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Coronavirus in Afrika : „Ohne Soforthilfe sterben wir wie Fliegen“

Kampf gegen Covid-19: Feuerwehrleute versprühen Desinfektionsmittel in Gombe, einem besonders schwer betroffenen Stadtteil von Kinshasa. Bild: AFP

Zerfallende Gesundheitssysteme, ein Kreislauf an Krankheiten und hohe Staatsverschuldungen – Afrika ist für die Pandemie nicht gewappnet. Der kongolesische Geistliche Cibaka Cikongo über die Folgen der Corona-Krise auf dem Kontinent.

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          Herr Cikongo, in der Demokratischen Republik Kongo leben mehr als 80 Millionen Menschen auf einer Fläche, die ein Viertel so groß ist wie die Vereinigten Staaten. Bislang werden Covid-19 erst 20 Todesfälle zugerechnet. Welche Maßnahmen hat Ihre Regierung ergriffen?

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Drastische Maßnahmen: Schulen, Kirchen, Bars und Hotels wurden geschlossen, Massenversammlungen und große Beerdigungen verboten. Die öffentliche Verwaltung ist verlangsamt. Hier und da wurden öffentliche Waschbecken installiert. Die Hauptstadt Kinshasa wurde vom restlichen Land abgeriegelt und in Kinshasa der Stadtteil Gombe, das Zentrum der Krankheit in Kongo. Hinzu kommt die Empfehlung, freiwillig zu Hause zu bleiben.

          Funktioniert die Aufklärung?

          Die Menschen sind dank der klassischen und der sozialen Medien über die Pandemie und ihre Entwicklung informiert. Es gibt Clips und Lieder, die aus diesem Anlass gemacht wurden und über das Radio, Fernsehen und die sozialen Netzwerke verbreitet werden.

          Das sind Maßnahmen wie in reichen Ländern. Sind sie auch richtig für Afrika?

          Da es keine wirksame Therapie gibt, sind sie erforderlich. Sie sind das einzige Mittel, um die Ansteckung mit Sars-CoV-2 einzudämmen. In unserem Kontext enthüllen sie aber das Drama unserer armen Länder.

          Apollinaire Cibaka Cikongo ist promovierter Theologe und Priester. Außerdem engagiert er sich für die ländliche Entwicklung und Schulbildung in Kongo.

          Weshalb?

          Wir werden gebeten, unsere Hände regelmäßig zu waschen, haben aber keinen Zugang zu fließendem Wasser. Wir werden gebeten, in unseren Elendsquartieren eingesperrt zu bleiben, obwohl wir ohne Arbeit, Ersparnisse und soziale Sicherheit sind und nur dank der Krümel überleben, die wir mit unserem Einfallsreichtum jeden Abend nach Hause bringen. Wir werden gebeten, eine „soziale Distanzierung“ einzuhalten, während wir zusammengepfercht in den von unseren Staaten geschaffenen Slums leben, die uns ein enges Zusammenleben auferlegen. Wir werden gebeten, im Krankheitsfall in die Krankenhäuser zu gehen, obwohl das doch sterbende Orte sind, mit unzureichendem medizinischen Personal, zu wenig Ausrüstung und fehlender Hygiene.

          Ist das Gesundheitssystem gar nicht vorbereitet?

          Das öffentliche Gesundheitssystem Kongos zerfällt. Es funktioniert im Wesentlichen dank der katholischen Kirche, anderer Religionsgemeinschaften und internationaler Hilfe. Die Corona-Pandemie trifft uns in einer Zeit, in der das medizinische Personal bereits unter extremen Bedingungen arbeitet und wiederkehrende Epidemien wie Ebola und Cholera zu behandeln hat. Das Personal ist den Gefahren einer Ansteckung ausgesetzt, und Geräte gibt es nur wenig. Ein Beispiel: In meiner Region Ngandanjika im Zentrum des Landes haben wir nur ein Beatmungsgerät für 1,3 Millionen Menschen, es steht in einem katholischen Krankenhaus.

          Was hat Afrika aus schweren Krankheiten wie Ebola gelernt?

          Die jüngste Geschichte Subsahara-Afrikas ist leider ein permanenter Kreislauf schwerer Krankheiten, Epidemien und Pandemien. Mit ein wenig politischem Wohlwollen könnten wir die Häufigkeit der meisten Krankheiten beseitigen oder zumindest verringern. Denn sie sind vor allem auf schlechte Hygiene und schwierigen Zugang zu Trinkwasser zurückzuführen. Wir haben Wissenschaftler wie Jean-Jacques Muyembe, die ihre Kompetenz unter Beweis gestellt haben. Oft fehlen ihnen die finanziellen Mittel, um mehr zu leisten und nachhaltige Strategien zu entwickeln.

          Die Demokratische Republik Kongo ist bisher kaum vom Coronavirus betroffen.

          Das Wirtschaftssystem ist primitiv, und ein modernes, kostengünstiges Verkehrsnetz fehlt. Daher ist die Mobilität unserer Bevölkerung eingeschränkt und daher breitet sich das Virus in unserem Land langsam aus. Die Pandemie trifft bisher hauptsächlich die Politiker und Fachleute, die mit dem Westen Kontakt haben.

          Welche Hilfe erwarten Sie von reichen Ländern?

          In der gegenwärtigen Situation brauchen wir Soforthilfe, damit sich die Pandemie nicht in Afrika ausbreitet. Sonst werden wir wie Fliegen sterben. Nützlich ist Hilfe langfristig nur, wenn die Staatengemeinschaft nicht länger in Komplizenschaft mit unseren Diktatoren arbeitet, sondern sich für die Festigung der Demokratie und des Staates einsetzt. Afrika hat die Menschen und alle materiellen Ressourcen, die es für ein menschenwürdiges Leben braucht. Es fehlen aber anständige und verantwortungsbewusste Politiker.

          Was meinen Sie damit?

          Seiner nationalen Mission ist der Staat seit der Unabhängigkeit 1960 nicht gerecht geworden. Er ist ein Apparat, der den Machthabern dient. Makaber ist die Bilanz bei den Menschenrechten, der Regierungsführung und der Demokratie. Wir sind zuversichtlich, dass die neue Regierung, die aus den Wahlen 2018 hervorgegangen ist, es anders machen wird. Wir haben aber gelernt, schönen Worten nicht zu vertrauen.

          Welche Bedeutung hat dann die Arbeit der Kirche?

          Die katholische Kirche spielt eine wichtige Rolle. Sie bietet mehr als die Hälfte der sozialen Dienste an, insbesondere in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Landwirtschaft und Fürsorge für alleinstehende Kinder, die in Kongo ein großes soziales Problem sind. Sie ist bei den Armen.

          Papst Franziskus forderte in seiner Osterpredigt einen Schuldenerlass. Der Internationale Währungsfonds hat angekündigt, einigen armen Ländern Schulden zu erlassen. Was halten Sie davon?

          Die Verschuldung der afrikanischen Länder ist eine Ungerechtigkeit. Verknüpft ist sie mit einer unmoralischen Weltwirtschaftsordnung, die materielle Interessen über den Menschen stellt. Ein Schuldenerlass wäre kein Gefallen für die Armen, sondern ein Gefallen der Kreditgeber für sich selbst als Reinigung und Buße für die Verbrechen, die mit der Verschuldung verbunden sind. Die Schulden sind ein Wucherfonds, der in Komplizenschaft mit unseren Diktatoren funktioniert. Sie sind eine Last auf den Menschen eines Landes voller Ressourcen, dessen Zukunft aber über Generationen verpfändet ist.

          Der Schuldenerlass also als humanitäre Pflicht?

          Ja. Den Geldgebern bringt das keinen wirtschaftlichen Verlust, sie haben ja bereits viel profitiert. Und alle Steueroasen der Welt kennen unsere afrikanischen Staats- und Regierungschefs. In die leiten sie ja die veruntreuten Gelder. Nun hätten diese Steueroasen die Gelegenheit, die Gelder zugunsten der Armen einzusetzen. Der ethisch zwingende Schuldenerlass muss intelligent erfolgen und mit dem Willen für eine neue politische Ordnung in Afrika, die von den reichen Ländern befürwortet werden muss.

          In reichen Ländern gibt es Ernährungssicherheit, bei Ihnen ein Hungerrisiko.

          Darin liegt das Drama. In einem Land mit geringer landwirtschaftlicher Produktion, das trotz seines Potenzials stark von Importen abhängt, um den Bedarf seiner Grundnahrungsmittel zu decken, bedeuten die Einstellung der Arbeit und das Zuhausebleiben für die meisten Selbstmord. Das gilt besonders für die städtischen Zentren, wo man von dem überlebt, was man täglich verdient. Die Dörfer können sich selbst versorgen. Es ist möglich, dass die großen städtischen Zentren wie Kinshasa, Lubumbashi und Mbujimayi sich nicht lange halten, zumal die Preise für die täglichen Lebensmittel steigen.

          Drohen aufgrund der Pandemie soziale Unruhen?

          Alles hängt von der Fähigkeit der Regierung ab, diese Krise zu bewältigen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Lebensmittellager geplündert werden.

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