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Infektionsgefahr auf Demos : „Es ist eine große Dummheit“

Nah beieinander: Das Infektionsrisiko auf Demonstrationen ist sehr hoch, weil die Teilnehmer sehr laut und oft von Angesicht zu Angesicht sprechen. Bild: Pierre Adenis/laif

Am Samstag demonstrierten in Berlin rund 20.000 Menschen gegen die Corona-Maßnahmen. Der Physiker Christian Kähler von der Universität der Bundeswehr erklärt, warum er das Infektionsrisiko auf Kundgebungen als hoch einschätzt.

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          Herr Kähler, was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie die Bilder der Corona-Demonstration in Berlin sahen, die mittlerweile auch der Bundespräsident als „inakzeptabel“ bezeichnet hat?

          Es ist natürlich das gute Recht der Bevölkerung zu demonstrieren und gegen die Maßnahmen der Bundesregierung zu protestieren. Die Frage ist aber, warum werden Erkenntnisse über das Virus nicht erfasst und nicht für glaubwürdig empfunden? Wenn sich die Ansichten der Demonstranten in der Bevölkerung stark verbreiten, ist das für die Gesellschaft fatal.

          Erwarten Sie, wenn rund 20.000 Menschen ohne Maske und Abstand demonstriert haben, eine Zunahme der Infektionen?

          Es wird mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Infektionsanstieg geben. Man muss davon ausgehen, dass in dieser Menschengruppe einige Infizierte sind und sich die Viren unter den Kundgebungsbedingungen gut übertragen.

          Warum ist das so?

          Dafür gibt es eine Reihe von Gründen. Das eine ist: Die Personen in diesem Kreis unterhalten sich üblicherweise sehr laut, und es wird auch geschrien. Beim laut Reden ist das Problem, dass mehr Aerosole und Tröpfchen entstehen und auch größere Tröpfchen. Das andere ist: Wenn es sehr laut ist, nähern sich die Menschen an und reden von Angesicht zu Angesicht, um den Anderen überhaupt hören zu können. Dabei nimmt auch die Virenlast stark zu. Deshalb sind die Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts, Abstand zu halten, sehr sinnvoll.

          Nicht gegen Demonstrationen: Der Physiker Christian Kähler empfiehlt jedoch, Abstands- und Hygieneregeln einzuhalten.
          Nicht gegen Demonstrationen: Der Physiker Christian Kähler empfiehlt jedoch, Abstands- und Hygieneregeln einzuhalten. : Bild: Christian Kähler

          Schon im Juni gab es in Deutschland große Kundgebungen gegen Rassismus. Kam es danach zu vermehrten Infektionen?

          Das ist mir so konkret nicht bekannt. Das Problem ist aber auch, dass Infektionen auf Demonstrationen sehr schwer feststellbar sind. Die Menschen, die dort auflaufen, sind in der Regel nicht registriert. Das ist ähnlich wie an der Supermarktkasse. Man müsste auf die Corona-Warn-App schauen. So könnte man die Infektionen quantifizieren. Doch ich gehe davon aus, dass die Kundgebungsteilnehmer vom vergangenen Samstag die App eher nicht nutzen.

          Auf großen Einkaufsstraßen wie der Zeil in Frankfurt halten sich ebenfalls viele Menschen ohne Mundschutz auf. Besteht da nicht ebenso ein erhöhtes Infektionsrisiko?

          Auch auf den großen Einkaufsstraßen ist die Infektionsgefahr sehr gering. Dass man sich draußen infiziert, ist unter normalen Bedingungen relativ unwahrscheinlich. Die Leute gehen vor allem aneinander vorbei. Außerdem ist in der Regel der Mund zu.

          Könnte man die Bedingungen auf Demonstrationen mit den Fußballstadien vergleichen, in denen Zehntausende ebenfalls schreien und sich sehr nahe kommen?

          Das ist aus meiner Sicht absolut vergleichbar. Deshalb sind Großveranstaltungen derzeit noch aus gutem Grund verboten. Man muss allerdings sagen, dass der Weg zum Stadion das noch größere Problem ist als das Geschehen in den Stadien selbst.

          Demonstrieren ist ein Grundrecht, vom Grundgesetz geschützt. Wie kann man dieses Grundrecht verantwortlich ausüben?

          Gegen das Demonstrieren ist nichts einzuwenden. Es ist sehr wichtig. Aber natürlich spielt auch die Gesundheit eine zentrale Rolle. Um beides in Einklang zu bringen, ist es relativ einfach, gewisse Abstände einzuhalten und Masken zu tragen. Doch wenn man gegen diese Maßnahmen demonstriert, ist es natürlich schicker, wenn man auf sie verzichtet. Aber es ist eine große Dummheit.

          Ein Physiker, der Masken testet

          Christian Kähler leitet seit 2008 das Institut für Strömungsmechanik und Aerodynamik an der Universität der Bundeswehr in München. Der Physikprofessor hat zusammen mit seinem Assistenten Rainer Hain Strömungsexperimente durchgeführt, um zu klären, ob die  Sicherheitsabstände zwischen Personen und die Maskenpflicht aus strömungsmechanischer Sicht sinnvoll sind.

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