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Intensivmediziner im Interview : „Es wird Sommerurlaub geben“

Eine Fahrradfahrerin fährt an einem Werbeplakat mit der Aufschrift „Ihr nächster Urlaub in nur einem Klick“ vorbei. Momentan ist das allerdings alles andere als sicher. Bild: dpa

Matthias Gründling ist Intensivmediziner und Mitglied der Task-Force „Sicherer Tourismus“ von Mecklenburg-Vorpommern. Ein Interview über sicheren Urlaub, Quarantäne im Hotelzimmer und neue Regeln beim Einchecken.

          4 Min.

          Herr Doktor Gründling, Sie sind Intensivmediziner und Sepsisspezialist an der Universitätsmedizin Greifswald und Mitglied der Task-Force „Sicherer Tourismus“ von Mecklenburg-Vorpommern. Wie wichtig ist Urlaub in so einer Krise?

          Matthias Wyssuwa
          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Urlaub ist extrem wichtig. Die Menschen sehen sich gerade mit einem großen Problem konfrontiert, viele machen sich Sorgen und Gedanken. Davon muss man auch mal loskommen, das ist wichtig und gesund. Dafür sind die Menschen sicher bereit, im Urlaub ein paar neue Regeln zu akzeptieren.

          Sie haben für den Hotelverband der Insel Usedom ein Papier ausgearbeitet, wie aus medizinischer Sicht ein Urlaub funktionieren könnte in der Corona-Krise. Sie glauben also daran, dass es den Sommerurlaub noch geben wird?

          Das glaube ich. Wenn man genau überlegt, wie man das macht. Ich wohne selbst auf Usedom und weiß genau, wie es da in der Hochsaison zugeht ...

          Matthias Gründling: Sepsisspezialist an der Universitätsmedizin Greifswald
          Matthias Gründling: Sepsisspezialist an der Universitätsmedizin Greifswald : Bild: Manuela Janke

          ... die Strände sind proppenvoll ...

          ... genau. Das wird so nicht möglich sein. Aber da kann man sich was einfallen lassen. Die Strandkörbe haben ja schon einen gewissen Abstand zueinander. Und das muss auch für den Urlaub insgesamt gelten: Abstand ist das Wichtigste.

          Sie haben in ihrem Papier viele konkrete Vorschläge für den Tourismus unterbreitet. Wie sollte denn das Einchecken in einem Hotel in Corona-Zeiten aussehen?

          Schon davor sollte etwas passieren: Der Gast sollte vor seiner Anreise ausführlich über die neuen Abläufe informiert werden. Darüber, dass er Mund-Nasenschutz in öffentlichen Räumen tragen muss, dass nur bargeldlos bezahlt werden kann oder dass es hilfreich wäre, wenn er die Nachverfolgungs-App auf seinem Handy installiert, sollte es sie bis dahin geben.

          Und dann reisen alle gleichzeitig am Samstag an und kommen sich zu nah?

          Da schlage ich vor, dass Samstag nicht mehr der alleinige Anreisetag sein sollte, um alles zu entzerren. Nur wenn wir Abläufe entzerren, können wir auch den Abstand sichern. Wenn der Gast im Hotel ankommt, muss man ihn auf die neuen Regeln hinweisen. Man kann kontaktlos Fieber messen, und der Gast sollte nach typischen Symptomen gefragt werden. Dann wird er in der Lobby empfangen, und wenn es voll ist, muss er draußen warten.

          Welchen Beitrag sollen Hotels leisten?

          Die Hotels müssen die neuen Abläufe durchspielen und ihre Mitarbeiter nicht nur schulen, sondern ihnen vielleicht auch die Angst nehmen. Womöglich denken sie, hier in Mecklenburg-Vorpommern ist die Gefahr für sie so gering sich anzustecken, und nun kommen all die ,bösen‘ Touristen aus den anderen Bundesländern mit den höheren Infektionsraten. Das kann zu Spannungen führen und leider schnell ausarten, wir haben das in den vergangenen Wochen gesehen, als Autos mit fremden Nummernschildern die Reifen zerstochen wurden. Auch in diese Richtung muss viel erklärt werden.

          Und wie soll die Hygiene sichergestellt werden?

          Man darf nicht unterschätzen, dass Hotels viel Ahnung von Hygienemaßnahmen haben, da habe ich keine Bedenken. Mit einer Banderole über der Toilette oder der in eine Plastikfolie gehüllten Fernbedienung könnte man dem Gast auch im Zimmer zusätzlich zeigen, dass alles desinfiziert wurde. Schwieriger könnte das in Ferienhäusern oder -Wohnungen sein. Zumal wenn mehrere Familien oder Freunde sich da gemeinsam einmieten. Das darf nicht passieren, dann helfen auch Hygienemaßnahmen nicht.

          Und wie sieht der Alltag im Hotel aus?

          Auch da gilt es immer auf den Abstand zu achten. So muss man überlegen, wie der Aufzug benutzt wird. Er darf nie von den Bewohnern zweier unterschiedlicher Zimmer gleichzeitig benutzt werden. Auf dem Zimmer sollten keine unnötigen Kissen herumliegen oder Zeitungen. Ich habe vorgeschlagen, dass nach der Anreise nicht täglich das Zimmer aufgeräumt wird, um Kontakte zwischen Gästen und Personal zu minimieren.

          Wie ist es im Restaurant, das gilt doch als Gefahrenort?

          Sicher, aber auch da kann man was tun. Das Buffet wird es nicht geben. Beim Frühstück sollte man die Gäste platzieren. Vorher haben sie sich ein bestimmtes Frühstück ausgesucht, und eine Bedienung bringt es ihnen an einen Beistelltisch. Von da nehmen es sich die Gäste. Und natürlich dürfen nie an einem Tisch Gäste verschiedener Zimmer sitzen. Pfeffer- oder Salzstreuer dürfen auch nicht auf den Tischen stehen. Wenn die Kapazität des Raumes all das nicht hergibt, muss man das Frühstück länger anbieten.

          In ihren Vorschlägen haben Sie sich auch mit Kindern beschäftigt. Denen fällt es mit dem Abstandhalten ja nicht immer so leicht.

          Mein Vorschlag ist es, dass man Kinder unter acht Jahren möglichst nicht mit in den Urlaub nimmt, da es schwierig ist, ihnen die Regeln beizubringen. Aber darüber diskutieren wir noch. Vielleicht sollte man die Fähigkeit von Kindern auch nicht unterschätzen, sich der neuen Lage anzupassen. Aber es ist schon ein Risiko.

          Und wie kann ich als Gast sicher sein, dass das Personal keine Gefahr darstellt?

          Natürlich kann das Personal als Virus-Überträger auftreten. Deshalb muss es gut geschult sein und die neuen Regeln konsequent umsetzen. Das ist gelebte Sicherheit. Genauso muss der Gast wissen, dass er zwar der König ist, sich aber in dieser Situation auch einigen Regeln unterwerfen muss. Nur gemeinsam können es Personal und Gäste hinkriegen. Der Urlaub soll ja trotzdem Spaß machen.

          Und was passiert, wenn ein Gast Symptome einer Corona-Infektion hat?

          Es wäre gut, wenn es die App dann schon gäbe und genau nachvollzogen werden kann, mit welchen anderen Gästen und Personal er Kontakt gehabt hat.

          Und was macht der betroffene Gast?

          Wenn der Gast mit trockenem Husten aufwacht oder sich fiebrig fühlt, muss er auf seinem Zimmer bleiben. Die zuständigen Hausärzte und das Gesundheitsamt müssen einbezogen und ein Abstrich muss organisiert werden. Das diskutieren wir hier gerade und versuchen, eine zügige Testung zu gewährleisten. Aber so oder so muss der Gast in seinem Zimmer in Quarantäne bleiben und alle anderen in diesem Zimmer ebenso.

          Zwei Wochen lang?

          Ja. Aus meiner Sicht könnte der Gast, so es sein Zustand zulässt, auch mit seinem Auto bis nach Hause fahren, ohne Pause oder Aufenthalt natürlich. Aber das hat das Gesundheitsamt zu entscheiden. Und vielleicht will er auch lieber in seinem Zimmer bleiben. Klar ist nur: An so einer Situation werden wir im Sommerurlaub nicht vorbeikommen. Das wird passieren.

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