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Kampf gegen Coronavirus : Warum wir Zeit gewinnen müssen

Temperaturmessung bei Einreisenden an der tschechischen Grenze Bild: dpa

Die weitere Verbreitung des Virus ist nicht mehr zu stoppen. Jetzt geht es darum, sie zu verzögern. Dafür müssen Massenveranstaltungen abgesagt werden, denn sie erschweren das Kontakt-Tracing.

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          Bundeskanzlerin Angela Merkel hat einen energischen Kampf gegen das Coronavirus gefordert und auf eine drohende Infektionswelle in den nächsten Monaten hingewiesen. Das Virus werde sich auch in Deutschland weiter ausbreiten, sagte Merkel am Montag bei einer deutsch-griechischen Wirtschaftskonferenz in Berlin und warnte damit vor falschen Hoffnungen. Das wirksamste Mittel sei es, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. „Wir erarbeiten uns also wertvolle Zeit.“

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Damit greift Merkel die Forderungen von Fachleuten auf, die Zeit gewinnen wollen, um das Gesundheitssystem nicht mit Covid-19-Kranken zu überlasten. Die Frage ist jetzt: Wie schnell breitet sich der Erreger aus, wenn er erst einmal angekommen ist, an einem Ort, in einer Region? Die Seuchenherde klein zu halten, empfehlen Wissenschaftler, damit also die Kurve der Infektionen abzuflachen.

          Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) folgt den Ratschlägen der Fachleute, wenn er nun Massenveranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern in Frage stellt. Denn das Kontakt-Tracing durch die Behörden – das schnelle Ausfindigmachen von Infizierten und ihrer Kontakte – wird durch Massenveranstaltungen extrem erschwert. Erst recht angesichts des aktuellen Anstiegs der Infektionszahlen.

          Jeder Fünfte muss intensiv behandelt werden

          Zeitgewinn muss gleich aus mehreren Gründen das Ziel sein: Erstens wird versucht, die Infektionszahlen so lange zu drücken, bis die Grippesaison hoffentlich bald endgültig vorbei ist. Das Influenzavirus belastet die Krankenhäuser und Arztpraxen ohnehin jedes Jahr, ein weiterer Erkältungserreger droht die Kapazitäten zu übersteigen. Das gilt auch und vor allem für die Intensivstationen, in denen die schwer erkrankten Covid-19-Patienten behandelt werden müssen. Immerhin jeder fünfte mit dem Virus Infizierte – damit muss aus bisherigen Erfahrungen gerechnet werden – muss intensiv behandelt werden.

          Zweitens will man Zeit gewinnen, bis brauchbare Medikamente zur Verfügung stehen. Wirkstoffexperimente gibt es mit einigen bereits für andere Infektionen zugelassenen Mitteln, doch noch ist unklar, wann das erste wirksame Coronavirus-Medikament offiziell empfohlen wird. Das gleiche gilt für den Impfstoff. Er könnte das Problem drastisch verkleinern, aber vor Anfang oder Mitte nächsten Jahres ist mit der Verteilung in Massen herstellbarer, getesteter Impfstoffe kaum zu rechnen, da sind sich alle Fachleute einig.

          Zeitgewinn soll drittens auch helfen, einen Großteil der Infektionen möglichst bis in die trockenere, wärmere Jahreszeit zu verschieben. Dahinter steht die zumindest theoretisch berechtigte Hoffnung, dass der Erreger dann wie bei der Grippe schwerer übertragbar und kaum überlebensfähig ist in der Umwelt. Bei Sars vor siebzehn Jahren funktionierte das: Tatsächlich trockenen die verhüllten Coronaviren sogar schneller aus als Influenzaviren.

          Wie vieles jedoch, was die Gefährlichkeit des Virus angeht, ist auch dies bisher kein gesichertes Wissen. Erst die nächsten Wochen werden zeigen, ob das Virus sich auch im Sommer weiter auszubreiten vermag.

          Was nun die Wirkung radikaler Eindämmungsmaßnahmen im Kampf gegen das Virus angeht, großräumige Quarantänen etwa, sind die Fachleute noch unschlüssig. Neue Studien aus dem chinesischen Epizentrum der Covid-19-Epidemie in Wuhan deuten darauf hin, dass zumindest das Reiseverbot die Ausbreitung um drei bis fünf Tage im Schnitt verzögert hat. Auf längere Sicht gesehen scheinen generelle Reiseverbote das deutlich schlechtere, ineffektivere Instrument verglichen mit den kleinräumigen Eindämmungsmaßnahmen zu sein. Vor allem Daten aus Singapur, Taiwan und Hongkong zeigen, dass es sich lohnt, früh und generell mehr zu testen, Kontakte konsequent zu verfolgen und die Personen zu Hause zu isolieren.

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