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Hospizen in der Coronakrise : Psychisch am Anschlag

Abschied: Im Kinderhospiz Balthasar in Olpe hinterlassen Kinder und Jugendliche einen Hand- oder Fußabdruck zur Erinnerung. Bild: Ricardo Wiesinger

In der Corona-Krise muss die Betreuung in Hospizen „neu gedacht“ werden. Was bedeutet das für Pfleger und Patienten?

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          Am Ende des Gesprächs bittet Gregor Linnemann darum, diesen Text nicht mit dem klassischen „Brennende-Kerze“- oder „Gefaltete-Hände“-Bild zu illustrieren. Denn es sei nicht so, dass man generell „im Hospiz den ganzen Tag am Bett sitzt und Händchen hält“. Linnemann, der seit 16 Jahren das Johannes-Hospiz des Ordens der Barmherzigen Brüder in München leitet, meint damit: Das Leben geht weiter. Auch im Hospiz.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Was allerdings in der Corona-Krise nicht weitergeht, ist vieles, was das Wesen der Hospiz-Philosophie ausmacht. Vor allem die „Begleitkultur“, die intensive Einbeziehung von Partnern, Angehörigen und Freunden auf dem letzten Stück des Lebensweges der Schwerstkranken. Dass dieses Miteinander nun in weiten Teilen wegfalle, sagt Linnemann, sei nur „sehr, sehr schwer auszuhalten“. Zwar sind Hospize und Palliativstationen von den Besuchsverboten, die für Krankenhäuser gelten, ausgenommen, da „engste Angehörige“ als Besucher erlaubt sind.

          Doch auch für diese Ausnahmen gibt es Einschränkungen: So galt für die Hospize zunächst, dass Besuche der „engsten Angehörigen“ nur in der „Sterbephase“, den „letzten Tagen“, zugelassen sind. Diese Regelung wurde am Montag vom bayerischen Gesundheitsministerium nochmals konkretisiert: Empfohlen wird nun, nur dem „Hospiz-Gast nahestehende Menschen“ zuzulassen, Dauer der Besuche und Anzahl der Personen vorab mit dem Hospiz abzustimmen.

          Doppelte Verantwortung

          Diese Regeln erlauben also, die Spielräume etwas auszuweiten. Ohnehin ist für Linnemann der Begriff „Sterbephase“ Auslegungssache. „Die Patienten, die zu uns kommen, sind alle sterbend. Wann die akute Phase eintritt, ist schwer zu sagen. Das können Tage, aber auch Wochen sein. Wir entscheiden das jeden Tag neu.“ Man kann also eine Sterbephase als gegeben sehen und somit auch einen Besuch erlauben. So eröffnen sich „Nischen“ in der Ausnahmesituation. Doch es ist eine schwere Bürde für die Verantwortlichen. Einerseits wollen sie den Wünschen der Patienten und deren Liebsten entsprechen und versuchen, die Beschränkungen so elastisch auszulegen, wie es eben geht.

          Auf der anderen Seite tragen sie eine große Verantwortung für die Gesundheit aller Menschen, die in ihrem Haus leben und arbeiten. Das Virus darf nicht eingeschleppt werden. „Da wird man zum Pragmatiker“, sagt Linnemann. Von vielem müsse man sich erst mal verabschieden: „Von der Ideologie der Hospizbewegung, von der großen Emotionalität.“ Denn seine „Horrorvorstellung“ sieht so aus: „Niemand ist mehr da, um sich um die Patienten zu kümmern. Und die liegen dann einfach nur in ihren Betten.“ Wenn man sehe, was in Heimen in Würzburg oder Wolfsburg geschehen sei, „dann muss man das eben jetzt aushalten, alle Verbote und Beschränkungen“.

          Das Johannes-Hospiz mit seinen zwölf Patienten ist daher zurzeit in der Palliativ-Station des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder untergebracht. Das dient als Präventivmaßnahme: Sollten plötzlich zu viele Pfleger ausfallen, wäre die Betreuung trotzdem sichergestellt. Linnemann trägt deshalb jetzt eine doppelte Verantwortung, wenn er darüber entscheidet, ob er Angehörige – und damit potentielle Virusüberträger – zu seinen Patienten lässt: für das Hospiz und für ein ganzes Krankenhaus.

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