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Impfweltmeister Portugal : Generalstabsmäßig organisiert

Eine Maske an einer Tür in Lissabon: Die meisten Portugiesen sind auch durch eine Impfung geschützt. Bild: AP

Das Militär half dabei, dass Portugal die höchste Impfquote weltweit erreichte. Zwang und neue Vorschriften wie etwa in Italien waren nicht nötig.

          3 Min.

          Das kleine Portugal marschiert dem Rest der Welt davon. Fast 85 Prozent der Bevölkerung sind vollständig geimpft. Das sind nicht nur gut 20 Prozentpunkte mehr als in Deutschland: Laut „Our world in Data“ ist Portugal international die Nummer eins. Innerhalb Europas steht die Iberische Halbinsel an der Spitze. Spanien hat eine Impfquote von fast 77 Prozent. Beim bisherigen Impftempo könnten es dort im November 90 Prozent sein. In Portugal wird dieser Prozentsatz schon früher erreicht sein – ohne Zwang und neue Vorschriften, wie zum Beispiel in Italien. Nächste Woche hebt die Regierung fast alle verbliebenen Beschränkungen auf. Vom 1. Oktober an dürfen in Restaurants und bei Kulturveranstaltungen alle Sitzplätze besetzt werden. Bars und Nachtclubs, die seit März 2020 geschlossen waren, können wieder öffnen. Gesichtsmasken müssen nur noch in öffentlichen Transportmitteln, bei Großveranstaltungen, in Pflegeheimen, Krankenhäusern und Einkaufszentren getragen werden. Jetzt komme es auf die Verantwortung jedes einzelnen an, sagte Ministerpräsident António Costa.

          Hans-Christian Rößler
          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Das beliebte Urlaubsland hat seine Impfkampagne generalstabsmäßig organisiert. Das ist kein Zufall. Seit gut einem halben Jahr ist der Konteradmiral der Marine Henrique Gouveia e Melo dafür verantwortlich. Früher kommandierte er Fregatten und U-Boote. Im Februar übernahm er die Leitung der Impfaktion, die bis dahin langsam vorangekommen war, von einem Zivilisten. „Diese Uniform war ein Symbol für die Notwendigkeit, die Ärmel hochzukrempeln und das Virus zu bekämpfen“, sagte er der Nachrichtenagentur AP.

          Statt sich, wie bei den Grippe-Impfungen, auf die kleinen öffentlichen Gesundheitszentren zu stützen, begann Gouveia e Melo, große Sportanlagen zu nutzen. Die Impfstraßen glichen einem „Fließband“, wie er selbst sagte. In einem Armeekrankenhaus mussten Soldaten als Versuchskaninchen herhalten, um herauszufinden, wie sich die Impfstraße am schnellsten aufbauen lässt. Als von Juni an genug Impfstoff zur Verfügung stand, ging es richtig los. „Wir haben eine Schlacht gewonnen, aber ich weiß nicht, ob wir den Krieg gegen das Virus gewonnen haben. Das ist ein Weltkrieg“, sagt Gouveia e Melo.

          Ohne das große Vertrauen, das die Portugiesen seit der Nelkenrevolution in ihr Militär und ihr Gesundheitssystem setzen, wäre das nicht gelungen. Lange vor Covid lag die Impfrate bei Masern, Röteln und Mumps mit 95 Prozent so hoch wie fast nirgendwo in der EU. „Die erste nationale Impfkampagne begann 1965. Sie war kostenlos und für jeden zugänglich. Der Erfolg war enorm, und seither verstehen die Portugiesen den individuellen und kollektiven Nutzen von Impfungen und vertrauen der Wissenschaft und der Medizin“, sagt der Epidemiologe Pedro Simas . Aber auch Angst sei ein entscheidender Faktor. „Im Januar und Februar dieses Jahres erlebten die Portugiesen eine der schlimmsten Covid-19-Infektions- und Sterblichkeitswellen der Welt. Seitdem wurden Restriktionen wie Abstandsgebot, Maskenpflicht sowie die Einhaltung der Impfvorschriften vorbildlich befolgt“, sagt der leitende Forscher vom Institut für Molekulare Medizin an der Universität Lissabon.

          Soziales und familiäres Verantwortungsgefühl

          Das belegen auch Umfragen. Laut dem jüngsten Eurobarometer überwiegt für 87 Prozent der Portugiesen der Nutzen der Impfungen die möglichen Risiken; nirgendwo sonst in Europa sind es so viele. Eine deutliche Mehrheit hält das Impfen sogar für eine „Bürgerpflicht“. Ähnlich wie in Spanien nennen manche Wissenschaftler auch das soziale und familiäre Verantwortungsgefühl als einen wichtigen Grund dafür – in keinem Land werden so viele Organe gespendet wie in Spanien. Es waren zwar auch die Wirtschaftskrisen, die dazu beigetragen haben, dass die jüngere Generation länger bei ihren Eltern und Großeltern wohnt als etwa in Deutschland. Aber Kinder und Enkel wollen die Älteren auf keinen Fall gefährden und ließen sich auch deshalb so bald wie möglich impfen – wie zuvor die Risikogruppen: Unter den Portugiesen und Spaniern, die älter als 60 sind, nähert sich der Anteil fast 100 Prozent. Auch in der jungen Bevölkerung ist die Impfbereitschaft hoch. Zu Beginn des Schuljahres waren mehr als ein Viertel der Schüler im Alter zwischen zwölf und 19 Jahren vollständig geimpft, knapp drei Viertel hatten eine Impfung erhalten.

          „In Spanien ist das Vertrauen in das medizinische Personal groß, das sich in seiner großen Mehrheit sehr aktiv für die Impfungen einsetzt“, sagt der Epidemiologe Antoni Trilla vom Hospital Clínic in Barcelona. Schon vor der Pandemie spielten Impfskeptiker keine Rolle, was auch an der im internationalen Vergleich hohen Zahl von Schutzimpfungen bei Kindern zu beobachten ist. Besonders durch die verheerende erste Welle, die die Altersheime schwer getroffen hatte, sei vielen Spaniern klar geworden, wie gefährlich Covid sei, sagt Trilla. Spanien gehörte zu den Ländern mit den höchsten Todesraten.

          Seit dem Sommer verlangsamt sich in Spanien das Impftempo. Das letzten knapp 25 Prozent der Bevölkerung sind nicht so schnell zu einer Impfung zu bewegen, aber es ist nicht aussichtslos, denn die wenigsten sind erklärte Impfgegner. Dennoch setzt man in Spanien wie in Portugal weiter auf Freiwilligkeit. Von einer Impfpflicht, einem Grünen Pass oder 2-G-Regeln ist auf der Iberischen Halbinsel nicht die Rede.

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