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Von Hamsterkäufen und Politik : „Ein Feuerwerk des Wahnsinns“

Hamstern: Der Kauf von irrationalen Mengen ist nach Ansicht von Psychologen der Versuch, durch „Aktion die Angst zu beruhigen“. Bild: Marcus Kaufhold

Drei unerwartet gelassene Mediziner sprechen in einer Runde über die Coronavirus-Epidemie – und kritisieren die Behörden für ihre Krisenkommunikation.

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          Sie fordern ein „Konzert der Beruhigung“ in Zeiten der Unsicherheit und müssen doch selbst manchmal darauf achten, ihre Stimme unter Kontrolle zu halten: Bei einer Podiumsdiskussion sind sich drei Mediziner begegnet, die sich in einem einig sind: Nicht das Coronavirus wird Deutschland ins Ungleichgewicht bringen, sondern der Umgang damit. „Vor einigen Tagen hat die Politik die Regie übernommen, was in einer medizinischen Lage nicht das Beste ist, was man machen kann“, sagt Leo Latasch, Mitglied im Deutschen Ethikrat und ehemaliger Ärztlicher Leiter der Abteilung Rettungsdienst beim Gesundheitsamt Frankfurt. Latasch ist der Einladung der Montagsgesellschaft gefolgt, über die „wahre Gefahr“ des Coronavirus zu diskutieren. Mit ihm auf dem Podium sitzen der Infektionsepidemiologe und Ärztliche Direktor des Nordwestkrankenhauses, Klaus-Peter Hunfeld, sowie der Psychologe Uwe Böning.

          Marie Lisa Kehler

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Publikum ist nicht sehr zahlreich erschienen – die meisten Interessierten haben sich dazu entschieden, die Diskussionsrunde per Livestream von zu Hause aus zu verfolgen. Und was sie dann sehen, ist nach all den Meldungen in den vergangenen Tagen nicht unbedingt das, was sie erwartet haben dürften. Denn auf dem Podium sitzen drei gelassene Experten, die versuchen, der Panikmache mit Fakten entgegenzutreten – und dabei nicht einmal den vorgeschriebenen Mindestabstand zueinander halten.

          Verwunderung über die drastischen
          Maßnahmen

          „Wir haben einen Panikzustand erreicht, der nicht dem entspricht, womit wir es zu tun haben“, sagt Latasch. Dabei könne ein Blick auf die Zahlen des Gesundheitssystems beruhigen: Deutschland verfüge über etwa 28.000 Intensivbetten, von denen nach aktuellem Stand etwa 24.000 belegt seien. „Wir haben einen ordentlichen Puffer.“ Nachdem die Kliniken angewiesen worden seien, planbare und nicht notwendige Operationen zu verschieben, dürfte nach Einschätzung von Latasch die Zahl der freien Betten auf etwa 5000 steigen. Zur Einordnung: Aktuell sind in Deutschland etwa 7000 Menschen mit dem Coronavirus infiziert, die allermeisten weisen milde oder keine Krankheitssymptome auf. Etwa 500 werden der Deutschen Krankenhausgesellschaft zufolge derzeit in einer Klinik betreut.

          Auch Klaus-Peter Hunfeld ist verwundert über die drastischen Maßnahmen der Politik. „Warum bei diesem Virus? Diese Frage kann mir keiner beantworten.“ Schließlich habe es ähnliche Lagen in der Vergangenheit durchaus schon gegeben, etwa beim Ausbruch der Schweinegrippe. Damals jedoch ohne vergleichbare Einschränkungen für das öffentliche Leben. Es sei der Bevölkerung gar nicht vorzuwerfen, dass sich ihre Unsicherheit in Aktionismus wie zum Beispiel Vorratskäufen äußere. Es handele sich dabei um eine „populationsgenetisch verankerte Angst“, meint Hunfeld. Genau deshalb gelte es den Menschen „Hilfestellungen zur Interpretation“ der Lage anzubieten.

          Fehlende „angstmindernde Kommunikation“

          Ähnlich sieht es auch Psychologe Uwe Böning. Er kritisiert, dass bei der Krisenkommunikation vernachlässigt worden sei, die Bevölkerung mitzunehmen. Es fehle an „angstmindernder Kommunikation“. Böning überlegt, gemeinsam mit weiteren Kollegen in den nächsten Tagen eine Art Notfalltelefon einzurichten, um Anrufern zu helfen, ihre Ängste besser einzuordnen. Der Kauf von irrationalen Mengen von Toilettenpapier ist seiner Ansicht nach auch der Versuch, durch „Aktion die Angst zu beruhigen“.

          Hunfeld nennt das, was gerade passiere, „ein Feuerwerk des Wahnsinns“. Wenn ein Land sich abschotte, Schulen schließe und das öffentliche Leben lahmlege, dann müsse es auch einen Plan geben, wann all diese Schritte wieder rückgängig gemacht werden. „Wir können das Land nicht 100 Jahre in einen Dornröschenschlaf schicken.“ Nicht für ein Virus, über das zumindest eines schon bekannt sei: Bis zu 90 Prozent der Infizierten entwickeln laut Hunfeld milde oder gar keine Symptome. Zehn bis 15 Prozent würden „klinisch spürbar krank“, etwa bei fünf Prozent sei eine Behandlung auf der Intensivstation erforderlich, die Sterblichkeitsrate liege derzeit zwischen 0,3 und einem Prozent. „Ist es verantwortlich, was wir hier machen“, fragt er deshalb.

          Dadurch, dass seitens der Behörden zunächst so unterschiedlich auf das Virus und die daraus abzuleitenden Maßnahmen reagiert worden sei, sei die Verunsicherung in der Bevölkerung gestiegen. Deshalb, so sagt Hunfeld, sei er zumindest froh, dass nun weitestgehend einheitlich kommuniziert werde. „Eine schlechte Entscheidung ist besser als gar keine.“

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