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Coronaforschung : Mit dem Tracker in den Club

Wie gefährlich sind Veranstaltungen in Clubs? Wissenschaftler wollen das untersuchen. (Symbolbild) Bild: dpa

Wo besteht auf einer Großveranstaltung die höchste Gefahr, sich mit dem Coronavirus zu infizieren? Das wollen Wissenschaftler in Stuttgart mit einem Experiment herausfinden.

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          Wenn die Ethikkommission und die Datenschützer einverstanden sind, dann wird es in Stuttgart in den nächsten Wochen möglicherweise in einem Club, eventuell in der Porsche-Arena und auf einer Freiluftbühne, einen einmaligen Versuch über die Risiken einer Sars-Cov2-Infektion bei Großveranstaltungen geben. Dann werden nämlich Club- oder Konzertbesucher einen Tracker am Eingang bekommen. Sie hinterlegen ihre Daten in einer App, die Wissenschaftler werten die anonymisierten Daten aus, um zu erkunden, wo es zu problematischen Kontakten kam, am Eingang, auf der Toilette oder in einem zu kleinen Nebenraum. „Wir wollen mit dem Pilotversuch die Situation für Besucher von Großveranstaltungen verbessern und die Infektionsgefahr minimieren. Es geht nicht darum, den Konzertbesuchern eine Fußfessel anzulegen oder sie zu kontrollieren“, sagte Thorsten Lehr, Professor für klinische Pharmazie an der Universität des Saarlands, der das Projekt betreut.

          Rüdiger Soldt
          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Die in einer App gespeicherten Besucher-Daten und die Codenamen der Tracker werden in separaten Tresordatenbanken hinterlegt, nur wenn bei einem Besucher eine Infektion mit dem Coronavirus stattgefunden hat, werden die persönlichen Daten des Infizierten und die seiner engsten Kontaktpersonen zur weiteren Kontaktverfolgung freigegeben. „Der Vorteil des Projekts ist es, dass wir die Begegnungsdaten auswerten können, das ist mit der Corona-App nicht möglich. Die können wir als Forscher nicht anzapfen“, sagte Lehr.

          Ein weiterer Vorteil der etwa scheckkartengroßen Tracker ist ihre bessere Technologie: Die Kontaktvermittlung der Corona-App basiert auf der Bluetooth-Funktechnik, die Tracker arbeiten mit der Ultra-Breit-Band-Technik (UWB). Sie arbeitet wesentlich genauer und ist weniger störanfällig. Die Entfernung einzelner Personen wird bis auf eine Distanz von zehn Zentimetern ermittelt. Die Kontaktmeldungen der Tracker werden dann mit einer Software ausgewertet und so mögliche „Infektions-Hot-Spots“ ermittelt. Aufgrund der so gewonnenen Erkenntnisse können Infektions-Risiken auch bei höheren Inzidenzen minimiert, Labor-Kapazitäten gespart und die Gesundheitsämter entlastet werden. Die Tracker können nicht mit GPS geortet werden. Außerdem warnen sie die Konzert- oder Clubbesucher mit einem Vibrieren oder einem Signal, wenn sie sich zu nahe kommen und die Abstandsregeln nicht einhalten.

          Die Stuttgarter Sozialbürgermeisterin Alexandra Sußmann, sagt über den Pilotversuch: „Die Zeit der Öffnungen geht einher mit mehr Kontakten. Was für die Bürgerinnen und Bürger mehr Miteinander und mehr persönliche Erlebnisse bedeutet, fordert den Infektionsschutz enorm.“ Mit dem Pilotversuch wolle man der Kultur wieder eine Chance geben, dem Virus keine. Lehr betreut ein ähnliches Tracking-Pilotprojekt an Grundschulen, Gymnasien und Gemeinschaftsschulen des Saarlands. Der Stuttgarter Gemeinderat stimmte am Donnerstag für das Projekt, im Haushalt sind dafür knapp 500.000 Euro veranschlagt.

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