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Generation Y : Wir Corona-Streber

„Sagen Sie es Ihren Eltern freundlich, aber bestimmt“: Mural an einer Fassade im italienischen Mailand Bild: Getty

Über die Maßnahmen in der Krise bahnt sich ein neuer Generationenkonflikt an: zwischen braven, Abstand haltenden Jungen und ihren widerspenstigen, spaßsüchtigen Eltern.

          3 Min.

          Die alten Spielverderber maßregeln die leichtsinnige Jugend? Das war einmal. Heute sind wir es, die Zwanzig- bis Vierzigjährigen, die alles besser wissen. Zum Beispiel, welcher Abstand richtig ist und wie die Maske sitzen muss. Schaut man sich im Park um, sieht man zwar vor allem Herden aus Jungvolk, aber in den sozialen Medien ist man sich einig: Wir Jungen bringen heldenhaft Opfer für die Risikogruppe – und die macht einfach, was sie will.

          Livia Gerster
          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ein Redakteur des „New Yorker“ fragte auf Twitter nach, ob es außer ihm noch andere Betroffene gebe mit „Baby-Boomer-Eltern, die das nicht ernst nehmen, weil sie sich für unsterblich halten und weiter ins Restaurant gehen wollen?“ Daraufhin teilten 2000 Leidensgenossen der Generationen Y und Z ihre Geschichten; Tenor: Sie raffen es einfach nicht, sie sind so störrisch, ich bin mit meiner Weisheit am Ende. Ein anderer prägte daraufhin den Begriff der „Yolo-Großeltern“, „Yolo“, das heißt: Man lebt nur einmal, also lasst die Korken knallen.

          Und es ist ja auch kein Wunder, nach dieser Logik, dass es die „Boomer“ sind, die nun das Land wieder öffnen. Verzweifelt organisieren Millennials sich in Selbsthilfegruppen, weil man sich „aus Verantwortungsgefühl heraus“ von den Eltern isoliert, die dann aber einfach zum Friseur rennen. Die Ex-Piratin und Grüne Marina Weisband beschwert sich über ihre Kaffeekränzchen haltenden Schwiegereltern, und Youtuber Rezo findet Schulöffnungen völlig unverantwortlich. „Machst du dir Sorgen um ältere Verwandte?“, fragt das Jugendmagazin „Bento“ seine Leser. Eine klare Mehrheit antwortet: „Ja, sie scheinen mir den Ernst der Lage zu verkennen.“

          Klingt so, als hätte man es nicht mit mündigen Bürgern, sondern widerspenstigen Teenagern zu tun. Und tatsächlich scheinen einige Fachleute ihre Pubertätsratgeber umgeschrieben zu haben. „Erklären Sie es Ihren Eltern freundlich, aber bestimmt“, und wenn das nicht hilft, „übernehmen Sie die Führung und seien Sie hartnäckig!“, empfiehlt ein übrigens 66-jähriger Familienberater.

          Anderswo werden „Ich-Botschaften“ vorgeschlagen, also nicht „Das ist unverantwortlich!“, sondern „Ich würde mich viel besser fühlen, wenn du mit niemandem direkten Kontakt hättest“. Auch die Ursachenforscher haben längst Erklärungen für die Rebellion der Alten parat. Eine Theorie lautet: Der Kalte Krieg habe ihnen den Glauben eingepflanzt, dass am Ende doch immer alles gutgeht. Eine andere: Die Boomer halten sich einfach für unbesiegbar. Sie haben Wirtschaftswunder vollbracht, die alten Nazis gestellt, Sex, Liebe und Frieden erfunden, und seitdem regieren sie die Welt und wollen einfach nicht loslassen.

          Da mag ja was dran sein, aber wie erklären wir uns eigentlich uns selbst? Diese Generation aus lauter neunmalklugen Lisa Simpsons? Vielleicht hat es mit unseren vorbildhaften Vorbildern in den sozialen Medien zu tun, die immer sofort wissen, was richtig ist, und ihre Followerschar im Handumdrehen auf die rechte Moral polen. Da wissen manche vielleicht noch gar nicht, was exponentielle Kurven sind, aber auf Instagram heißt es schon überall passiv-aggressiv „staythefuckhome“: Bleib verdammt noch mal zu Hause.

          Spießige Stubenhocker

          Und kaum raten die ersten Wissenschaftler zu Mundschutz, haben schon alle Influencer kesse Masken-Selfies geschossen und das Mundschutz-Emoji an ihre Benutzernamen geheftet, sozusagen als dauerhaft mahnenden Zeigefinger der Vernunft. Dieser Rollenwechsel ist nicht neu. Schließlich sind wir es auch, die den von den Boomern geschundenen Planeten retten und Verzicht üben, während die Yolo-Großeltern weiter eine gute Zeit haben.

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          Wir sind es, die ständig unsere eigenen Privilegien hinterfragen, spektakulär „bewusst“ leben, korrekt sprechen und überhaupt so fehlerlos sind, dass man uns einfach nichts vorwerfen kann. Wir lieben einfach Regeln: Sprachregeln, Ernährungsregeln, Abstandsregeln. Wir lieben es, zu predigen, und wir lieben es, andere auf ihren Platz zu verweisen, am liebsten ohne Argumente, mit dem virtuellem Augenrollen, „Okay, Boomer“ oder auch dem Hand-klatscht-sich-ins-Gesicht-Emoji. Wir wissen ja eh, dass wir recht haben, und haben einfach keine Geduld für kindische Diskussionen.

          Wenn wir ehrlich sind, müssen wir aber auch zugeben: Natürlich fällt uns das Leben im Lockdown leicht, weil wir sowieso am liebsten mit unserm Smartphone auf dem Sofa hängen. Und natürlich fällt es unsern Eltern schwer, weil für sie Freiheit etwas ganz anderes ist als das Internet.

          Für sie ist Freiheit vielleicht so was Romantisches wie: mit dem Auto ans Meer fahren und den Sand zwischen den Zehen spüren. Wir finden das zwar auch nett, aber nur, wenn man davon ein Foto machen kann. Wenn das gerade nicht geht, sind wir pragmatisch: Man kann ja auch süße Bilder aus aufgeräumten Altbauzimmern versenden, mit Blumen und selbstgebackenem Kuchen.

          Genau genommen könnten wir so immer leben. Deshalb wollen wir gar nicht zurück zur Normalität. Wollen nicht, dass dieses große, Corona genannte Internet-Event womöglich wieder ein Ende findet. Denn dann fällt womöglich auf, was für spießige Stubenhocker wir sind.

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