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Landarzt Thomas Assmann : Die zweite Welle kommt bestimmt

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F.A.S.-Kolumnist Thomas Assmann, der Landarzt, befürchtet eine zweite Corona-Welle (Symbolbild). Bild: dpa

Wir stehen am Anfang der Pandemie, schreibt Thomas Assmann, Kolumnist der Sonntagszeitung. Er fordert: Wir alle müssen Verantwortung übernehmen!

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          Lieber Leser, eigentlich wollte ich über den Einfluss dieser Pandemie auf die verschiedenen Generationen schreiben, so hatte ich es mit der Redaktion besprochen, aber in den vergangenen Tagen, ja, man kann sagen, in den letzten 72 Stunden, hat sich so viel getan, dass ich den Eindruck habe, ich muss ein anderes Thema aufgreifen. Am Anfang der Krise wurde die Pandemie überwiegend unterschätzt, ich kann mich noch erinnern, als ich Ende Januar im Vorarlberg einen Bericht über Wuhan sah, das Virus und den Klinikbau. Mich befiel damals ein mulmiges Gefühl, so mulmig, dass ich direkt Masken und Schutzkleidung für meine Praxis bestellte. Meine Mitarbeiter waren darüber verwundert.

          Als ich rund vierzehn Tage später vom WDR befragt wurde, wie ich zu Karneval in diesen Zeiten stünde, war es mir zu heiß zu sagen, man solle den Karneval besser absagen. Als überzeugter Rheinländer hatte ich dafür doch zu starke Hemmungen, vor allem vor den weitreichenden Konsequenzen.

          Im März und April konnte man erkennen, dass die Zahl der Infizierten massiv anstieg und die Politik auf Anraten der Wissenschaft deutlich reagierte und den Shutdown ausrief. Die Infiziertenzahl ging herunter, und unser Gesundheitssystem wurde nicht überlastet. Diese ganzen Maßnahmen wurden von einer großen Solidarität unserer Gesellschaft, trotz aller Schwierigkeiten, getragen. Aber jetzt merke ich, dass während der vergangenen drei Tage dieser Konsens zerfällt. Er zerfällt nicht nur, nein, es bilden sich ganz neue Konflikte, Strömungen, ja sogar neue, radikale Parteien machen sich breit. Das macht mir Sorgen.

          Mir ist schon klar, die Wissenschaft muss keine politischen Entscheidungen treffen, und die Wissenschaftler sind sich ja auch nicht in allem einig. Und vor all den Unsicherheiten, die wir bisher über das Virus wissen, steht die Politik, die sich entscheiden muss, was zu tun ist. Gesundheit vor Wirtschaft oder andersrum? Was ist mit unserer Freiheit?

          In den digitalen Medien giften sich Menschen mit unterschiedlichen Meinungen dazu im Moment extrem an. Kein Verständnis für die Angst, die Sorge, die Welt der anderen. Selbst Freunde und Familien zerstreiten sich darüber. Meinem Eindruck nach ist dieser Hass, dieses Unverständnis anderen Meinungen gegenüber in den vergangenen Tagen immer dramatischer geworden. Das macht mir große Sorgen, weil wir diese Pandemie nur gemeinsam überstehen werden. Wir stehen am Anfang der Pandemie oder vielleicht ein paar Schritte davon entfernt, aber die Wahrscheinlichkeit für eine zweite Welle ist extrem hoch. Meiner Meinung nach wird sie sicher kommen, vor allem bei diesem Tempo der Lockerungen.

          Dem Virus ist es übrigens völlig egal, was wir über ihn denken und ob wir uns streiten. Kein Zusammenhalt, davon profitiert er. Jeder muss jetzt Verantwortung übernehmen, die Regeln befolgen, so schwer das Abstandhalten auch sein mag. Wir sollten diese gewonnene Zeit vor der zweiten Welle nutzen, die Wirtschaft in Gang zu bringen, Ideen zu entwickeln, wie uns ein zweiter kompletter Shutdown erspart werden kann, sowie unser Gesundheitssystem wie auch unseren eigenen Alltag auf diese zweite Welle vorzubereiten. Meine große Bitte: Lassen Sie uns zusammen diese Schritte gegen Covid-19 gehen und nicht irgendwelchen Fake News und Rattenfängern folgen. Übernehmen Sie Verantwortung für diese Gesellschaft.

          Herzlichen Gruß und eine gesunde Woche für Sie – Ihr Landarzt

          P.S: Noch ein Geheimtipp zu den Hygieneregeln, der an mich herangetragen wurde: Desinfizieren Sie sich mit einem Doppelwacholder und im direkten Anschluss mit einem großes Bier, dann zum Abschluss noch einen Marillenbrand. Sicher ist sicher. Sie sehen, mich verlässt trotz aller Sorge nicht der Humor. Trotzdem: Bitte nicht nachmachen.

          Dr. Thomas Assmann, 56 Jahre alt und Internist, hat eine Praxis im Bergischen Land. Er schreibt in der F.A.S. alle 14 Tage.

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