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„Jugendimpfen“ in Südtirol : Mit DJ und Partystimmung beim Impftermin

Die Clubs sind schon lange zu – in Südtirol will man junge Leute nun mit Partystimmung zum Impfen animieren. (Symbolbild) Bild: dpa

Während der Impfarzt die Spritze setzt, läuft „Wake Me Up“ von Avicii im Hintergrund: Mit „Astra-Zeneca-Partys“ soll in Südtirol möglichst schnell überschüssiger Impfstoff an junge Menschen verabreicht werden – mit Erfolg.

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          Wieder einmal beschreitet Südtirol in der Pandemiepolitik einen Sonderweg. Der Jüngste heißt „Open Vax Day&Night“ und scheint ein rasender Erfolg zu sein. In den vergangenen Monaten war die autonome Provinz in Norditalien immer wieder aus dem nationalen Gleichschritt im Kampf gegen das Coronavirus ausgeschert: mit kostenlosen freiwilligen Massentests, mit vorgezogenen Öffnungen und dann wieder einem frühzeitigen harten Lockdown. Ob die Provinz mit ihren gut 530.000 Einwohnern dabei besser oder schlechter als Italien insgesamt durch die Krise gekommen ist, wird diesseits wie jenseits der Provinzgrenzen bei Salurn fleißig debattiert.

          Matthias Rüb
          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Der „Open Vax Day&Night“ aber könnte zum Erfolgsmodell werden. Gemäß dem jüngsten Dekret der Regierung in Rom vom 18. Mai kann in den Regionen und autonomen Provinzen des Landes die einschlägige Impfpriorisierung ausgesetzt werden, um überschüssige Vakzine rasch zu verabreichen. Dabei handelt es sich vor allem um den Impfstoff von Astra-Zeneca, der gerade in den südlichen Regionen des Landes wegen Sorgen vor Nebenwirkungen buchstäblich boykottiert wird – zumal von älteren Menschen.

          In Südtirol standen fürs „Jugendimpfen“, immer abends von 17 bis 22 Uhr, gut 30.000 Dosen Astra-Zeneca zur Verfügung. Als zusätzlichen Anreiz fürs Impfen verfügte Rom, dass der „grüne Pass“ fürs freie Reisen sowie für den Zutritt zu Beherbergungs- und Gastronomiebetrieben, zu Strandbädern und Veranstaltungen schon 14 Tage nach der ersten Impfung und nicht erst nach dem zweiten „Schuss“ ausgestellt wird. Bei einer Immunisierung mit Astra-Zeneca gilt der „grüne Pass“ sogar neun Monate statt sechs Monate wie bei den anderen Impfstoffen. Das mag ein wenig nach Ramschverkauf für einen Impfstoff riechen, den nationale und europäische Behörden durch ständig wechselnde Vorschriften zur Verabreichung selbst zum „Risikovakzin“ gemacht haben.

          Tanzen ist freilich nicht erlaubt

          Beim Sanitätsbetrieb in Bozen hofft man, bis spätestens zum Herbst die allermeisten jungen Leute, zumal die Studenten und Schüler durchgeimpft zu haben, um im September wieder mit Präsenzunterricht ins Semester und ins Schuljahr starten zu können. Die Termine für die ersten „Impfevents“, wahlweise auch als „Astra-Zeneca-Partys“ beworben, waren in kurzer Zeit ausgebucht. Zur Anhebung der Stimmung wurden in Bozen, Brixen und Sterzing DJs angeheuert, zum Beispiel die in Südtirol weltberühmten Egon Santoni und Miran Trocker von der Seiser Alm. Besonders oft wurde „Wake Me Up“ von Avicii gespielt: „Weck‘ mich auf, wenn alles vorbei ist – das scheint mir ein gutes Omen zu sein für eine Generation, die plötzlich erlebt hat, wie Beziehungen und Freundschaften, die für die Entwicklung und das Erwachsenwerden so wichtig sind, durch ein Virus zerstört wurden“, begründete DJ Egon Santoni seine Musikauswahl.

          Tanzen war in den Impfzentren, etwa während der fünfzehnminütigen Beobachtungszeit nach der Verabreichung des Impfstoffs, freilich nicht erlaubt. Dennoch habe die musikalische Beschallung „Wunder gewirkt“, sagte Luca Armanaschi, der für den Sanitätsbetrieb diese „Impfevents“ koordiniert hat: „Wer geimpft ist, hat endlich das Recht, sich zu entspannen.“ Auch Florian Zerzer, Generaldirektor des Südtiroler Sanitätsbetriebs, beschrieb das Pilotprojekt als vollen Erfolg: „Innerhalb weniger Stunden haben wir die Dosen aufgebraucht, die in den ersten Impfsessionen für die Jugendlichen in den wichtigsten Zentren Südtirols zur Verfügung standen. Wir werden die Aktion in der nächsten Woche wiederholen.“

          Die Behörden in Bozen unterstrichen, dass die „Open Vax Day&Night“ auch für jüngere Arbeitnehmer eine gute Gelegenheit sei, sich impfen zu lassen: Statt sich für die Impfung einige Stunden freinehmen oder gar einen Urlaubstag opfern zu müssen, könnten sie nach Feierabend bei Musik und guter Stimmung des Piks setzen lassen.

          Die Tageszeitung „La Repubblica“ zitierte am Freitag einen Jugendlichen aus Bozen, der im Februar seinen 18. Geburtstag gefeiert hatte und am Donnerstagabend in den Bozener Messehallen als einer der ersten jungen Erwachsenen seine Impfung erhielt. „Wegen der seit Jahren sinkenden Geburtenzahlen in Italien sind gerade wir jungen Leute eine gefährdete Spezies. Wir haben viel unter der Einsamkeit gelitten, und so ist es nur gerecht, dass wir jetzt unsere Freiheiten zurückbekommen. Schließlich werden bald wir es sein, die unser Land am Laufen halten.“

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