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Tönnies und Heinsberg : Klimaanlagen könnten Corona-Ausbrüche begünstigt haben

  • -Aktualisiert am

Professor Martin Exner stellt in Gütersloh eine Untersuchung vor. Bild: Reuters

Hygiene-Experte Martin Exner untersucht den Corona-Ausbruch bei Tönnies. Er hat einen Risikofaktor ausgemacht, der bislang nicht im Blick der Wissenschaft gewesen sei – und auch schon im Kreis Heinsberg eine Rolle gespielt habe.

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          Eine wesentliche Ursache für den Corona-Massenausbruch im Stammwerk des Fleischunternehmens Tönnies in Rheda-Wiedenbrück könnte nach Einschätzung des Bonner Hygiene-Fachmanns Martin Exner die Lüftungs- und Kühlungsanlage im Zerlegebetrieb sein. „Es handelt sich um einen neu erkannten Risikofaktor“, sagte Exner. Es sei bisher nicht bekannt gewesen, dass Aerosole – über die das Virus verbreitet werden kann – durch Lüftungsanlagen in Bewegung gehalten werden können.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Exners Erkenntnisse dürften weitreichende Konsequenzen für alle anderen Fleischbetriebe und auch weitere Teile der Lebensmittelbranche haben. Viele Betriebe können damit rechnen, ihre Lüftungsanlagen nun umrüsten zu müssen. Für das neu erkannte Problem gebe es bisher keine gesetzliche Regulierung, sagte Exner. Bei Infektionserregern wie dem Coronavirus müsse man noch viel lernen, „um aus Übertragungswegen Regulierungen zu machen“.

          In dem Betriebsteil bei Tönnies hatte sich das Virus in den vergangenen Wochen zunächst unbemerkt verbreitet. Mittlerweile wurde bei rund 1500 Mitarbeitern eine Infektion festgestellt. Rheda-Wiedenbrück ist damit der aktuell größte Corona-Hotspot in Deutschland. Exner, der der Direktor des Instituts für Hygiene und öffentliche Gesundheit der Universität Bonn ist, hatte sich am Samstag und Sonntag im Auftrag des Kreises Gütersloh bei Tönnies auf Ursachensuche begeben. Er war auch an der sogenannten Heinsberg-Studie beteiligt, bei der es darum ging, die rasante Virusausbreitung während einer Karnevalssitzung nachzuzeichnen. Exner hatte herausgefunden, dass die Luft in dem Saal durch die Klimaanlage mit nur 20 bis 30 Prozent Frischluft aufbereitet worden war und der eingesetzte Filter nicht in der Lage war, das Virus bei der Luftumwälzung zurückzuhalten.

          Ähnlich sieht der Befund aus, den Exner am Mittwochnachmittag gemeinsam mit Landrat Sven-Georg Adenauer (CDU) präsentierte. Exner sagte, im Zerlegebetrieb einer Schlachterei werde die Luft auf 6 bis 10 Grad Celsius heruntergekühlt. Zugleich müssten die Arbeiter mit hoher Geschwindigkeit und unter harter, körperlicher Belastung die geschlachteten Tiere zerlegen. Um die Temperatur niedrig zu halten, werde die Luft aus dem Raum gezogen, gekühlt und zurück in den Raum geleitet, ohne aufbereitet zu werden. Exner schlug Hochleistungsfilter und UV-Strahlen als Lösung vor. 

          Der Forscher ist nun beauftragt worden, die Erkenntnisse in einer Arbeitsgruppe gemeinsam mit Wissenschaftlern des Robert-Koch-Instituts und des NRW-Landeszentrums für Gesundheit aufzuarbeiten und technische Lösungswege aufzuzeigen. 

          Nicht jede Klimaanlage ist laut Exner ein Risikofaktor. In neuen Flugzeugen herrsche zum Beispiel keine Gefahr, was die Lüftung betrifft – obwohl die Menschen noch enger beieinander sitzen. Die Luft werde dort aber nach unten abgezogen und erst über Hochleistungsfilter wieder zurück ins Flugzeug geführt. Bei älteren Flugzeugen könnte die neue Erkenntnis hingegen durchaus eine Rolle spielen, so Exner.

          Wichtig sei, weiterhin die „klassischen Maßnahmen“ zu beherzigen, so Exner. So müssten Abstände eingehalten und sichergestellt werden, dass erkrankte Mitarbeiter nicht am Arbeitsplatz erscheinen. Denn wenn die Luft wie in einem Zerlegebetrieb ständig zirkuliere, ohne aufbereitet zu werden, „dann ist das ein kritischer Faktor“. Verschärft werde das Problem durch den Umstand, dass rund 20 Prozent der Corona-Infizierten keinerlei Symptome zeigten. Deshalb sei es wichtig, dass Arbeiter in solchen Betrieben regelmäßig auf das Coronavirus getestet würden.

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