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In Zeiten von Corona : Die Angst vor der Einsamkeit

Vorsicht bei jeder Türklinke Bild: Frank Röth

Wütende Angehörige und einsame Bewohner: Durch die Corona-Krise stehen Seniorenheime und Pflegedienste vor großen Herausforderungen.

          6 Min.

          Er habe den Zweiten Weltkrieg von Anfang bis Ende mitgekämpft und sei danach in Kriegsgefangenschaft geraten: Über „Corona“ mache er sich da keinen Kopf. Das Gespräch mit einem betagten Bewohner des Kreszentia-Stiftes in München, das Geschäftsführer Christian Poka wiedergibt, zeigt seiner Meinung nach die „relativ relaxte Einstellung“ der Senioren der Einrichtung beim Umgang mit der Krise. Die Bewohner würden beherzt und besonnen darauf reagieren, große Ängste hätten die wenigsten.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Lucia Schmidt

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Trotzdem steht für Christian Poka und sein Team nicht erst seit diesem Freitag, an dem die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) „massive“ Einschränkungen der Besuche in Seniorenheimen angekündigt hat, der Schutz der ihnen anvertrauten Menschen unter besonderen Vorzeichen. Einschränkungen im Publikumsverkehr gibt es im Stift, in dem 215 Menschen leben, 150 von ihnen im vollstationären Pflegebereich, ohnehin schon länger: Abgesagt wurden alle Treffen mit Kindergartengruppen, gesellige Zusammenkünfte der Bewohner dürfen nicht mehr „bereichsübergreifend“ stattfinden, Geburtstagsfeiern sollen im engen Wohnbereich durchgeführt und Besuche generell deutlich reduziert werden.

          Gerade erst hat Poka der Kreisverwaltung eine Absage für die am Sonntag stattfindende Kommunalwahl erteilt: Das Stift, bislang immer als Wahllokal genutzt, steht diesmal nicht zur Verfügung. Auch wenn bis Donnerstag noch überlegt wurde, wie man eine größtmögliche Trennung von Wahlvolk und Bewohnern hinbekommen kann.

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          Die Kreisverwaltung habe, so Poka, mit Unverständnis auf seine abschlägige Entscheidung reagiert. „Doch wir können nicht einerseits die Besucher auf Abstand halten und dann Hunderte Wähler in die Nähe von Pflegebedürftigen bringen.“ Bei der Europawahl hätten die Wähler schließlich in langen Schlangen anstehen müssen. „Das können wir nicht riskieren.“ Es gehe darum, Infektionen nicht in die Einrichtung „hineinzutragen“.

          Schon die Einschränkungen des normalen Besuchsverkehrs akzeptieren manche Angehörigen nicht: Poka berichtet von dem Telefonat mit einer erbosten Frau, die sich beschwert hatte, weil eine Bekannte nicht zu ihrer Mutter ins Zimmer durfte. „Sie lassen sie jetzt da rein!“, habe sie ihn angewiesen. Um die Folgen der Besuchsverbote für Angehörige und vor allem Bewohner zu mildern, sollen im Kreszentia-Stift nun Skype-Räume eingerichtet und Kopfhörer angeschafft werden.

          Von Tag zu Tag entscheiden

          Im besonders betroffenen Kreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen sind die Pflege- und Seniorenheime schon seit rund zweieinhalb Wochen damit konfrontiert, den Kontakt zwischen Senioren und Angehörigen zu reduzieren. „Dabei stoßen wir auf viel Verständnis“, sagt Andreas Wagner, Geschäftsführer des Awo-Kreisverbands Heinsberg. „Angehörige, die doch kommen müssen, halten sich vorbildlich an die Hygienevorschriften und das Vermeiden von Umarmungen oder Küssen.“ Außerdem habe man Besuchsgelegenheiten im Foyer eingerichtet, damit Verwandte nicht in die Wohnbereiche müssten.

          Auch die Senioren selbst zeigten großes Verständnis dafür. „Eine Schwierigkeit stellt nur der Umgang mit Demenzkranken dar. Diese Bewohner können einfach aufgrund ihrer Krankheit nicht verstehen, warum ihre Angehörigen oder Freunde im Moment weniger kommen. Hier versuchen die Mitarbeiter, viel aufzufangen.“ Gerade für Demenzkranke sei es zudem schwierig bis unmöglich, nun per Skype, Internet oder Telefon mit ihren Verwandten zu kommunizieren.

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