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„Covid-Partys“ auf Mallorca : Sorge vor einer Tourismusphobie

Hunderte Deutsche hatten am Freitagabend ohne Gesichtsschutz wie in den Zeiten vor der Corona-Pandemie gefeiert. Bild: dpa

Angesichts der Zunahme der Corona-Neuinfektionen führen drei der beliebtesten Urlaubsziele in Spanien die Maskenpflicht in der Öffentlichkeit ein. Damit soll auch der Ruf der Touristen verbessert werden, der zuletzt wegen „Covid-Partys“ auf Mallorca gelitten hat.

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          Auf Katalonien und die Balearen folgt nun auch Andalusien. Die bevölkerungsreichste spanische Region will in dieser Woche ebenfalls die Maskenpflicht in der Öffentlichkeit einführen. Angesichts der Zunahme der Corona-Neuinfektionen haben sich damit drei der beliebtesten Urlaubsziele zu dieser Vorsichtsmaßnahme entschlossen. Regionalpräsident Juanma Moreno betonte am Wochenende, Andalusien befinde sich nicht in einer kritischen Lage, am besten aber sei es, rechtzeitig vorzubeugen. Zudem nannte er einen weiteren Grund: „In einigen kleinen Gemeinden entsteht eine Art Tourismusphobie, weil die Besucher ohne Maske kommen“, sagte der konservative Regierungschef.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Zwar strömen bisher weder einheimische noch ausländische Touristen an die Mittelmeerstrände. Doch vor allem die Bewohner kleinerer Orte, die von der Pandemie verschont geblieben waren, wollten schon vor der Grenzöffnung vor drei Wochen am liebsten unter sich bleiben. Das Misstrauen galt besonders den sechs Millionen Einwohnern der Hauptstadtregion, in der die Pandemie anfangs am heftigsten grassierte. Im Internet wurden die Madrider mit Hashtags wie „#madrilenosgohome“ aufgefordert, zu Hause zu bleiben.

          Anders als zum Beispiel in Gütersloh gab es in Spanien nie gesonderte Beschränkungen für stärker von Corona betroffene Regionen. Das Ende des Alarmzustands brachte am 21. Juni neben der Öffnung der Grenzen für die Spanier die Reisefreiheit im eigenen Land. Die „Madrileñofobia“ lebte wieder auf. Über die Angst vor den Madridern mit dem Virus im Gepäck debattieren mittlerweile auch Politiker. Sie schmerze dieser Pauschalverdacht, sagte die Madrider Regionalpräsidentin Isabel Díaz Ayuso.

          Hunderte Deutsche feiern auf Mallorca

          Ähnliche Sorgen waren zu hören, als sich Mallorca schon Mitte Juni wieder für ausländische Touristen öffnete. Früher war an den spanischen Küsten wegen des Massentourismus von einer „Touristenphobie“ die Rede, den Urlauberandrang verglichen manche mit einer spanischen Grippe. Am Wochenende erschraken viele über die Bilder von der „Bierstraße“ an der Playa de Palma. Hunderte Deutsche hatten am Freitagabend ohne Gesichtsschutz wie in den Zeiten vor der Corona-Pandemie gefeiert. Das zeigte auch ein Video der „Mallorca-Zeitung“: Sie hielten das Abstandsgebot nicht ein, tanzten, Alkohol floss in Strömen, ohne dass Wirte oder Polizei eingriffen. Am Samstagabend sorgten die Gastronomen nach Angaben der Zeitung dann selbst wieder für Ordnung. Gleichzeitig berichtete die lokale Presse aber auch von Dutzenden privat organisierter „Covid-Partys“, bei denen keinerlei Vorschriften eingehalten werden. Zusammen mit der für diesen Montag angekündigten Maskenpflicht will die balearische Regionalregierung auch gegen solche illegalen Partys härter durchgreifen. Der neue Bußgeldkatalog sieht Strafen von bis zu 600.000 Euro vor.

          Doch auf den Balearen regt sich auch Widerstand gegen die Maskenpflicht. In Palma gab es am Samstag eine Gegendemonstration, Hoteliers klagen seit der Ankündigung über Stornierungen aus Deutschland und Großbritannien. Auch auf dem spanischen Festland sind nicht alle von der Notwendigkeit des Gesichtsschutzes überzeugt, obwohl in Katalonien in der abgeriegelten Segrià-Provinz und im Großraum Barcelona die Zahlen weiter stark steigen und im ganzen Land rund 100 Infektionsherde gezählt werden. Eine landesweite Befragung im Auftrag des nationalen Gesundheitsministeriums widerlegt den Vorwurf, die Madrider seien rücksichtsloser als ihre Landsleute. In der Region um die baskische Stadt San Sebastián gaben 45,5 Prozent an, dass sie noch nie einen Mund- und Nasenschutz getragen hätten. In Madrid sind es weniger als fünf Prozent. Viele Bewohner der Hauptstadt tragen auf den Straßen freiwillig sogar FFP2-Masken.

          Mit Masken am Strand: Ehepaar im spanischen Calvia am Strand

          Strikte Maskenpflicht herrschte zumindest am Sonntag im Baskenland und in Galicien: Nur wer Mund und Nase bedeckte und die Hände desinfizierte, durfte bei den Regionalwahlen die Wahllokale betreten. Wegen neuer Infektionsherde in der galicischen Provinz A Mariña, in der zeitweise 70.000 Personen in Quarantäne mussten, war es zum politischen Streit darüber gekommen, ob die Wahlen überhaupt stattfinden könnten. Sie waren Anfang April wegen Corona auf den 12.Juli verschoben worden. Am Samstag hatte der Oberste Gerichtshof in Madrid in einer Eilentscheidung keine Einwände gegen die teils drastischen Maßnahmen, die die beiden Regionalregierungen ergriffen hatten: Insgesamt mehr als 400 positiv getestete Wähler müssen zu Hause bleiben und dürfen ihre Stimme nicht abgeben. Personen, die unmittelbar mit ihnen in Kontakt waren und deshalb in häuslicher Quarantäne sind, bekamen per SMS genaue Anweisungen. Sie sollten ihre Stimmzettel möglichst daheim ausfüllen und sie in die Wahlurnen werfen, wenn dort kaum Andrang herrscht.

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