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Schmierinfektion im Alltag : Kann ich mich im Supermarkt anstecken?

Wie lang halten sich Coronaviren im Supermarkt, auf Oberflächen? Bild: dpa

Man soll sich nicht ins Gesicht fassen, keine Türklinken berühren und auch Kleingeld gilt als Risikofaktor. Tatsächlich ist eine Schmierinfektion mit dem Coronavirus im Alltag nicht besonders wahrscheinlich.

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          Auch wenn die Corona-Krise gefühlt schon eine halbe Ewigkeit andauert: Unser Wissen über das Covid-19-Virus ist noch immer begrenzt. Unklar sind zum Beispiel mögliche Übertragungswege von Sars-CoV-2. Welche Risiken birgt etwa der Supermarkt? Dort kommt man mit Dutzenden potentiell kontaminierten Oberflächen in Kontakt, das reicht vom Einkaufswagen, zu dem man inzwischen verpflichtend greifen muss, bis hin zum Kleingeld, das einem an der Kasse in die Hand gedrückt wird. Wer sich dann ins Gesicht fasst, um seine Maske zurechtzuschieben oder sie abzunehmen, muss befürchten, sich infiziert zu haben. Theoretisch zumindest.

          Peter-Philipp Schmitt
          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Doch was möglich scheint, schließen Wissenschaftler weitgehend aus. Oder wie es beim Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) heißt: Infektionen „über das Berühren von Oberflächen, beispielsweise von Bargeld, Kartenterminals, Türklinken, Smartphones, Griffen von Einkaufswagen, Verpackungen oder Tüten“ sind bisher nicht bekannt. „Grundsätzlich können Coronaviren durch direktes Niesen oder Husten einer infizierten Person auf Oberflächen gelangen und eine Zeitlang überleben. Eine Schmierinfektion einer weiteren Person erscheint dann möglich, wenn das Virus kurz danach über die Hände auf die Schleimhäute des Mund- und Rachenraums oder die Augen übertragen wird.“ Sehr wahrscheinlich ist so eine Übertragung aber nicht, vor allem dann nicht, wenn man die allgemeinen Regeln der Hygiene wie regelmäßiges Händewaschen und Fernhalten der Hände aus dem Gesicht beachtet.

          Bisher gibt es nur wenige Studien, die sich mit dem Überleben des neuartigen Virus außerhalb seines Wirts beschäftigen. Bezug wird meist auf eine Veröffentlichung genommen, die Anfang Februar erschienen ist und vom Forscherteam um Günter Kampf (Greifswald) und Eike Steinmann (Bochum) zusammengestellt wurde. Sie umfasst Erkenntnisse aus 22 Studien über Coronaviren und deren Inaktivierung. Dabei wird zugrunde gelegt, dass sich Sars-CoV-2 ähnlich verhält wie andere Coronaviren, etwa Sars-CoV-1, das im Jahr 2002 die Sars-Pandemie auslöste, und Mers-CoV, das 2012 zum Mers-Ausbruch führte. Diese Viren können sich bei Raumtemperatur bis zu neun Tage lang auf Oberflächen wie Metall, Glas und Kunststoff halten und infektiös bleiben. Im Schnitt überleben sie vier bis fünf Tage. „Kälte und hohe Luftfeuchtigkeit steigern ihre Lebensdauer noch.“

          Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine Studie des amerikanischen Gesundheitsinstituts und der Seuchenschutzbehörde um Neeltje van Doremalen und Trenton Bushmaker (Hamilton) sowie Dylan H. Morris (Princeton). Sie haben die Stabilität von Sars-CoV-1 und Sars-CoV-2 in der Luft, auf Stahl, Kupfer, Kunststoff und Papier miteinander verglichen – unter Laborbedingungen. Die Studie, die Mitte März erschien, stellte fest, dass beide Viren eine ähnliche Halbwertszeit haben, auf Oberflächen und in Aerosolen, die etwa durch Husten in die Umgebungsluft abgegeben werden. Vermehrungsfähige Viren waren bis zu drei Stunden in Aerosol nachweisbar, auf Kupfer konnten nach vier und auf Karton nach 24 Stunden keine Viren mehr gefunden werden. Auf Edelstahl (bis zu 48 Stunden) und auf Kunststoff (bis zu 72 Stunden) hielten sich die Erreger am längsten. Allerdings nahm die Virusmenge über die Zeit stark ab, so stark, dass Experten wie Carolyn Machamer von der Johns Hopkins School of Medicine davon ausgehen, dass eine Übertragung zwar theoretisch denkbar, bei so kleinen Virusmengen aber höchst unwahrscheinlich ist. Zudem handelte es sich um Untersuchungen im Labor, ein allgemeines Übertragungsrisiko lässt sich daraus nicht ableiten.

          Die Stabilität von Coronaviren in der Umwelt hängt von vielen Faktoren ab: Temperatur und Luftfeuchtigkeit, aber auch Virusstamm und Virusmenge. Wer also die Hygieneregeln beachtet und sich so gut es geht vor einer möglichen Übertragung schützt, muss sich keine allzu großen Sorgen machen. Denn auch wenn eine Schmierinfektion denkbar scheint, sehr wahrscheinlich ist sie selbst im Supermarkt nicht.

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