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Befragung zu Sorgen : Die Angst vor der Regelmissachtung

Polizeiauto in Dresden: Wer hält sich an die Regeln? Bild: dpa

Eine Studie zu Befindlichkeiten der Deutschen verzeichnet während der Corona-Pandemie besondere Ausschläge. Die größte Angst haben die Befragten davor, dass immer mehr Menschen die Lockdown-Regeln missachten.

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          In der Pandemie hat die Angst leichtes Spiel. Das Coronavirus hat alle Planungen durchkreuzt, Gewissheiten erschüttert, Sicherheit geraubt. Daher ist es kein Wunder, dass die Befragung zur Angst in der Bevölkerung in dieser Zeit besondere Ausschläge verzeichnet. Die R+V Versicherung, die jährlich die Ängste der Deutschen erhebt, hatte zu Jahresbeginn noch eine Sonderbefragung unter 1049 Bürgern angesetzt. Es handelt sich aufgrund des Lockdowns und der drohenden Rezession mit möglichen Folgen für den eigenen Arbeitsplatz um eine Ausnahmesituation. „Die erzwungene Isolation und die Dauer der Pandemie befeuern die Ängste“, sagte die Leiterin des R+V-Infocenters, Brigitte Römstedt.

          Helene Bubrowski

          Politische Korrespondentin in Berlin.

          Die größte Angst haben die Befragten davor, dass immer mehr Menschen die Lockdown-Regeln missachten, sich also versammeln, zu Feiern einladen oder keine Masken tragen. Mit 60 Prozent wurde hier der höchste Angstwert der Studie gemessen. „Der Widerstand gegenüber den staatlichen Beschlüssen zur Pandemiebekämpfung wächst. Dass viele Kritiker ihren Unmut äußern, indem sie die Corona-Maßnahmen ignorieren, löst bei vielen Menschen große Ängste aus“, sagt der Heidelberger Politikwissenschaftler Manfred Schmidt, der die Studie seit vielen Jahren begleitet, über dieses Ergebnis.

          Interessant ist, dass die Angst vor der Regelmissachtung damit größer ist als die Angst vor dem Virus selbst. Knapp die Hälfte der Befragten, 48 Prozent, gaben an, besorgt zu sein, dass das Coronavirus sie selbst oder die Familie oder Freunde infiziert. Gegenüber dem Sommer ist das ein Anstieg von 16 Prozentpunkten. Im vergangenen März, beim Ausbruch der Pandemie, lag der Wert allerdings ebenfalls über 40 Prozent.

          Lockdown auf Lockdown?

          Diese Angst dürfte weiter steigen, wenn die Menschen nicht das Gefühl haben, dass die Regierung in der Pandemiebekämpfung weiß, was sie tut. Eine Mehrheit der Deutschen vertraut darauf nicht mehr: 59 Prozent der Befragten befürchten, dass die Politiker mit ihren Aufgaben überfordert sind, das ist ein Anstieg von elf Prozentpunkten gegenüber dem Sommer. „Die von vielen Menschen als hochgradig kritisch eingestufte Impfsituation dürfte den Unmut über die Politik weiter in die Höhe treiben“, prognostiziert Politikwissenschaftler Schmidt. Zwar hatte die Kanzlerin in ihrer Neujahrsansprache davon gesprochen, dass die Hoffnung mit den ersten Geimpften nun „Gesichter“ habe, doch der Start der Impfkampagne kurz vor dem Jahreswechsel scheint an der Stimmungslage in Deutschland jedenfalls kurzfristig nichts geändert zu haben. 58 Prozent der Befragten befürchten der Studie zufolge, dass nun Lockdown auf Lockdown folgt, bis alle geimpft sind.

          Ängstlich blicken die Deutschen auch auf die Zukunft der Wirtschaft. Der Dax, der im ersten Lockdown im März stark eingebrochen war, zeigt sich nun weitgehend unbeeindruckt vom Stillstand in weiten Teilen der Wirtschaft und liegt nah beim absoluten Höchststand. Vielleicht rührt daher die Furcht, dass es auch wieder bergab gehen kann.

          58 Prozent der Befragten jedenfalls fürchten einen Konjunktureinbruch, das ist der höchste Wert seit der Finanzmarktkrise. Damals lag der Wert bei mehr als 60 Prozent. „Die umfangreichsten Finanzhilfen für die Wirtschaft in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland wirken dämpfend auf die Ängste“, sagt Schmidt. „Zusammen mit der wiedergewonnenen Exportdynamik verhindern sie einen größeren Abschwung und entschärfen die Krise.“

          Die Angst vor dem Verlust des eigenen Arbeitsplatzes ist wesentlich geringer als die Sorge vor der Entwicklung der wirtschaftlichen Lage insgesamt. Trotz steigender Arbeitslosenzahlen gaben nur 21 Prozent der Befragten an, um den eigenen Arbeitsplatz zu bangen. Im März hatte diese Sorge noch 24 Prozent, im Sommer 25 Prozent umgetrieben.

          Politikwissenschaftler Manfred Schmidt führt dies auf das Kurzarbeitergeld zurück: „Dessen massenhafter Einsatz und die Garantie, die Kurzarbeit zu verlängern, wirken wir ein automatischer Konjunkturstabilisator“, sagt er. „Das ist in den Augen des Großteils der Arbeitnehmer und der Gewerkschaften eine Beschäftigungsgarantie und stabilisiert die politische Lange in großem Umfang.“ Da hat es die Angst dann schwerer.

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