https://www.faz.net/-guw-a0mjj

Corona-Ausbruch Gütersloh : Mehr als 1300 Tönnies-Mitarbeiter infiziert

  • Aktualisiert am

Mitglieder der Feuerwehr bauen am Samstagabend Bauzäune in einer Wohnsiedlung im Ortsteil Sürenheide auf, in dem eine Quarantöne eingerichtet wurde. Bild: dpa

Nordrhein-Westfalens Regierungschef Laschet besucht den Krisenstab in Gütersloh und sieht vorerst keinen Grund für einen Lockdown. Fünf Tönnies-Mitarbeiter müssen intensivmedizinisch behandelt werden. In Verl wurde eine Quarantänezone um Wohnblocks eingerichtet.

          2 Min.

          Nach dem Corona-Ausbruch beim Fleischverarbeiter Tönnies sehen die Behörden weiterhin keinen Grund für einen Lockdown im Kreis Gütersloh, also das massive Runterfahren des öffentlichen Lebens. Es gebe zwar „ein enormes Pandemie-Risiko“, sagte Nordrhein-Westfalens-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) am Sonntag. Das Infektionsgeschehen sei aber klar bei der Firma Tönnies lokalisierbar und es gebe keinen „signifikanten Übersprung“ hinein in die Bevölkerung. Deshalb gelte weiterhin der Satz, „dass wir einen flächendeckenden Lockdown im Moment nicht ausschließen können, aber solang wir alles tun, dass es gelingt, dass es nicht überspringt auf die Bevölkerung, können wir andere bessere zielgerichtetere Maßnahmen ergreifen“, sagte Laschet.

          Derweil ist die Zahl der Corona-Infizierten in der Tönnies-Fleischfabrik in Rheda-Wiedenbrück auf 1331 gestiegen. Dies teilte der Kreis Gütersloh am Sonntag mit. Die Reihentestungen auf dem Gelände der Firma seien am Samstag abgeschlossen worden, hieß es. Insgesamt 6139 Tests seien gemacht worden. 5899 Befunde lägen bereits vor. Bei 4568 Beschäftigten konnte demnach das Virus nicht nachgewiesen werden. „Bei den Testungen zeigte sich, dass die Zahl der positiven Befunde außerhalb der Zerlegung deutlich niedriger sind als in diesem Betriebsteil“, hieß es weiter.

          In den vier Krankenhäusern im Landkreis werden derzeit 21 Covid-19-Patienten stationär behandelt. Davon liegen sechs Personen auf der Intensivstation, zwei von ihnen müssen beatmet werden. Fünf der sechs sind nach Angaben des Kreises Tönnies-Beschäftigte.

          Der Kreis teilte weiter mit, dass bei den Reihentestungen im Mai bei der Firma Tönnies deutlich mehr Testungen gemacht wurden. „Das liegt daran, dass die Zahl der Beschäftigen gesunken ist. Eine Reihe von Mitarbeitern ist ganz offensichtlich in die Heimat zurückgekehrt, unter anderem Personen, die negativ getestet worden sind und die die sich abzeichnende Quarantäne hier vermeiden wollten.“

          Mehrfamilienhäuser, in denen Werkvertragsarbeiter der Firma Tönnies leben, wurden in der Stadt Verl unter Quarantäne gestellt. Helfer des Roten Kreuzes verteilen Lebensmittel an die Bewohner.

          Am Sonntag seien 32 mobile Teams in den Städten und Gemeinden des Kreises unterwegs gewesen, um Personen in ihren Unterkünften zu beraten und ihnen Unterstützung anzubieten. „Dabei wird auch kontrolliert, wie aktuell die Adresslisten sind, die sich der Kreis Gütersloh in der Nacht zu Samstag beschafft hat.“

          Laschet vor Ort

          NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) hat sich am Sonntag vor Ort über die Lage informiert. Der Regierungschef nahm am Vormittag zusammen mit Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann an einer Sitzung des Krisenstabs im Kreis Gütersloh teil. An der Sitzung nahmen nach Angaben des Kreises auch Vertreter der Botschaften Rumäniens, Polens und Bulgariens teil.

          Am Mittag sollte das CDU/FDP-Landeskabinett in Düsseldorf zu einer Sondersitzung zusammentreten. Laschet will nach Angaben der Staatskanzlei um 14.30 Uhr im Kreishaus Gütersloh ein Statement vor der Presse abgeben.

          Quarantänezone in Verl eingerichtet

          Wichtiges Thema bleibt die Einhaltung der Quarantäne durch die infizierten Mitarbeiter. Nach positiven Corona-Tests bei zahlreichen Tönnies-Mitarbeitern hatte die Stadt Verl (Landkreis Gütersloh) am Samstag in einem Stadtteil eine Quarantänezone eingerichtet. Mehrere Mehrfamilienhäuser, in denen Werkvertragsarbeiter der Firma Tönnies untergebracht sind, wurden unter Quarantäne gestellt - auch jene Bewohner, die keine Tönnies-Beschäftigten sind. Der gesamte Bereich wurde mit Bauzäunen abgeriegelt. In den betroffenen Häusern leben in drei Straßenzügen insgesamt knapp 670 Menschen.

          Der Deutsche Städte- und Gemeindebund warnte angesichts der Corona-Ausbrüche der vergangenen Tage vor möglichen sozialen Konflikten. „Wir dürfen Menschen nicht diskriminieren oder benachteiligen, die zum Beispiel im Niedriglohnbereich unter schlechten Wohnverhältnissen die preiswerte Fleischproduktion in bestimmten Betrieben gewährleistet haben“, sagte Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

          Landsberg betonte, man dürfe Menschen, die in beengten Verhältnissen wohnen, keinen Vorwurf machen, weil es dort eher zu Infektionen kommen kann. Hier seien insbesondere die Betriebe gefordert, nicht nur für anständige Löhne und Arbeitsbedingungen zu sorgen, sondern insbesondere auch für Wohnverhältnisse, in denen ausreichende Hygienestandards gewährleistet werden können.

          Weitere Themen

          Testen, wo es brennt Video-Seite öffnen

          Gütersloh im Lockdown : Testen, wo es brennt

          Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet sagt, er wolle keine flächendeckenden Tests auf das Coronavirus in seinem Land. Mit Blick auf neue Wellen ab Herbst müsse man gezielt vorgehen. In Gütersloh herrscht weiterhin der Lockdown.

          Topmeldungen

          Zu beantworten: Weshalb ist nicht zu ermitteln, woher die mit „NSU 2.0“ gezeichneten Schreiben stammen?

          Nach Drohmails gegen Wissler : Warum sind die Ermittlungen bisher erfolglos?

          Die Drohmails gegen die Linken-Vorsitzende im Landtag sorgen auch innerhalb der Sicherheitsbehörden für Streit. In den Vordergrund rückt die Frage, weshalb nicht zu ermitteln ist, woher die mit „NSU 2.0“ gezeichneten Schreiben stammen.
          Polizisten vor einem Waldstück an einer Straße bei Oppenau, wo mit einem Großaufgebot nach dem Flüchtigen gesucht wird.

          Dienstwaffen-Räuber geflüchtet : Im Schwarzwald versteckt

          Weiterhin ist der Mann, der in Oppenau im Schwarzwald vier Polizisten entwaffnet haben soll, auf der Flucht. Es ist nicht das erste Mal, dass der Verdächtige strafrechtlich auffällig wird. Ein ehemaliger Vermieter berichtet zudem von einem Waffenlager.
          Wie weiter? Linda Teuteberg und Christian Lindner vergangenen April auf dem Bundesparteitag in Berlin

          FDP in der Krise : Wenn das Zugpferd lahmt

          Die FDP dümpelt nur noch bei fünf Prozent, ihr Vorsitzender Christian Lindner wirkt unmotiviert und auch an Linda Teuteberg gibt es Zweifel. Sind die Tage der Generalsekretärin gezählt?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.