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Debatte um Lockerungen : Maskenpflicht soll nicht voreilig fallen

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Die generelle Maskenpflicht in der Münchner Innenstadt wurde aufgehoben. Bild: Peter Kneffel/dpa

Vor allem für Innenräume, wo Aerosole das Virus verbreiten, fordert kaum jemand ein Ende der Maskenpflicht. Weil die Impfquote noch nicht hoch genug sei, raten Intensivmediziner auch draußen zur Vorsicht.

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          Die Maskenpflicht draußen tendenziell lockern, aber in Innenräumen weiter Vorsicht walten lassen – darauf laufen die meisten Wortmeldungen in der aktuellen Debatte um Lockerungen hinaus. Politiker von Union und Grünen im Bundestag äußerten sich skeptisch. „Zwar sinken die Inzidenzen, die pandemische Situation entspannt sich. Allerdings ist die Gefahr des Coronavirus angesichts der ansteckenderen Virusmutationen noch nicht gebannt“, sagte der stellvertretende Vorsitzende der Unions-Fraktion Stephan Stracke (CSU) der Zeitung Welt. „Wir sollten deshalb weiter vorsichtig und umsichtig handeln.“ Die Maske sei neben der Impfung ein effektives Instrument im Kampf gegen Corona. „Deshalb warne ich vor einer vorschnellen Aussetzung der Maskenpflicht“, sagte Stracke.

          Auch die Grünen-Expertin Kordula Schulz-Asche mahnte weiter zur Vorsicht. „Das Abstandhalten und das Tragen einer Maske in bestimmten Situationen sind moderate Mittel, um gerade diejenigen zu schützen, die noch keinen vollständigen Impfschutz haben“, sagte die Berichterstatterin für Infektionsschutz in der Grünen-Bundestagsfraktion der Welt. Am ehesten könne die Maskenpflicht dort verantwortungsvoll gelockert werden, wo die Inzidenzwerte dauerhaft sehr niedrig seien und Menschen im Freien zusammenkämen, sagte Schulz-Asche. „Denn dann ist die Ansteckungsgefahr auch für Nicht-Immunisierte gering.“

          Die Diskussion kam in Gang, nachdem Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) am Sonntag die Länder aufgefordert hatte, die Maskenpflicht zu überprüfen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) befürwortete einen Verzicht auf die Maskenpflicht draußen als ersten Schritt, der FDP-Vorsitzende Christian Lindner forderte das sofort. Der Fraktionschef der Linken Dietmar Bartsch plädierte dafür, die Maskenpflicht in den Schulen nach den Sommerferien zu beenden.

          Gastronomie für Lockerungen zumindest draußen

          Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) begrüßte die Debatte. „Es ist richtig und konsequent, dass die Maskenpflicht auf den Prüfstand kommt, denn die Inzidenzzahlen sinken und die Impfquote steigt“, sagt Ingrid Hartges, Hauptgeschäftsführerin des Dehoga-Bundesverbandes, der Rheinischen Post. Jede Einschränkung – auch die Maskenpflicht – müsse nachvollziehbar, geeignet und verhältnismäßig sein.

          Insbesondere an der frischen Luft tendiere die Ansteckungsgefahr auch laut führender Aerosolforscher gen Null. Es sei jetzt Aufgabe der Politiker zu entscheiden, ob und wenn ja wo eine Maskenpflicht noch sinnvoll und im Rechtssinne verhältnismäßig ist.

          Noch nicht einmal die Hälfte durchgeimpft

          Die Intensivmediziner halten die Debatte für verfrüht. „Das Pandemiemanagement läuft derzeit sehr gut. Deshalb würde ich sagen, wenn wir in Punkto Impfquote bei 70 Prozent angelangt sind und die Inzidenzen weiterhin auf niedrigem Niveau bleiben – dann ist der richtige Zeitpunkt für solche Diskussionen gekommen“, sagte der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Gernot Marx, der Rheinischen Post.

          Aktuell hat in Deutschland fast die Hälfte der Bevölkerung mindestens eine Impfdosis gegen das Coronavirus erhalten, etwas mehr als ein Viertel gelten als vollständig geimpft.

          Obwohl die britische Impfkampagne weiter vorangeschritten ist und dort bereits fast 57 Prozent der Erwachsenen voll geimpft sind, breitet sich in Großbritannien derzeit die hochansteckende Delta-Virusvariante aus. Premierminister Boris Johnson verschob daher weitere Lockerungen. In Deutschland ist die zuerst in Indien identifizierte Delta-Variante derzeit für 2,5 Prozent der Neuinfektionen verantwortlich.

          Marx betonte weiterhin: „Wir haben ja gelernt, dass das Coronavirus vor allem über die Aerosole übertragen wird. Deshalb sollten wir in Innenräumen weiterhin Maske tragen.“ Hier könne sich das Virus sehr schnell verbreiten.

          Auch Schlangestehen im Freien kann Risiko bergen

          „Draußen aber, wenn genügend Raum da ist, um Abstand zwischen viele Menschen zu bringen, kann man durchaus die Maske einmal ablegen und ein bisschen frühere Normalität zurückgewinnen“, sagte Marx. „Werden es draußen zu viele Menschen, die nicht genug Abstand halten können – ich denke da an Schlangestehen vor einem Gartenlokal oder Biergarten, den beliebten Platz an der Sonne am Baggersee oder auch die Bushaltestelle – sollte man im Zweifel weiterhin besser seine Maske aufsetzen.“

          Der Intensivmediziner betonte: „Wir müssen und sollten wachsam bleiben und das Erreichte nicht leichtfertig aufs Spiel setzen. Beobachten wir nämlich wieder einen Anstieg, müssen wir auch bereit sein, Maßnahmen wieder zu verschärfen. Denn wir wollen letztendlich ja verhindern, dass viele schwer Erkrankte Menschen auf einer Intensivstation behandelt werden müssen.“

          Bildungsgewerkschaft warnt

          Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) warnte davor, die Maskenpflicht in den Schulen zu früh abzuschaffen. „Viele Klassenräume lassen sich nicht richtig lüften. Zudem gibt es bei der Bereitstellung und Einrichtung von Lüftungsanlagen noch erheblichen Nachholbedarf“, sagte GEW-Chefin Maike Finnern dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Viele Lehrkräfte seien zudem noch nicht vollständig geimpft.

          „Die Länder müssen die Sommermonate nutzen und in Sachen Hygieneschutz für Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler sowie deren Eltern nacharbeiten“, forderte die Gewerkschaftschefin. Es sei „bei aller berechtigten Hoffnung auf Normalität unredlich, eine Prognose abzugeben, wie sich das Infektionsgeschehen nach den Sommerferien gestalten wird.“ Jetzt bereits die vollständige Aufhebung der Maskenpflicht an Schulen anzuregen, komme zur Unzeit und setze ein falsches Zeichen.

          Eine deutliche Mehrheit der Bundesbürger ist einer Umfrage zufolge für eine Aufhebung der Maskenpflicht im Freien. Der Anteil betrage 80,5 Prozent, berichtete das „Handelsblatt“ unter Berufung auf eine Yougov-Umfrage. Für eine Aufhebung der Vorgaben auch in Innenbereichen waren demnach 35,2 Prozent. Befragt wurden am Montag 553 Personen.

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