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Infektiologe im Gespräch : Kinder verbreiten die Viren wahrscheinlich eher selten

Kitas und Krippen bleiben aktuell geschlossen, weil angenommen wird, dass Kinder besonders häufig die Quelle für die Verteilung der Coronaviren sind. Bild: ZB

Sind Kinder wirklich die „Superverteiler“ der Coronaviren, wie bislang angenommen? Der Infektiologe Johannes Hübner über die Ausbreitungswege von Sars-CoV-2 und eine vorsichtige Öffnung von Kitas und Grundschulen.

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          Herr Professor Hübner, Sie sind Infektiologe an der Kinderklinik der Uni München und Vorsitzender der Gesellschaft für pädiatrische Infektiologie. Was wissen Sie bisher über den Verlauf der Sars-CoV-2-Infektion bei Kindern?

          Alexander Haneke

          Redakteur in der Politik.

          Leider wissen wir weiterhin noch viel zu wenig. Bekannt ist, dass die Infektion bei Kindern in den meisten Fällen sehr milde verläuft. Wir hatten hier in München bisher nur ein schwer erkranktes Kind, das auf die Intensivstation musste. Das war bei der ersten Sars-Epidemie ähnlich. Über die Gründe können wir bisher nur spekulieren. Eine Erklärung ist, dass Kinder häufiger Infektionen mit anderen Coronaviren haben. Vielleicht haben viele Kinder kreuzreaktive Antikörper, weil sie in diesem Winter schon ein, zwei unbemerkte Infektionen mit Coronaviren hatten. Vielleicht ist es aber auch etwas ganz mechanistisches: Es könnte sein, dass der Rezeptor, über den das Virus in die Zelle eindringt, bei Kindern anders verteilt ist.

          Übertragen Kinder das Virus weniger häufig als Erwachsene?

          Das eine hat mit dem anderen wahrscheinlich nichts zu tun. Bei anderen respiratorischen Krankheiten gibt es oft einen Zusammenhang zwischen der Schwere der Symptome und der Infektiösität, aber bei Corona ist das immer noch unklar. Manche Patienten mit leichten Symptomen verteilen sehr viel Virus, andere nur ganz wenig. Interessant ist aber ein anderer Punkt: In einem der Familien-Cluster in Bayern hatten wir zwei Kinder in einer Familie, die von ihrem Vater mit dem Virus angesteckt wurden. Ein drittes Kind wurde gar nicht infiziert, obwohl es mit der Familie in Quarantäne war. Die infizierten Kinder wiederum hatten vor allem gastrointestinale Symptome, also Durchfall und Erbrechen. Das scheint bei Kindern häufiger zu sein, als bei Erwachsenen.

          Was lässt sich daraus ableiten?

          In den bayerischen Fällen wurde das Virus im Respirationstrakt nur ganz kurz nachgewiesen, längere Zeit dafür im Stuhl. Aus der Virus-RNA im Stuhl hat allerdings noch niemand einen vermehrungsfähigen Erreger gewinnen können, trotz vielfacher Versuche. Wir können davon ausgehen, dass der Stuhl nicht infektiös ist. Insofern vermute ich, dass die Kinder in solchen Fällen nicht die Verbreiter der Viren sind.

          Sind Kinder also keine „Superverteiler“, von denen immer wieder die Rede ist?

          Von Influenza wissen wir, dass Kinder das Virus häufig weiter tragen und etwa die Großeltern anstecken, bei Corona haben wir dafür bisher keine Hinweise.

          Wie stehen Sie zu den Schließungen der Kitas?

          Meine Vermutung ist, dass Kinder einfach nicht die Altersgruppe sind, in der sich das Virus massiv ausbreitet. Insofern hätte ich weniger Sorge vor der Verbreitung in Kinderkrippen oder Grundschulen als in anderen Bereichen. Aus dem, was wir bisher wissen, würde es darum Sinn machen, die Kitas und Grundschulen vorsichtig wieder zu öffnen. Aber wie gesagt, wir haben kaum Daten. Selbst in China sind die Kindergärten sehr schnell geschlossen worden, weshalb es kaum Anschauungsbeispiele gibt.

          Spricht das nicht gerade für eine vorsichtige Öffnung, um endlich Daten zu den Übertragungswegen zu bekommen?

          Es gibt sicher nicht den einen richtigen Weg. Aber mit den Testkapazitäten, die aufgebaut wurden, könnte man Ausbrüche in Kindergärten und -krippen gut monitoren. Wenn man sieht, dass das zu einem Problem wird, muss man sie eben wieder schließen. Aber als Kinderarzt ist mir auch wichtig, die sozialen und psychischen Kollateralschäden zu bedenken, die eine längerfristige Schließung der Kindereinrichtungen mit sich bringen würde.

          Sind Hygienemaßnahmen in Kitas, wie sie vorgeschlagen werden, realistisch?

          Das ist prinzipiell keine schlechte Idee, auch wenn es stark vom Alter abhängt. Man kann die Kinder sicher daran gewöhnen, sich häufiger die Hände zu waschen. Oder die Betreuer dafür sensibilisieren, dass die Kinder nicht alles in den Mund nehmen sollen. Aber wir dürfen das Kind nicht mit dem Bade ausschütten und anfangen, großflächig Desinfektionsmittel zu verteilen. Sinnvoll sind kleine Maßnahmen: Legosteine kann man zum Beispiel problemlos in der Geschirrspülmaschine waschen, damit ist das Virus eliminiert.

          Wird Sars-CoV-2 denn über Legosteine übertragen?

          Corona zählt sicher nicht zu den klassischen Schmierinfektionen, aber Speichelreste sind wohl auch ein Übertragungsweg. Ansonsten gilt, dass Kinder möglichst viel draußen sein sollten, schon weil die UV-Strahlen das Virus inaktivieren und sich Tröpfchen in der Luft schneller verteilen und verdünnen. Das sind Möglichkeiten, mit denen man das Ansteckungsrisiko reduzieren kann. Ganz eliminieren lässt es sich aber nicht.

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