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Italien nach Corona : Frauenrolle rückwärts

Mit dem Kinderwagen durch Rom: 27 Prozent der Italienerinnen geben ihren Beruf nach dem ersten Kind auf. Bild: EPA

Die Beschäftigungszahlen der Italienerinnen lagen vor der Corona-Krise unter dem europäischen Durchschnitt. Die Pandemie könnte die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern befeuern.

          3 Min.

          Die italienische Schriftstellerin Francesca Cavallo hat an Frauen appelliert, sich beim Wiederaufbau Italiens einzubringen. „Das Klima, das gerade geschaffen wird, könnte uns um fünfzig Jahre zurückwerfen.“ Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau ihren Arbeitsplatz verliert oder nicht in die Arbeitswelt zurückkehrt, steigt in Italien. Alte Rollenbilder bekommen mehr Gewicht.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Schon vor der Pandemie betrug die Beschäftigungsquote erwerbstätiger Frauen nur 49,9 Prozent, während der europäische Durchschnitt bei 67,3 Prozent lag. Dabei machen Frauen fast sechzig Prozent der italienischen Hochschulabsolventen aus, sind in Postgraduiertenstudiengängen stärker vertreten und schneiden bei Examen besser ab. Sobald eine Frau ein Kind bekommt, ändert sich alles. Kita-Plätze sind rar und teuer, es gibt keine gesetzliche Elternzeit für Männer, ein Kindermädchen kostet fast so viel wie ein Gehalt.

          27 Prozent der Frauen geben daher ihre berufliche Tätigkeit nach dem ersten Kind auf. Gelingt ihnen der Spagat, verdienen sie zumeist weniger als ihre Kollegen, bekleiden seltener Spitzenpositionen und erledigen den Großteil der Hausarbeit. Die Pandemie verschärft die Ungleichheit.

          Betreuungs-Boni

          Noch vor dem landesweiten Lockdown wurden Frauen ins Homeoffice geschickt, um die Schließung von Schulen und Kitas aufzufangen. Seit März kann man eine außerordentliche Elternzeit von fünfzehn Tagen oder ein Babysitter-Bonus von 600 Euro beantragen. Beides reicht nicht.

          Vor der Pandemie waren die Großeltern eine feste Stütze, aber die entfällt. Seit dieser Woche verschiebt sich die Situation weiter zuungunsten von Frauen. Die Öffnung der Arbeitswelt geht nicht mit der Öffnung von Schulen und Kitas einher, die für September geplant ist. Vor allem Handwerks- und Baubetriebe haben ihre Tätigkeit wiederaufgenommen, Sparten, die von Männern dominiert sind. 72 Prozent der 2,7 Millionen Menschen, die jetzt wieder zur Arbeit gehen dürfen, sind Männer. Deren massenhafte Rückkehr, schreiben die Ökonomen Alessandra Casarico und Salvatore Lattanzio im Online-Magazin Lavoce.info, werde „Frauen in den Familien mit weiteren Betreuungsaufgaben belasten und die Möglichkeit reduzieren, berufstätig zu sein“.

          Wenn weitere Arbeitsbereiche folgen, müssen Paare entscheiden, wer seine Arbeit aufgibt, um die Kinder zu betreuen. Das sind zumeist die Frauen. Sie verdienen weniger, außerdem ist die traditionelle Rollenvorstellung der katholischen Kirche einflussreich und die Überzeugung, der Unterhalt sei Sache des Mannes und die Hausarbeit jene der Frau, weit verbreitet.

          Dabei standen Frauen in den schlimmsten Wochen der Pandemie nicht im Hintergrund. Sie arbeiteten als Kassiererinnen, in Altenheimen oder an vorderster medizinischer Front. Das Krankenpflegepersonal ist zu 77 Prozent weiblich, 56 Prozent der Ärzte sind Frauen. Und es waren drei italienische Forscherinnen, die erstmals in Europa das Coronavirus isolierten. Es gibt exzellente Wissenschaftlerinnen, Ökonominnen, Soziologinnen, Philosophinnen. Dennoch sind die institutionellen Arbeitsgruppen für die Bewältigung der Pandemie fast ausschließlich männlich besetzt. Bei Pressekonferenzen haben Männer das Kommando. Einige Regionalpolitiker, die vorher kaum jemand kannte, wurden zu Medienstars. Die einzigen Frauen, die man bei den Fernsehübertragungen sieht, sind Gebärdendolmetscherinnen.

          Der Unmut darüber ist zu einer gesellschaftlichen Kontroverse angewachsen. Im Mittelpunkt steht die Besetzung der Task Force für Phase zwei. Von den siebzehn Mitgliedern sind nur vier Frauen. Sechzehn Senatorinnen richteten einen überparteilichen Appell an die Regierung: Ein vorwiegend aus Männern bestehendes Gremium könne keine Strategien und Pläne ausarbeiten, die von der Gesamtbevölkerung getragen werden sollen. Die neuen „Grundregeln der Gesellschaft, die an künftige Generationen weitergegeben werden“, könnten nicht ohne Frauen geschrieben werden. Nicht um der Gerechtigkeit willen, sondern weil der Einbezug ihrer Perspektive, ihres Wissens und Denkens die Erfolgschancen erhöhte.

          Ministerpräsident Conte hat angekündigt, weitere Frauen in das Gremium aufzunehmen. Zudem forderte er die Ministerien auf, in den Expertenrunden auf ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis zu achten. Das wird aber nicht reichen, um zu verhindern, dass die Pandemie besonders für Frauen soziale Folgen hat. Körperlich sind sie besser gewappnet. Aber für berufliche Marginalisierung sind sie am anfälligsten.

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