sars-1 repliziert zwar in der tiefen Lunge, ist damit nicht so infektiös, geht aber in jedem Fall auf die Lunge, was es gefährlicher macht. Sars-2 geht seltener auf die Lunge, was allerdings dann zu den schweren Verläufen führt.

Angeblich greift das neuartige Coronavirus auch andere Organe wie Leber und Magen-Darm-Trakt an?

Es ist natürlich blöd, immer sagen zu müssen: Das weiß man alles noch nicht. Aber so ist es leider. Was wir wissen: dass Sars-2 in seine Wirtszelle über den ACE-2-Rezeptor eindringt. Viele Gewebezellen haben diesen Rezeptor, auch zum Beispiel die Hoden, die, wie es heißt, auch angegriffen werden könnten. Man kann sich das tatsächlich in Einzelfällen vorstellen, aber es gibt bisher keine gesicherten Erkenntnisse. Wir haben jedenfalls in keinem unserer untersuchten Covid-19-Fälle den Erreger im Blut oder Plasma gefunden. Die Durchfälle sprechen allerdings dafür, dass der Magen-Darm-Trakt angegriffen wird.

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Wie erklären Sie die geringen Todeszahlen in Deutschland im Vergleich zum Beispiel zu Italien?

Darüber bin ich gar nicht überrascht. Denn in Italien hat man nur die sehr schwer symptomatischen Fälle getestet. Dabei hat die aktuelle Studie aus Shenzhen zum Beispiel auch herausgefunden, dass sich Kinder genauso häufig mit dem Erreger anstecken wie Erwachsene, sie entwickeln allerdings nur leichte oder gar keine Symptome. Folgt man der Studie und legt zugrunde, dass 91 Prozent Covid-19 nur mit milden oder moderaten Symptomen durchmachen, dann haben sich die Italiener zunächst nur auf die verbliebenen neun Prozent fokussiert. Hinzu kommt, dass dort auch nachträglich die Toten auf Sars-CoV-2 getestet werden. Auch in China gingen anfangs die Todeszahlen stark in die Höhe, nicht aber die Infektionszahlen, weil man sich dort ebenfalls auf die Toten konzentrierte. Jetzt ist es umgekehrt, weil in China viel mehr getestet wird.

In Italien gibt es also viel mehr Infektionen, als es die Zahlen widerspiegeln?

Genau. Ich gehe davon aus, dass die Durchseuchung in Italien extrem hoch ist, was man bisher aber nicht ermittelt hat.

Und bei uns ist es anders?

In Deutschland wurden von Anfang an auch Patienten mit nur milden Symptomen getestet. Unser Indexpatient in Bonn etwa hatte nur einen kratzigen Hals. Ich bin mir sicher: Er wäre in Italien nie abgestrichen worden.

Die Todeszahlen werden aber auch in Deutschland steigen?

Ganz bestimmt, aber nicht um solch apokalyptisch hohen Zahlen, wie sie zum Teil in Umlauf sind. Auch muss man berücksichtigen, dass es sich bei den Sars-CoV-2-Toten in Deutschland ausschließlich um alte Menschen gehandelt hat. In Heinsberg etwa ist ein 78 Jahre alter Mann mit Vorerkrankungen an Herzversagen gestorben, und das ohne eine Lungenbeteiligung durch Sars-2. Da er infiziert war, taucht er natürlich in der Covid-19-Statistik auf. Die Frage ist aber, ob er nicht sowieso gestorben wäre, auch ohne Sars-2. In Deutschland sterben jeden Tag rund 2500 Menschen, bei bisher zwölf Toten gibt es in den vergangenen knapp drei Wochen eine Verbindung zu Sars-2. Natürlich werden noch Menschen sterben, aber ich lehne mich mal weit aus dem Fenster und sage: Es könnte durchaus sein, dass wir im Jahr 2020 zusammengerechnet nicht mehr Todesfälle haben werden als in jedem anderen Jahr.

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