https://www.faz.net/-guw-9ykqs

Coronavirus in Afrika : „Ohne Soforthilfe sterben wir wie Fliegen“

Welche Hilfe erwarten Sie von reichen Ländern?

In der gegenwärtigen Situation brauchen wir Soforthilfe, damit sich die Pandemie nicht in Afrika ausbreitet. Sonst werden wir wie Fliegen sterben. Nützlich ist Hilfe langfristig nur, wenn die Staatengemeinschaft nicht länger in Komplizenschaft mit unseren Diktatoren arbeitet, sondern sich für die Festigung der Demokratie und des Staates einsetzt. Afrika hat die Menschen und alle materiellen Ressourcen, die es für ein menschenwürdiges Leben braucht. Es fehlen aber anständige und verantwortungsbewusste Politiker.

Was meinen Sie damit?

Seiner nationalen Mission ist der Staat seit der Unabhängigkeit 1960 nicht gerecht geworden. Er ist ein Apparat, der den Machthabern dient. Makaber ist die Bilanz bei den Menschenrechten, der Regierungsführung und der Demokratie. Wir sind zuversichtlich, dass die neue Regierung, die aus den Wahlen 2018 hervorgegangen ist, es anders machen wird. Wir haben aber gelernt, schönen Worten nicht zu vertrauen.

Welche Bedeutung hat dann die Arbeit der Kirche?

Die katholische Kirche spielt eine wichtige Rolle. Sie bietet mehr als die Hälfte der sozialen Dienste an, insbesondere in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Landwirtschaft und Fürsorge für alleinstehende Kinder, die in Kongo ein großes soziales Problem sind. Sie ist bei den Armen.

Papst Franziskus forderte in seiner Osterpredigt einen Schuldenerlass. Der Internationale Währungsfonds hat angekündigt, einigen armen Ländern Schulden zu erlassen. Was halten Sie davon?

Die Verschuldung der afrikanischen Länder ist eine Ungerechtigkeit. Verknüpft ist sie mit einer unmoralischen Weltwirtschaftsordnung, die materielle Interessen über den Menschen stellt. Ein Schuldenerlass wäre kein Gefallen für die Armen, sondern ein Gefallen der Kreditgeber für sich selbst als Reinigung und Buße für die Verbrechen, die mit der Verschuldung verbunden sind. Die Schulden sind ein Wucherfonds, der in Komplizenschaft mit unseren Diktatoren funktioniert. Sie sind eine Last auf den Menschen eines Landes voller Ressourcen, dessen Zukunft aber über Generationen verpfändet ist.

Der Schuldenerlass also als humanitäre Pflicht?

Ja. Den Geldgebern bringt das keinen wirtschaftlichen Verlust, sie haben ja bereits viel profitiert. Und alle Steueroasen der Welt kennen unsere afrikanischen Staats- und Regierungschefs. In die leiten sie ja die veruntreuten Gelder. Nun hätten diese Steueroasen die Gelegenheit, die Gelder zugunsten der Armen einzusetzen. Der ethisch zwingende Schuldenerlass muss intelligent erfolgen und mit dem Willen für eine neue politische Ordnung in Afrika, die von den reichen Ländern befürwortet werden muss.

In reichen Ländern gibt es Ernährungssicherheit, bei Ihnen ein Hungerrisiko.

Darin liegt das Drama. In einem Land mit geringer landwirtschaftlicher Produktion, das trotz seines Potenzials stark von Importen abhängt, um den Bedarf seiner Grundnahrungsmittel zu decken, bedeuten die Einstellung der Arbeit und das Zuhausebleiben für die meisten Selbstmord. Das gilt besonders für die städtischen Zentren, wo man von dem überlebt, was man täglich verdient. Die Dörfer können sich selbst versorgen. Es ist möglich, dass die großen städtischen Zentren wie Kinshasa, Lubumbashi und Mbujimayi sich nicht lange halten, zumal die Preise für die täglichen Lebensmittel steigen.

Drohen aufgrund der Pandemie soziale Unruhen?

Alles hängt von der Fähigkeit der Regierung ab, diese Krise zu bewältigen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Lebensmittellager geplündert werden.

Weitere Themen

Topmeldungen

Libanon : Deutsche Diplomatin bei Explosion in Beirut getötet

Bei der verheerenden Explosion in der libanesischen Hauptstadt Beirut ist auch eine Mitarbeiterin der deutschen Botschaft getötet worden. Außenminister Maas zeigte sich bestürzt: „Unsere schlimmste Befürchtung hat sich bestätigt.“

Hiroshima 1945 : Acht Zeitzeugen über Krieg und Kapitulation

Zum ersten Mal wurde am 6. August 1945 eine Atombombe in einem Krieg eingesetzt. In Hiroshima wurden mehr als hunderttausend Menschen getötet – unter Trümmern, im Feuersturm oder durch Verstrahlung. Acht Japaner über ihr Leben im Krieg, die Bombe und die Kapitulation des Kaisers.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.