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Rätsel um Infektionswelle : Ist das Coronavirus gefährlicher geworden?

Die ersten im „New England Journal of Medicine“ verbreiteten elektronenmikroskopische Aufnahmen des neuen Coronavirus 2019-nCoV Bild: NEJM

Die Entdeckung des ersten deutschen Patienten zeigt, welche Fragen dringend beantwortet werden müssen, um die Gefahr einer Ausweitung der Epidemie einschätzen zu können.

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          So rasch wie sich die Nachrichtenlage derzeit ändert, und so schnell sich die Fallzahlen vor allem in China beschleunigen, drängen sich rund um das Coronavirus einige Fragen auf. Grundsätzlich waren noch nie in den ersten Wochen einer möglichen neuen Seuche so viele wissenschaftliche und medizinische Informationen zusammengetragen worden, täglich erscheinen wissenschaftliche Veröffentlichungen, beinahe in Echtzeit. Und an den meisten arbeiten chinesische mit internationalen Forschergruppen zusammen. Doch die gegenwärtige Dynamik überrascht doch viele, auch Experten. Die wichtigste Frage lautet deshalb:

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Kennen wir das Virus schon gut genug, um zu beurteilen, wie gefährlich es noch werden kann?

          Ganz sicher nicht. Dafür gibt es einige Gründe. Die frühen genetischen Analysen haben das Virus grob charakterisiert. In einer der jüngsten Publikationen über die ersten Fälle im „New England Journal of Medicine“ wird die mögliche Herkunft und systematische Einordnung zwar geliefert: Es handelt sich um das mittlerweile siebte Coronavirus, das für Menschen infektiös sein kann. Die sehr hohe Übereinstimmung mit zwei nahe verwandten Coronaviren, die sich in Fledermäusen vermehren und dort ein „Reservoir“ haben, gibt wichtige Hinweise. Doch die Virologen spekulieren, dass es möglicherweise einen weiteren Zwischenwirt gegeben hat, möglicherweise Schlangen, denn gewisse molekulare Eigenschaften in der stacheligen Hülle („Corona“) dieses neuen Coronavirus deuten auf eine genetische Neukombination von Virus-Genmaterial hin, die jedenfalls in anderen Tieren stattgefunden haben könnte.

          Ist die Herkunft inzwischen gesichert?

          So unklar wie die genaue Schnittstelle der Tier-Mensch-Übertragung ist nach wie vor auch der Ort der Übertragung. Der (inzwischen geschlossene) Tiermarkt in der Millionenstadt Wuhan, der ursprünglich als Ursprung der Infektionskette genannt und durch einige  genetische Befunde gestützt worden ist, könnte nicht die eigentliche – oder jedenfalls nicht die früheste – Quelle sein. Im „Lancet“ ist eine klinische Auswertung der 41 zuerst behandelten Fälle veröffentlicht worden, die darauf hindeutet, dass neben zwölf anderen auch einer der wichtigsten Patienten – nämlich offenbar der zuerst infizierte – keinerlei Verbindung zum Tiermarkt in Wuhan hatte. Er erkrankte bereits am 1. Dezember 2019, infizierte sich also höchstwahrscheinlich schon im November. In den bisherigen Berichten ist zu lesen, dass der erste Krankheitsfall am 8. Dezember aufgetreten sei. In „Nature“ interpretiert das der Infektiologe Daniel Lucey von der Georgetown University die Daten neu: „Offensichtlich kam das Virus zuerst in den Tiermarkt von Wuhan, bevor es von dort herauskam.“

          Weiß man inzwischen mehr über die Gefährlichkeit des Virus?

          Einiges, aber das vielleicht Entscheidende nicht. Nimmt man die gesicherten Infektionen (am 28. Januar circa 4600) und die bisherigen Todeszahlen (etwas mehr als 100), nimmt man dazu die schwer erkrankten Patienten (circa 1000), kommt man auf eine Sterblichkeit von ungefähr zwei bis vier Prozent. Das wäre deutlich weniger als etwa die Sterblichkeit nach einer verwandten Coronavirus-Infektion, die des Mers-Sars-Virus, an der etwa ein Drittel der Infizierten sterben. Das neue Coronavirus liegt eher in dem Bereich einer schweren Grippe. Allerdings fehlt eine ganz entscheidende Information bisher: die der Infizierten, die keinerlei Symptome zeigen. Die Grippe ist ein klassisches Beispiel für eine Viruserkrankung, die während der Inkubationszeit des Erregers (ohne Krankheitssymptome) übertragen werden kann. Das mit dem neuen Coronavirus eng verwandte Sars-Virus kann dagegen erst nach Ausbruch der Krankheit übertragen werden. Nach Auskunft chinesischer Behörden geht man davon aus, dass ein Teil der Infizierten symptomlos bleibt, aber das Virus in der Inkubationszeit von geschätzt zwei bis zehn Tagen dennoch als Überträger in Frage kommt. Experten bezweifeln das, Daten gab es bisher keine.

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