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Grenzgebiet zu Frankreich : „Das Virus kennt keine Grenzen“

Grenzkontrolle mit Mundschutz in der Nähe von Straßburg Bild: dpa

Die französische Regierung ist verstimmt: Die deutschen Kontrollen an der Grenze seien „überraschend“. Eine Landrätin aus dem Breisgau hofft dagegen, dass diese noch weiter ausgeweitet werden.

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          Frankreich ist zunehmend irritiert über die Grenzkontrollen der Bundespolizei an der deutsch-französischen Grenze, die „ohne Absprache“ eingeführt wurden. Die zuständige Regionalpräfektin Josiane Chevalier sagte: „Ich bin von meinen eigenen Polizeibeamten darüber informiert worden. Diese Methode ist etwas überraschend. Das Virus kennt keine Grenzen“, sagte sie der französischen Presse.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Angesichts der im Aachener Vertrag beschlossenen besseren Abstimmung in den grenznahen Regionen schaltete sich auch die französische Botschaft in Berlin ein. In einem Kommuniqué wurde darauf hingewiesen, dass die neue Region „Grand Est“ (etwa: Großer Osten) zehn Départements umfasst und vom Elsass bis zur Champagne reicht.

          Ärger über nicht geändertes Verhalten

          Die französische Botschaft stellte richtig, dass allein das Département Haut-Rhin (Oberrhein) mit Colmar als Präfektursitz Anlass zu besonderer Wachsamkeit gebe. In den meisten anderen Départements der Großregion seien die Infektionsfälle niedriger als im benachbarten Baden-Württemberg. Am Oberrhein sind laut Angaben der Botschaft bislang 359 Coronainfektionen bekannt, das seien 61 Prozent der Fälle in der gesamten Region. Die Fälle gehen auf ein Fastentreffen der evangelischen Freikirche „La Porte Ouverte“ in Mulhouse vom 17. Bis 24. Februar zurück. Die Kirche ist bis auf weiteres geschlossen, aber nicht alle der mehr als 2000 Teilnehmer der Fastenwoche konnten nachverfolgt werden.

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          In Baden-Württemberg verstarb schon am 4. März ein 67 Jahre alter Mann aus dem Rems-Murr-Kreis, der mit seiner Frau an den Fastentreffen teilgenommen hatte. Der Leichnam war erst im Nachhinein auf Corona untersucht worden. Seine 70 Jahre alte Frau wird seit einer Woche intensivmedizinisch betreut. In Frankreich sind fast alle Regionen von den Pfingstchristen-Fällen betroffen. Etliche Teilnehmer kamen auch aus der Schweiz und aus Deutschland. „Das Krisenmanagement in dieser Epidemie sollte durch enge Kooperationsbereitschaft geprägt sein, besonders im grenznahen Bereich“, mahnte die französische Botschaft.

          In Freiburg, in Südbaden und auch in der baden-württembergischen Landesregierung verfolgt man die Entwicklung der Corona-Pandemie im Elsass seit Tagen mit großer Sorge und auch einer gewissen Verärgerung. Angeblich sei es den französischen Behörden nicht gelungen, Kontakte von infizierten Personen dauerhaft zu verfolgen. Weil auch in Südbaden die Sorge wuchs, dass bei einem weiteren Anstieg der Zahl der Infizierten das Gesundheitssystem kollabieren könnte, traten die Stadt Freiburg und die Landkreise Breisgau-Hochschwarzwald, Ortenau, Emmendingen und Lörrach am Freitag die Flucht nach vorn an: „Wir müssen alles tun, damit wir nicht oder zumindest nicht schnell auch Risikogebiet werden“, sagte Stefan Breiter (CDU), der für öffentliche Ordnung zuständige, beigeordnete Bürgermeister Freiburgs.

          Deshalb entschied man, alle Veranstaltungen mit mehr als fünfzig Teilnehmern zu verbieten. „Wir haben Sorgen, dass unser Gesundheitssystem an Grenzen stößt, wenn wir das Tempo, mit dem sich das Virus verbreitet, nicht minimieren.“ Theater, Bäder und öffentliche Einrichtungen wie Museen und das Planetarium werden ebenfalls geschlossen. Für noch wichtiger als diese lokalen Maßnahmen halten die Politiker in Südbaden aber die Verstärkung der Grenzkontrollen auf deutscher Seite. Die Landrätin für Breisgau-Hochschwarzwald, Dorothea Störr-Ritter (CDU), sagte in einer Pressekonferenz am Freitag in Freiburg: „Ich hoffe, dass noch heute die amtliche Anweisung kommt, die Grenzkontrollen weiter auszuweiten.“ Es müsse Gesundheitskontrollen geben und Corona-Verdachtsfälle müssten künftig nach Frankreich zurückgeschickt werden.

          Vor allem am Wochenende besuchen Franzosen gern die großen Supermärkte in Deutschland. Viele Kommunalpolitiker ärgert, dass die sonst gern gesehen Gäste ihr Verhalten trotz der dramatischen Lage nicht geändert hätten. „Alle Bürger müssen ihr soziales Kontaktverhalten prüfen, es geht nicht mehr darum, mit einer Salami-Taktik an einer Schraube zu drehen“, sagte Störr-Ritter. Nach der Sondersitzung der grün-schwarzen Landesregierung kündigte der baden-württembergische Innenminister Thomas Strobl (CDU) stärkere Maßnahmen an; es werde spürbare Einschränkungen im Grenzverkehr geben.

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