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Folgen des Lockdowns : Endlich sieht man den Himalaja

Ungewohnt klare Luft: Viele Inder können dank Corona nun wieder den Himalaja sehen. Bild: dpa

Der Himmel über Delhi ist klar, durch den Lockdown hat sich die Luftqualität in Indien massiv verbessert. Das ist auch in anderen Ländern so. Nur: bleibt es so?

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          Nur wenige Tage nachdem der indische Ministerpräsident Narendra Modi einen zunächst dreiwöchigen Lockdown verkündet hatte, klarte sich der Himmel über Delhi auf. Die Menschen in der indischen Hauptstadt, die zu den Städten mit der schlechtesten Luft der Welt gehört, können nun seit langem mal wieder richtig durchatmen. Zum ersten Mal seit vielen Jahren, manche sprechen von Jahrzehnten, sind der Himmel so blau und die Sicht so klar, dass die Hauptstädter die schneebedeckten Gipfel des Himalaja sehen. Auch sonst sind die Veränderungen in der Stadt spürbar. „Statt der Verkehrsgeräusche und des endlosen Hupens hörten die Menschen von ihren innerstädtischen Balkonen die Vögel, Bülbüls, Weihen und bei Sonnenuntergang sogar Pfauen“, kommentierte die Journalistin Aarti Betigeri.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Aufgrund der Ausgangssperre haben die meisten Bewohner zwar nicht viel davon, weil sie sowieso nicht ins Freie gehen können. Zudem ist Delhi auch jetzt noch kein Luftkurort. Die Verschmutzung schwankt zwischen „moderat“ und „ungesund für sensible Gruppen“. Aber sie erreicht derzeit immerhin nicht mehr das gewohnte Level „gefährlich“. Laut der Weltgesundheitsorganisation liegen 21 der 30 Städte mit der schlechtesten Luft in Indien. In Delhi wird die Luft normalerweise von Autos, Baustellen, Fabriken und Brandrodung vergiftet. Im November wurden aufgrund der zu der Jahreszeit besonders starken Verschmutzung Schulen geschlossen und Flüge gestrichen. Einer Studie zufolge sind 2017 insgesamt 1,24 Millionen Inder an den Folgen der Luftverschmutzung verfrüht gestorben.

          Sauber wie seit Jahrzehnten nicht

          Die Corona-Pandemie hat nebenbei das geschafft, woran seit Jahren die Behörden gescheitert sind. Satellitenbilder der amerikanischen Raumfahrtbehörde (Nasa) sollen zeigen, dass die Luft in Nordindien so sauber ist wie seit zwei Jahrzehnten nicht. Lokalen Messungen zufolge hat sich die Konzentration von Feinstaub in Delhi etwa halbiert. Dabei ist es natürlich ein hoher Preis, den Indien für diesen positiven Nebeneffekt zahlt. In dem Land mit 1,3 Milliarden Einwohnern gilt derzeit die umfangreichste Ausgangssperre auf der ganzen Welt. Fabriken, Baustellen, Geschäfte und Tempel stehen still, der öffentliche Nahverkehr ist zum Erliegen gekommen. Hunderttausende Wanderarbeiter und Tagelöhner fanden sich plötzlich ohne Arbeit wieder. Sie verließen in überfüllten Bussen oder sogar zu Fuß die Städte. Nun wird befürchtet, dass dem Subkontinent eine Hungerkrise drohen könnte.

          Und ein Ende der Ausgangssperre ist noch nicht in Sicht. Im Gespräch mit den Landeschefs soll sich Modi am Montag darauf geeinigt haben, dass der Lockdown in den stark betroffenen Gebieten über das geplante Ende am 3.Mai hinaus verlängert werden soll. Andererseits war auch die hohe Luftverschmutzung in Indien zu einem Dauerproblem geworden – und es könnte sich auch in der Pandemie noch erschwerend auswirken. Derzeit geht die Forschung der Frage nach, ob es einen Zusammenhang geben könnte zwischen der Luftverschmutzung und einer hohen Sterblichkeitsrate durch Covid-19. Abschließend belegt ist das noch nicht.

          Die Luft wird überall besser

          Eine bessere Luftqualität im Lockdown wird nicht nur in Indien, sondern auch in Europa, den Vereinigten Staaten und anderen Ländern Asiens beobachtet. Ein Schweizer Unternehmen hat in einem Bericht die Feinstaubbelastung in zehn ausgesuchten Städten vor und während des Covid-19-Ausbruchs gemessen. Demnach wurde in fast allen Städten, in denen ein Lockdown galt, ein „drastischer Sturz“ im Ausmaß der Luftverschmutzung im Vergleich zum gleichen Zeitraum ein Jahr früher festgestellt. In Delhi waren es demnach 60 Prozent weniger, in Seoul (Südkorea) 54 Prozent, in Wuhan (China) 44 Prozent.

          Ältere Erkenntnisse darüber, wie sich die Luftverschmutzung in der Corona-Krise entwickelt, gibt es aus China. Dort hatten die Behörden zunächst die Stadt Wuhan und dann fast die gesamte Provinz Hubei und andere Teile des Lands in den Ruhezustand versetzt, um die Verbreitung des dort zuerst aufgetretenen Coronavirus zu verhindern. Copernicus, das Erdbeobachtungsprogramm der Europäischen Union, hat die Feinstaubkonzentration in der Luft in den vergangenen vier Jahren miteinander verglichen. Ergebnis: Im Februar 2020, als die Einschränkungen in Kraft getreten waren, war die Verschmutzung der Luft mit diesen Kleinstpartikeln in großen Teilen Chinas um 20 bis 30 Prozent geringer als in den Jahren davor.

          Einer vorläufigen Studie norwegischer Forscher zufolge könnte die Luftverbesserung dazu führen, das in China mehr als 100.000 verfrühte Todesfälle verhindert werden. Voraussetzung dafür wäre aber, dass die niedrige Luftverschmutzung über das gesamte Jahr anhält. Wahrscheinlicher aber ist, dass mit der allmählichen Lockerung der Ausgangssperren auch die Luftverschmutzung zurückkehrt. Und sie könnte sogar die Werte aus der Zeit vor der Krise noch übertreffen – wenn die Unternehmen versuchen, verlorene Produktionszeit aufzuholen.

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