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Labortests und Infektionen : Warum die Corona-Fallzahlen nicht nur wegen mehr Tests steigen

An der Kapazitätsgrenze: Den Laboren in Deutschland macht die Ausweitung der Corona-Tests zu schaffen. Bild: dpa

In der vergangenen Woche wurden hierzulande mit etwa 875.000 Proben so viele Corona-Tests wie nie zuvor gemacht. Dennoch erklärt das allein nicht den Anstieg der Infektionszahlen.

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          Binnen drei Wochen ist die Zahl der Corona-Tests in Deutschland rund um die Hälfte gestiegen. Während in der Woche vom 20. Juli bis 26. Juli noch 570.746 Labortests durchgeführt wurden, waren es in der vergangenen Woche vom 10. bis 16. August 875.524 Labortests. Laut den am Donnerstag veröffentlichten Zahlen des Robert Koch-Instituts (RKI) wurden damit seit Beginn der Pandemie mehr als zehn Millionen Corona-Tests durchgeführt. Der Anstieg in den vergangenen Wochen, als Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) eine Testpflicht für Reiserückkehrer aus Risikogebieten anordnete, war deutlich. Auch eröffneten zahlreiche neue Testmöglichkeiten an Autobahnen, auf Flughäfen und in Bahnhöfen.

          Niklas Zimmermann
          Redakteur in der Politik.

          Sind die erhöhten Infektionszahlen nur auf die höheren Testzahlen zurückzuführen?

          Nein. Eine Erhöhung der Tests kann zu einem Anstieg der Fallzahlen führen, da zuvor unentdeckte Fälle entdeckt werden. Doch die steigenden Fallzahlen sind nicht allein mit dem vermehrten Testaufkommen zu erklären. Wenn es plötzlich in einem Landkreis zu einem Ausbruch kommt, in dem sich die Zahl der gemeldeten Infektionen vervielfacht, wie es an verschiedenen Orten in Deutschland geschehen – müsste man davon ausgehen, dass sich auch die Anzahl der Tests vervielfacht. Dem ist aber nicht so. Hauptverantwortlich für die laut dem RKI in den vergangenen Wochen gestiegenen Infektionszahlen sind konkrete Infektions-Cluster in einzelnen Landkreisen. Diese hingen mit größeren Feiern, Freizeitaktivitäten, der Situation an Arbeitsplätzen, in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und Flüchtlingsunterkünften zusammen. Und immer stärker mit den Reiserückkehrern, das zeigen auch die Nachrichten aus den Kommunen. 

          Auch das RKI verweist jedoch darauf, dass die Tests im März und April und jene in den vergangenen Wochen unter sehr unterschiedlichen Bedingungen abliefen. Mittlerweile wird viel mehr verdachtsunabhängig getestet, gerade in den neuen Teststationen. Ein anschauliches Beispiel, um die These widerlegen, dass die höheren Fallzahlen auf mehr Tests zurückzuführen sind, ist aber folgendes: In der Woche vom 30. März bis 5. April fanden in Deutschland 408.348 Corona-Tests statt. In der vergangenen Woche vom 10. bis 16. August fanden mit 875.524 Proben mehr als doppelt so viele Tests statt. Während Anfang April 36.885 positive Tests gezählt wurden, waren es in der vergangenen Woche 8407 positive Proben. Die Positivenrate pro Test betrug Anfang April rund neun Prozent. Mittlerweile wird bei einem von 100 Corona-Tests eine Infektion festgestellt. Auch wenn ein positiver Test nicht gleich eine am Coronavirus erkrankte Person bedeutet, da manche mehrmals getestet werden, zeigt ein genauer Blick in die Statistik: Im Laufe des Frühjahrs und des Sommers ist es sehr wohl geschehen, dass die Zahl der Tests abgenommen und dennoch die Fallzahlen hochgingen – und umgekehrt.

          Welche Rolle spielen falsch-positive Ergebnisse?

          Das Robert Koch-Institut spricht von bewussten Falschnachrichten, die im Zusammenhang mit den klassischen PCR-Tests mit einem Spatel aus der Nasen-Rachen-Schleimhaut verbreitet werden. Demnach seien Aussagen, wonach bei 30 bis 50 Prozent der Tests fälschlicherweise eine Infektion angezeigt wird, schlicht falsch. Tatsächlich gibt es falsch-positive Testergebnisse. Aber das sind Einzelfälle. Fachleute sprechen davon, dass die Fehlerquote bei unter fünf Prozent liegt. Wenn Zweifel bestehen, wird in aller Regel ein Zweittest angeordnet.

          Kommen die Labore mit den Tests an ihre Kapazitätsgrenze?

          Je länger die Corona-Pandemie dauert, desto größer werden die Testkapazitäten. Laut dem RKI waren die Labore Anfang April, als bisher die meisten Neuinfektionen in Deutschland gemeldet wurden, in der Lage, rund 100.000 Tests pro Tag durchzuführen. Mittlerweile sind es rund 190.000 Tests pro Tag. Da die Zahl der übermittelnden Labore in dem Zeitraum nur von 113 auf 157 gestiegen ist, heißt das auch, dass die Labore an Effektivität zugelegt haben.

          Dennoch ist es richtig, dass die neue Testpflicht für Reiserückkehrer aus Risikogebieten und das intensivierte Testen die Labore vor extreme Herausforderung stellen. Das schreibt auch das RKI in einem aktuellen Bericht: „Bei steigender Anzahl durchgeführter Tests und aufgrund von Lieferengpässen bei weltweit steigender Nachfrage können sich die freien Kapazitäten in den nächsten Wochen reduzieren.“ Zuvor schon schlug der Interessenverband der akkreditierten medizinischen Labore in Deutschland (ALM) Alarm. Eine unkritische und nicht-gezielte Ausweitung der PCR-Tests könne die fachärztlichen Labore ungewollt in Bedrängnis bringen, schreibt der ALM in einer Mitteilung. Jan Kramer, Geschäftsführer des Laborverbunds LADR, sagt: „Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben schon während der Hochphase im Frühjahr großartige Arbeit geleistet. Aber weder Maschinen und erst recht nicht Menschen können über lange Zeit sieben Tage die Woche 24 Stunden durchackern.“

          Testzentren an Autobahnen und Flughäfen

          Schon als in der vergangenen Woche beispielsweise in Baden-Württemberg eine Teststelle auf einem Autobahnparkplatz im südbadischen Neuenburg eröffnet wurde, sagte Landesgesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne), dass es vom Test bis zur Bekanntgabe des Ergebnisses maximal vier Tage dauern könnte. Der Minister sagte dies, um Druck von den Laboren zu nehmen. Laut der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg sei es aber weiter das Ziel, die getesteten Personen innerhalb von 48 Stunden zu informieren.

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