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Angst vor Corona-Ansteckung : Tafeln in Hessen schließen

  • -Aktualisiert am

Gesundes Angebot: die Tafel in der Frankfurter Kirche St. Lioba Bild: dpa

Ein Drittel der örtlichen Initiativen verteilt wegen der Coronakrise keine Lebensmittel mehr. Sie wollen vor allem ihre Helfer schützen. Denn: Die meisten gehören zur Risikogruppe.

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          Etwa ein Drittel der hessischen Tafeln hat wegen der Corona-Krise schon geschlossen und verteilt keine Nahrungsmittel mehr an Hilfsbedürftige. Das hat der stellvertretende Vorsitzende des hessischen Landesverbandes der Tafeln, Erich Lindner, am Montag mitgeteilt. Er geht zudem davon aus, dass es noch schlimmer werden wird. „Wenn in Hessen der Katastrophenzustand ausgerufen wird, so wie dies in Bayern bereits geschehen ist, werden alle Tafeln schließen“, prognostizierte Lindner. Das sei eine „Katastrophe“ für die Menschen, die auf die Tafeln angewiesen seien.

          „Es fängt im Süden mit Maintal, Offenbach und Dieburg an und geht über Gießen und Grünberg bis nach Melsungen, Fritzlar und Bebra hoch. Überall im Land haben Tafeln geschlossen“, sagte Lindner und ergänzte, dass diese Tafeln bis zum Ende der Osterferien nicht mehr öffnen würden.

          Ansteckungsgefahr zu hoch

          In Hessen gibt es derzeit nach Auskunft des Landesverbandes 57 Tafeln. Rund 5000 ehrenamtliche Helfer verteilen in etwa 200 Ausgabestellen jedes Jahr mehrere tausend Tonnen Lebensmittel an mehr als 100.000 arme und hilfsbedürftige Menschen. Unter ihnen sind laut Lindner etwa 25.000 Kinder und Jugendliche. „Für diese Menschen wird es schwer, weil die Tafelnutzer keine Hamsterkäufe tätigen konnten. Die haben einfach nicht das Geld dafür.“

          Dass die Tafeln schließen, liegt nicht daran, dass keine Lebensmittel mehr gespendet werden. Grund ist das Alter der ehrenamtlichen Mitarbeiter. „Ein Großteil unserer Helfer ist im Rentenalter und gehört zur Risikogruppe. Da hat jeder Angst, dass er sich ansteckt“, sagte der Vize-Landeschef. Allein aus Fürsorgepflicht ihren ehrenamtlichen Mitarbeitern gegenüber würden die Träger der örtlichen Tafeln ihren Betrieb daher einstellen. Schüler und Studenten ersatzweise aushelfen zu lassen ist seiner Einschätzung nach auch keine Lösung. „Die setzen wir dann ja auch der Ansteckungsgefahr aus. Wir wissen doch nicht, wer von unseren Kunden infiziert ist“, so Lindner, der selbst 72 Jahre alt ist.

          „Wir müssen alle zusammenrücken“

          Für die Tafeln bedeute die Schließung zudem eine finanzielle Herausforderung. „Die Miete und die Energiekosten laufen weiter.“ Der Obolus in Höhe von zwei Euro pro Einkauf fehle den Tafeln, die Lebensmittel selbst würden gespendet. Die Tafeln finanzierten sich zudem durch Spenden, auch wenn das Land Hessen mittlerweile eine Unterstützung von 100.000 Euro für den Landesverband zugesagt habe.

          Lindner bittet das Land um mehr Hilfe, damit die Tafeln Lieferdienste einrichten können und auch, um die langfristige Schließung der gemeinnützigen Tafeln zu verhindern. Für die Menschen, die auf die Nahrungsmittel angewiesen seien, werde es so schon schwer genug. „Ich kann nur zu denen sagen, die sich mit Lebensmitteln eingedeckt und dann festgestellt haben, dass sie zu viel eingekauft haben: Schauen Sie, ob Sie das Essen zu Menschen in der Nachbarschaft bringen können, von denen Sie vielleicht wissen, dass sie zur Tafel gehen“, appellierte Lindner und fügte an: „Wir müssen alle zusammenrücken.“

          Ob und in welchem Umfang die Tafeln weiter Lebensmittelspenden annehmen, ist ungeklärt. „Wir haben gerade ein Angebot über zwölf Paletten Joghurt bekommen. Ich bekomme die nicht los. Wenn ich die annehme, weiß ich nicht, wohin damit“, schilderte Lindner, der auch der Logistikleiter der hessischen Tafeln ist. Eine solche Situation habe er noch nicht erlebt.

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