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Hinweis auf mögliche Infektion : Lange Nächte für eine App gegen das Virus

Digitaler Schutz: Die App soll helfen, das Virus einzudämmen (Symbolbild). Bild: dpa

Mit seinem Frankfurter Unternehmen Arago hat Hans-Christian Boos eine App entwickelt, die die Menschen im Kampf gegen das Coronavirus unterstützen soll. Bedenken wegen des Datenschutzes hat er keine.

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          Er schickt seine E-Mails, wenn der Empfänger schläft. Hans-Christian (Chris) Boos aber ist wach, wenn ihm etwas wichtig ist, auch um 2 oder 3 Uhr. In den vergangenen Tagen war er sich sicher: Die Technik, an der er mit seinem Frankfurter Unternehmen Arago arbeitet, kann Leben retten. Es ist die Grundlage für neue Mobiltelefon-Apps im Kampf gegen das Coronavirus. Am Mittwoch hat er sie gemeinsam mit dem Robert-Koch-Institut und dem Heinrich-Hertz-Institut vorgestellt, in einer Telefonkonferenz. Die Zeiten, in denen die Ausbreitung des Erregers verhindert werden muss, gebieten es, Abstand zu halten. Dabei sollen die Apps helfen, die auf die Ideen von Boos und zahlreichen anderen Fachleuten zurückgreifen. Sie sollen in der Woche vor Ostern in die App-Stores kommen. Wer sie installiert, wird gewarnt, wenn sich Corona-Infizierte nähern. Infektionsketten sollen nachvollziehbar werden.

          Boos ist an dem Vorhaben beteiligt, weil Arago sich mit Datenmengen auskennt. Denn das Unternehmen, dessen Gründer er ist, hat sich auf Künstliche Intelligenz spezialisiert. Und wenn die funktionieren soll, braucht man genau das: Daten, Daten, Daten – und zwar solche, die in der richtigen Zuordnung Sinn ergeben. Darum geht es auch jetzt. Boos und seine Mitstreiter haben sich ausgedacht, dass Handys, deren Besitzer einander nahe genug für eine Infektion gekommen sind, über den Funkstandard Bluetooth anonym einen temporären Zahlencode austauschen, der lokal auf den Geräten gespeichert wird. Sollte ein Nutzer positiv auf das Virus getestet werden, wird er gebeten, seine Zahlencodes an den Server zu übermitteln. Die Software warnt dann alle betroffenen Personen davor, dass sie ebenfalls infiziert sein könnten.

          Datenschutz bleibt gewährleistet

          Das klingt nach einem riesigen Datenschutzproblem, danach, dass der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben werden soll. Boos ist sich dieser Gefahr bewusst. Aber er ist sicher, sie im Griff zu haben: „Wenn die Privatsphäre nicht gewahrt bleibt, ist die Demokratie zerstört.“ Daher übermittle die App nicht, wer infiziert sei oder wann der Kontakt stattgefunden habe. Er habe viel mit Datenschützern zu tun gehabt, sagt Boos: „Alle Bedenken, die von dort aufgelistet worden sind, haben wir berücksichtigt – und ausgeräumt.“ Natürlich werde es in vielen Ländern unterschiedliche Apps geben, wichtig sei, dass sie alle auf denselben Datenbestand zurückgriffen. Sonst sei alles nutzlos.

          Für eine App, die man sich freiwillig installieren kann und die ohne Preisgabe von Namen oder Standortdaten funktioniert, gibt es Unterstützung – auch Boos hat sie erfahren. Wichtig ist ihm aber auch, dass er viele Mitstreiter dabei hatte. Denn der KI-Fachmann steht inzwischen zwar gerne im Licht der Öffentlichkeit. Aber er weiß auch, dass es allein nicht geht. Der Mann war lange genug Außenseiter; er ist ein Mensch mit Albinismus, hat helle Haut, weiße Haare, nicht einmal zehn Prozent Sehkraft. Doch die Prognose zur Einschulung, dass es für ihn nur zum Tütenfalten reichen würde, hat sich nicht bewahrheitet. Er entdeckte den Computer für sich, studierte Informatik, brach das Studium ab, programmierte die erste deutsche Lösung für das OnlineBanking. Dann gründete er Arago, ein Unternehmen, an dem der Finanzinvestor KKR seit 2014 mit 50Millionen Euro beteiligt ist. „Seit vier Wochen habe ich einen Vorstandschef für Arago, ich hatte jetzt Zeit“, sagt Boos.

          Menschen rät er zu Empathie und Kreativität im Wettbewerb mit Künstlicher Intelligenz. Aber manchmal braucht es einen Algorithmus, um eine Krankheit zu besiegen. Vielleicht haben kurze Nächte dabei geholfen, hoffentlich ist die Sache mit dem Datenschutz wirklich gelöst. Aber man kann sie sich in schlechteren Händen vorstellen als denen von Boos.

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