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Betreuungseinrichtungen öffnen : „Die Anforderungen an die Kitas sind realitätsfremd“

Lange waren all zuhause, langsam geht es zurück in die Kita, aber es wird für alle anders als vorher. Bild: dpa

In Sachsen durften alle Kinder auf einen Schlag wieder in die Kita. Ein Erzieher erzählt, wie die erste Woche funktioniert hat.

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          Sachsen geht in Sachen Kinderbetreuung in Corona-Zeiten seinen eigenen Weg. Seit vergangener Woche dürfen mit einem Schlag wieder alle Kinder in die betreuenden Einrichtungen. Paul ist seit sieben Jahren Erzieher in einer Einrichtung in Sachsen, dort betreut er Kinder unter wie über drei Jahren. Seinen richtigen Nachnamen will er an dieser Stelle nicht lesen. Auf Twitter findet man ihn unter Paul R. Landmann. Dort äußerte er vergangene Woche, vor dem sächsischen Kitastart, in Tweets seine Sorge zu der bevorstehenden Öffnung. Ihm geht es vor allem darum, dass die vom Land vorgegebenen Hygieneregeln vieles von dem untergrüben, was eigentlich pädagogisch wichtig sei für die Kleinen und was gerne mit dem Wort „bedürfnisorientiert“ umschrieben werde. Wir haben mit ihm nach der ersten Woche in der vollen Kita gesprochen.

          Lucia Schmidt

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Was hat Sie bewogen, all Ihre Sorgen zu twittern und damit für einiges Aufsehen zu sorgen?

          Auslösende Faktoren waren die Anforderungen, die an die Kita von der Politik gestellt werden, die teilweise aber völlig realitätsfremd sind, die in den Gebäuden, mit dem vorhandenen Personal und den pädagogischen Konzepten, die wir eigentlich für richtig halten, nicht vereinbar sind. Mein Eindruck ist, die Meinung von denen, die jeden Tag mit Kindern zusammen sind, wurde in den Handlungsempfehlungen nicht genügend berücksichtigt.

          Was war besonders schwierig die ersten Tage?

          Einiges, aber vielleicht mal zwei Beispiele: Wir sind angehalten, über den Tag regelmäßig zu desinfizieren, aber aufgrund der entstehenden Dämpfe nicht, wenn die Kinder im Raum sind. Nun sind wir so knapp besetzt in festgelegten Gruppen, dass wir eigentlich nie ohne Kinder im Raum sind. Ebenso ist vorgeschrieben, dass Toilettengänge so kurz wie möglich gehalten werden sollen. Das ist bei Kindern insgesamt nicht so gut steuerbar, erst recht nicht bei Kindern, die sich gerade erst von der Windel verabschiedet haben. Überhaupt das Thema Wickeln.

          Was gibt es dabei für Vorschriften?

          Wir haben keine Verpflichtung, Masken zu tragen, es wird uns Erziehern aber empfohlen – besonders bei hygienischen Maßnahmen wie dem Wickeln. Das ist besonders für Kleinkinder eine sehr intime Situation. Kinder erkennen ja mit Maske das Gesicht nicht, können keine Mimik lesen, den Mund nicht sehen. Das ist bindungstechnisch oder in Sachen Sprachentwicklung schwierig und widerspricht wissenschaftlichen Erkenntnissen.

          Gab es auch positive Erfahrungen in dieser Woche?

          Ich hatte ja große Bedenken, wie es mit der Übergabe morgens funktioniert, da die Eltern nicht viel Zeit in der Kita verbringen dürfen, aber das hat besser funktioniert, als ich dachte. Die Kinder haben sich teilweise wirklich gefreut, dass sie wieder kommen dürfen – und wir freuen uns auch, sie wiederzusehen.

          Wenn Sie mehr Mitspracherecht gehabt hätten, was hätten Sie anderes gemacht?

          Ich finde es absolut richtig, dass die Kinder wieder in die Kita gehen. Der Kitabesuch ist wichtig für Kinder, dort findet Bildung statt, auch soziale und emotionale. Es gibt Kinder, denen es zu Hause nicht so gutgeht, auch an die müssen wir denken. Aber wir wollen auch Kapazitäten haben, für die Kinder da zu sein – gerade in dieser Situation. Wir können auch die Eltern verstehen, die nach Entlastung suchen, weil sie neben dem Homeoffice die Kinderbetreuung unter einen Hut bringen mussten.

          Ganz konkret, wie kann man es besser machen?

          Definitiv nicht alle Kinder auf einmal kommen lassen. Sondern in einem wöchentlichen Stufenplan. Man hätte erst die Vorschulkinder kommen lassen können, sie stehen vor einer wichtigen Übergangszeit, in der sie begleitet werden müssen. Das Gleiche gilt für die, die von der Krippe wechseln.

          Hatten die Kinder viele Fragen?

          Das war durchmischt. Es gibt Kinder, die gut Bescheid wissen, die verstehen, dass man sich nicht drücken darf, dass es neue Regeln gibt, damit wir nicht krank werden. Andere wollen nicht drüber reden, die freuen sich einfach, ihre Freunde wiederzusehen. Wir weisen die Kinder daraufhin, was die Regeln sind. Wir begleiten sie dabei, mit den neuen Gegebenheiten klarzukommen, aber wir ermahnen sie nicht ständig.

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