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Fake News zum Coronavirus : „Das stimmt NICHT!“

Feuerwehrmänner in Schutzanzügen stehen während einer Pressekonferenz des lokalen Notfallteams gegen das Coronavirus im Rathaus von Guatemala-Stadt. Bild: dpa

In Zeiten des pandemischen Ausnahmezustands mehren sich Falschmeldungen in den sozialen Netzwerken. Politik und Wissenschaft mühen sich, neben dem Virus auch die so geschürte Panik einzudämmen.

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          „Ist Corona wirklich der Grund dafür, dass Länder dichtgemacht werden und man nicht mehr auf die Straße darf? Oder ist vielleicht etwas anderes der wahre Grund dafür, den wir aber nicht wissen?“ Die junge Frau mit lockigen Haaren schaut nachdenklich in die Kamera. Ihrem Instagram-Account folgen 744.000 Menschen, viele von ihnen werden dieses Video anschauen. Eigentlich, fährt sie fort, wolle sie nicht mehr über dieses Thema reden.

          Sofia Dreisbach

          Redakteurin in der Politik.

          „Ich will darüber nichts mehr lesen, nichts mehr hören, nichts mehr mitbekommen.“ Das Robert-Koch-Institut führt auf seiner Seite Informationen zum Coronavirus. Dort heißt es auf die Frage, was getan werden müsse, um der Erkrankungswelle „bestmöglich zu begegnen“: sich informieren – noch vor dem regelmäßigen Händewaschen und dem Niesen und Husten in die Armbeuge. Und zwar „auf den Internetseiten öffentlicher Stellen, die qualitätsgesicherte Informationen anbieten“.

          Fake News verbreiten sich in Windeseile

          Dass dieser Hinweis dringend nötig ist, zeigt sich dieser Tage immer wieder im Umgang mit dem Coronavirus. Nicht nur bei Instagram, sondern in allen sozialen Netzwerken und auf Whatsapp verbreiten sich in Windeseile Fake News. Es ist etwa die Rede von sicheren Wegen der Selbstdiagnose, von nur noch stundenweise geöffneten Supermärkten, von untrüglichen Symptomen und der Knappheit von Medikamenten.

          Derartige Falschmeldungen zu entlarven ist inzwischen auch Aufgabe der Politik geworden. Am Wochenende warnte das Bundesgesundheitsministerium vor einer Nachricht, die in seinem Namen verbreitet worden war. Darin hatte es geheißen, die Bundesregierung werde bald weitere „massive Einschränkungen“ des öffentlichen Lebens ankündigen. Das Ministerium schrieb auf Twitter: „Das stimmt NICHT! Bitte helfen Sie mit, ihre Verbreitung zu stoppen.“

          Auch Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) rief auf Twitter dazu auf, nicht auf „diesen Quatsch“ und „Unsinn“ hereinzufallen, und bezog sich auf die Meldung, dass große Supermarktketten wegen des Coronavirus nur noch an zwei Tagen pro Woche geöffnet seien. An die Verbreiter der Nachricht gerichtet, schrieb die Ministerin: „Das ist kein Spaß, ihr spielt mit der Angst der Leute. Das ist unanständig.“ Im Saarland gibt es seit Montag einen sogenannten Corona-Newsroom in der Staatskanzlei, der den vielen Falschmeldungen und Gerüchten mit Fakten entgegenwirken soll.

          „Nutzen Sie verlässliche Informationen“

          Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) bat die Bürger darum, keine Gerüchte zu verbreiten. „Nutzen Sie diese sicheren, verlässlichen Informationen.“ Es ist schwierig, die Urheber von Falschmeldungen ausfindig zu machen und zu belangen. In Österreich ist dies jedoch in einem Fall gelungen: Zwei Männer hatten sich in Schutzanzügen fotografiert und behauptet, in ihrer Heimatgemeinde gebe es einen Infektionsfall. Das Foto verbreitete sich über Whatsapp und Facebook, doch die Urheber konnten identifiziert werden – und müssen nun damit rechnen, strafrechtlich belangt zu werden.

          Eine typische Erscheinungsform der Fake News, die auch in der Corona-Krise wieder auftritt, ist der Kettenbrief in Chats. Darin geht es oft nicht nur um vermeintliche Einschränkungen des öffentlichen Lebens, sondern es werden konkrete Handlungsanweisungen oder vermeintliche Indizien zur Ferndiagnose und Selbsttherapie im Falle einer Corona-Infektion genannt. In einer Nachricht wird etwa eine „sichere“ Möglichkeit der Selbstdiagnose geschildert oder behauptet, regelmäßiges Trinken verhindere eine Infektion mit dem Virus – was es nicht tut.

          Getarnt als persönliche Erfahrungsberichte

          Viele dieser Kettennachrichten kommen als persönliche Erfahrungsberichte daher. Dort heißt es dann etwa: „Der Onkel und Neffe eines Klassenkameraden von mir hat einen Masterabschluss und arbeitet im Krankenhaus in Shenzhen (in China; Anm. d. Red.).“ Er habe gerade angerufen und ihm aufgetragen, die folgenden Informationen an Freunde weiterzusagen. Im Folgenden ist eine Reihe nachweislich falscher Angaben aufgelistet – etwa der Nutzen von Atemmasken gegen eine Ansteckung oder Gurgeln gegen die Keime mit einem namentlich genannten Desinfektionsmittel, das nur zur äußerlichen Anwendung geeignet ist.

          Wie schwierig es ist, derartige Meldungen angesichts der Ausnahmesituation wieder einzufangen, zeigt ein Fall besonders gut. In einer im Netz verbreiteten Sprachnachricht wird behauptet, dass Ärzte der Universität Wien Beweise dafür gefunden hätten, dass Ibuprofen die Corona-Erkrankung verschlimmere. „Da gibt es sehr stichhaltige Hinweise, dass Ibuprofen die Vermehrung des Virus beschleunigt“, sagt eine Frau, die sich „Elisabeth“ nennt.

          Die Medizinische Universität Wien widerspricht

          Die Medizinische Universität dementierte diese Nachricht auf Twitter: Es handele sich um Fake News, die „in keinerlei Verbindung“ mit der Universität stünden. Gleichzeitig äußerte jedoch etwa der französische Gesundheitsminister, Olivier Véran, früher selbst Arzt, die Einnahme entzündungshemmender Mittel wie Ibuprofen könne eine Infektion mit Corona verschlimmern, und befeuerte die Debatte um die Falschnachricht abermals. Auf Twitter wird die Wiener Universität deswegen nicht müde, Tweets mit ähnlichem Inhalt zu widersprechen: „Es gibt keine Warnung. Das sind Fake News.“

          Selbst ältere Menschen, die wenig oder gar nicht mit sozialen Medien in Kontakt kommen, sind im Zusammenhang mit dem Coronavirus nicht gegen Falschmeldungen gefeit. Jüngst haben Betrüger die Enkeltrick-Masche auf die aktuelle Krisensituation angepasst. Sie rufen vor allem bei Senioren an, gaukeln ihnen vor, es gebe einen Corona-Kranken in der Familie, der im Krankenhaus liege – und bitten sie dann, Geld für die Behandlung zu überweisen.

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