https://www.faz.net/-guw-aaljl

Steigende Infektionszahlen : Intensivmediziner befürchten mehr als 6000 Corona-Patienten – noch im April

  • Aktualisiert am

Krankenschwestern und Pflegekräfte arbeiten im besonders geschützten Teil der Intensivstation des Universitätsklinikums Greifswald. Bild: dpa

Angesichts steigender Corona-Zahlen könnte der bisherige Höchststand an Intensivpatienten schneller erreicht werden als erwartet. Unterdessen befürchten Forscher auch in Deutschland Mutanten, gegen die aktuelle Impfstoffe weniger oder gar nicht mehr wirken.

          2 Min.

          Angesichts der steigenden Corona-Zahlen erwartet die Intensivmediziner-Vereinigung Divi, dass der bisherige Höchststand an Intensivpatienten schneller erreicht wird als erwartet – nämlich noch im April. „Wir müssen davon ausgehen, dass wir deutschlandweit jetzt jeden Tag zwischen 50 und 100 neue Covid-Intensivpatienten aufnehmen müssen“, sagte der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, Gernot Marx, der „Augsburger Allgemeinen“. „Das heißt, dass wir bereits Ende April die Größenordnung von 6000 und mehr Corona-Intensivpatienten erreichen würden, wie wir sie auf dem Höhepunkt der zweiten Welle hatten.“ Erst vor wenigen Tagen waren für Ende April noch 5000 Intensivpatienten prognostiziert worden.

          Marx forderte Bundesregierung, Bundestag und Bundesländer auf, die geplanten bundeseinheitlichen Regelungen für Regionen mit einer Sieben-Tage-Inzidenz über 100 Neuinfektionen je 100 000 Einwohner noch diese Woche zu verabschieden. Wenn das Gesetz erst Ende April beschlossen werde, werde die Patientenzahl auf 7000 steigen. „Wir reden über sehr viele schwere Erkrankungen und über viele Menschen, die das nicht überleben werden“, warnte er.

          Unterdessen können Corona-Varianten, gegen die aktuelle Impfstoffe weniger oder gar nicht mehr wirken, nach Einschätzung von Forschern auch in Deutschland entstehen. Das sei insbesondere dann möglich, wenn sich das Virus jetzt in der dritten Welle stark ausbreitet, erklärten Stefan Pöhlmann und Markus Hoffmann vom Leibniz-Institut für Primatenforschung in Göttingen.

          Solche Escape-Varianten können den Angaben nach entstehen, wenn sich das Virus in einer Bevölkerung mit unvollständigem Immunschutz ausbreitet. Dies sei beispielsweise auch der Fall, wenn die Immunität nach überstandener Infektion oder Impfung langsam abnimmt.

          In einer Bevölkerung mit einem gewissen Grad an Immunität hätten Escape-Varianten bei vergleichbarer Infektiosität einen Vorteil gegenüber dem Ursprungsvirus, erläuterten Pöhlmann und Hoffmann. In einem solchen Szenario würde eine Escape-Variante relativ schnell dominant werden. Beispiel könnte die Mutante P.1 in Brasilien sein.

          „Falls in einer Bevölkerung kaum Immunität vorherrscht, so wie derzeit in Deutschland, würde eine Escape-Variante in direkter Konkurrenz mit den vorherrschenden Virusvarianten stehen, die ihrerseits noch genügend empfängliche Wirte vorfinden“, erklärten die Wissenschaftler. Dann würde sich eine Escape-Variante nur dann großflächig durchsetzen, wenn sie auch besser übertragbar wäre.

          Die Experten des Deutschen Primatenzentrums haben mit Kollegen des Uniklinikums Ulm herausgefunden, dass ein für die Covid-19-Therapie eingesetzter Antikörper bei den Varianten B.1.351 (Südafrika) und P.1 komplett wirkungslos gewesen sei. Sie stufen die beiden daher als Escape-Varianten ein. Es sei aber davon auszugehen, dass B.1.351 und P.1 immer noch durch die verfügbaren Impfstoffe gehemmt würden. „Allerdings ist der Impfschutz möglicherweise reduziert und von kürzerer Dauer.“ Daher sei es umso wichtiger, durch Impfung schnell eine großflächige Immunität in der Bevölkerung zu erlangen und so den Varianten der Wirte zu berauben, die sie zum Ausbreiten benötigten.

          Um den Schutz gegen Varianten wie B.1.351 und P.1 zu verbessern könnten die vorhandenen Impfstoffe angepasst werden. „Dieses Vorgehen würde der Impfstrategie ähneln, mit der wir uns vor Grippeviren schützen“, erklärten Pöhlmann und Hoffmann. Dass Varianten entstehen, die nicht mehr durch jetzt verfügbare Impfstoffe gehemmt werden, sei „ein extremes Szenario, aber nicht auszuschließen“. Um die Wahrscheinlichkeit zu senken, dass Escape-Varianten entstehen, müsse die Ausbreitung des Virus wirksam eingedämmt werden - etwa durch Einhalten der AHA-Regeln und flächendeckende Impfungen.

          F.A.Z. Newsletter Coronavirus

          Täglich um 12.30 Uhr

          ANMELDEN

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Löscharbeiten in Israel nach Raketenangriffen aus dem Gazastreifen

          Deutschland und Israel : Verbundenheit auf Abruf

          Jetzt reden wieder alle von Israels Sicherheit: Was von gut gemeinter Staatsräson bleibt – und was gerade in dieser Situation an ihre Stelle treten müsste. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.