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Für Einreisende in China : Quarantäne mit Meerblick

Hotelzimmer mit Balkon und Blick auf das Meer. Bild: Frederieke Böge

Von eigenständiger häuslicher Quarantäne hält man in China nichts. Stattdessen müssen Einreisende für zwei Wochen ins bewachte Quarantänehotel. Dort weicht der Groll einer Art Stockholmsyndrom.

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          Als der Bus am Hotel vorfährt, stehen die Helfer mit dem Desinfektionsmittel schon bereit. Großzügig versprühen sie die Flüssigkeit über Koffer und Taschen. Aus chinesischer Sicht sind nicht nur die Deutschen, die am Morgen mit dem Lufthansa-Flug 786 aus Frankfurt in Qingdao gelandet sind, ein Infektionsrisiko. Auch alle Gegenstände, die sie mitgebracht haben, gelten als potentielle Virenträger. Das gesamte Hotelpersonal trägt Ganzkörperschutzanzüge. Haare, Hände und Schuhe sind in Plastik eingepackt. Zwei Wochen lang werden wir nur noch Leute in solchen Anzügen sehen. Sie stellen dreimal am Tag Essen vor die Zimmertür, zweimal am Tag kommen sie zum Temperaturmessen. Was die meisten Gäste nicht wissen: Auf jedem Gang wacht ein Polizist darüber, dass sie nicht zum Zimmernachbarn rübergehen oder das Hotel verlassen.

          Friederike Böge
          Politische Korrespondentin für China, Nordkorea und die Mongolei.

          China betrachtet alle Länder jenseits seiner eigenen Grenzen als Risikogebiete. Deshalb verbietet das Land Ausländern seit März grundsätzlich die Einreise. Aber es gibt Ausnahmen, und zu denen gehören wir. LH786 ist kein gewöhnlicher Linienflug. Er wurde von der deutschen Auslandshandelskammer gechartert, um Mitarbeiter deutscher und anderer europäischer Unternehmen und ihre Angehörigen zurück nach China zu bringen. Es ist der elfte von 13 solchen Flügen. Rund ein Viertel der 222 Passagiere an Bord sind Kinder und Ehepartner. Manche warten schon seit fünf Monaten auf ihre Rückkehr. Trotz gültiger Aufenthaltsgenehmigungen mussten sie neue Einreisevisa beantragen.

          Die Organisation der Flüge ist ein mühsames Ringen mit der chinesischen Bürokratie. Bei der deutschen Außenhandelskammer sind 15 Leute allein damit beschäftigt, in Vollzeit. Auch auf diplomatischer Ebene binden die Flüge immense personelle Ressourcen. Immer neue Richtlinien und Hürden werden in Stellung gebracht, weil die beteiligten Provinzpolitiker Nachteile für ihre Karriere fürchten, wenn es in ihrem Zuständigkeitsbereich einen neuen Corona-Fall gibt.

          Die Abschottung vom Rest der Welt ist Teil der rigiden Strategie, mit der China das Coronavirus unter Kontrolle gebracht hat. Während wir im Qingdaoer Hotel „Mangrovenbaum“ zwei Wochen in unseren Zimmern ausharren, findet wenige Kilometer entfernt das größte Bierfest Asiens statt. Ein Fernsehteam des ZDF zeigt, dass dort ausgelassen getanzt, gesungen und gegrölt wird – wie in normalen Jahren auf dem Oktoberfest in München. Ohne Masken und Abstandsregeln. Die chinesische Strategie zielt darauf ab, jeden einzelnen Infektionsfall zu entdecken, koste es, was es wolle. Deshalb wird jeder von uns insgesamt sechsmal in Mund oder Nase auf Corona getestet. Außerdem wird unser Blut auf Antikörper gegen das Virus untersucht. Auch kleine Kinder werden davon nicht verschont. Zur Begründung heißt es, der Bluttest solle ein noch akkurateres Bild liefern.

          Deutsche Sorglosigkeit gegen chinesische Menschenscheu

          Die Idee, dass Reiserückkehrer sich nach der Einreise eigenständig in häusliche Quarantäne begeben oder selbst dafür sorgen könnten, sich testen zu lassen, mutet aus chinesischer Sicht kühn an. Schon vor dem Abflug gibt es den ersten Corona-Test und den zweiten noch vor der Passkontrolle. Wie anders war dagegen Ende Juni der Empfang bei der Hinreise von Peking nach Brüssel. „Did you arrive from Beijing?“, fragte ein Zollbeamter, der nur eine einfache Schutzmaske trug. Wir nickten und stellten uns auf Unannehmlichkeiten ein. Doch der Zöllner sagte nur: „Welcome to Belgium!“ Wir konnten gehen, wohin wir wollten, und konnten es kaum fassen. Nach Monaten in China kam uns die Sorglosigkeit, mit der viele Deutsche sich in Bars, Schwimmbädern und U-Bahnen bewegten, verwegen vor. Die Gesichtsmaske war uns schon vor Corona wegen der Luftverschmutzung zur zweiten Haut geworden. Eine gewisse Menschenscheu hatte sich hinzugesellt.

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