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Coronavirus : Die fieberhafte Suche nach einem Impfstoff

Derzeit wird versucht, einen Impfstoff gegen das Coronavirus zu entwickeln. Bild: dpa

Eine Therapie für das Coronavirus gibt es noch nicht. Dafür wird intensiv an einem Impfstoff geforscht. Währenddessen werden die ersten deutschen Rückkehrer aus der Risikoregion in Frankfurt erwartet.

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          Höflichkeit hat ihre Grenzen. Zumindest für Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Die Grünen). Statt zur Begrüßung Hände zu schütteln, wählt er lieber eine angedeutete Verbeugung. Die Hand legt er dabei auf den oberen Bauch, den Oberkörper kippt er leicht nach vorn. Es ist eine respektvolle Geste. Wichtiger aber noch: Sie kommt ohne Körperkontakt aus. In Zeiten, in denen sich Grippeviren schnell verbreiteten und die Angst vor einer Infizierung mit dem Coronavirus um sich greife, sei die Verbeugung zumindest eine kleine Hilfe, um sich zu schützen, sagt Majer. Regelmäßiges Händewaschen mit Seife gehöre ebenfalls dazu.

          Marie Lisa Kehler

          Stellvertretende Ressortleiterin des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Mittlerweile verdichten sich die Hinweise, dass rund 90 Deutsche aus der schwer von der neuen Lungenkrankheit betroffenen Metropole Wuhan am Samstag nach Frankfurt ausgeflogen werden. Das hat ein Betroffener telefonisch der Deutschen Presse-Agentur bestätigt. Nach ihrer Landung in Frankfurt sollen sie andernorts  gemeinsam in eine Unterkunft gebracht werden, wo sie versorgt sind und 14 Tage bleiben können, so eine Sprecherin des Hessischen Ministeriums für Soziales und Integration. Die Organisation erfolge auf Anlass und mit Unterstützung der Bundesregierung.

          Arbeit am Impfstoff

          Indes unterstützt das Paul-Ehrlich-Institut in Langen aktiv die Anstrengungen, einen Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus 2019-nCoV zu entwickeln. Das Institut ist unter anderem für die Zulassung und die staatliche Chargenfreigabe von Impfstoffen und biomedizinischen Arzneimitteln zuständig.

          Forscher des Instituts haben nach Cichuteks Angaben schon in der Vergangenheit daran gearbeitet, Impfstoff-Konzepte gegen das mit dem neuen Virus verwandte MERS-Coronavirus im Tiermodell zu testen. Einige Impfstoff-Firmen haben laut Cichutek auch schon Studien mit Impfstoffkandidaten gegen ähnliche Viren laufen. Die in diesen Studien verwendeten Impfstoffkandidaten müssten nun an den neuen Erreger angepasst werden. Erste Beratungsgespräche mit pharmazeutischen Unternehmen zur Entwicklung eines Impfstoffs würden schon vom Paul-Ehrlich-Institut geführt, sagte Cichutek. Im Idealfall könne eine erste Version von Impfstoffkandidaten schon in einem halben Jahr in die klinische Prüfung gehen, so seine Hoffnung.

          Die Zeit drängt. Denn im Gegensatz zu den Grippeviren sei das menschliche Immunsystem noch nicht auf Coronaviren eingestellt. „Es gibt keine Grundimmunität“, sagt Cichutek, der auch deshalb darauf hofft, dass es mit der Entwicklung eines Impfstoffs schnell voran geht.

          Erreger erst seit einigen Wochen bekannt

          Auch Martin Stürmer, Leiter eines privaten Medizinlabors und Lehrbeauftragter für Virologie an der Goethe-Universität, hofft auf einen baldigen Forschungsdurchbruch. Allzu große Hoffnungen macht er sich aber nicht. „Wir kennen das Virus erst seit einigen Wochen. Das ist zu wenig, um einzuschätzen, was genau läuft.“ Die konsequente Isolierung von Patienten, bei denen ein Verdacht auf eine Infektion bestehe, und die erhöhte Alarmbereitschaft, in der sich Behörden und Mediziner befänden, zeige, dass man aus ähnlichen Szenarien in der Vergangenheit gelernt habe. „Niemand will sich vorwerfen lassen, nicht genug getan zu haben.“

          Stürmer war 2003 Mitglied einer Arbeitsgruppe, die sich mit der Erforschung des Sars-Virus beschäftigte. „Sars hatte den Vorteil, dass die Menschen richtig krank sein mussten, um infektiös zu sein.“ Auch deshalb habe sich die Ausbreitung 2003 vergleichsweise einfach kontrollieren lassen. Denn wer sich elend fühle, verlasse das Haus ohnehin kaum noch und begebe sich schnell in medizinische Behandlung. Das sei bei dem neuen Coronavirus anders. Viele der Patienten fühlten sich zwar geschwächt, nicht aber unbedingt schwer krank. Auch Stürmer wertet derzeit jeden Tag die neu gemeldeten Infektions- und Todesfälle aus und versucht so die Lage besser einschätzen zu können. Derzeit überlebten zwischen drei und vier Prozent der Erkrankten nicht. „Verschiedene Influenzawellen in Deutschland können deutlich schlimmer ausgehen.“

          Zum Vergleich: Allein in der Grippesaison 2018/19 sind bundesweit mehr als 850 Menschen an Influenza gestorben. Das geht aus Zahlen hervor, die das Robert-Koch-Institut jährlich veröffentlicht. Dabei handelt es sich nur um im Labor bestätigten Todesfälle. Die Dunkelziffer dürfte um ein Vielfaches höher liegen. Allein im Jahr zuvor sollen bundesweit bis zu 25.000 Menschen an den Folgen der Grippe gestorben sein. Laut Angaben einer Sprecherin des Robert-Koch-Instituts wird die Influenza oft nicht als Todesursache auf dem Totenschein eingetragen, sondern sie verstecke sich hinter Bezeichnungen wie „Versagen des Herz-Kreislauf-Systems“.

          Influenza und das Coronavirus in einem Atemzug zu nennen, sei ein bisschen so, als würde man Äpfel mit Birnen vergleichen, sagt Stürmer. Aber es helfe, um überzogene Ängste zu relativieren. Gelassenheit ist laut dem Virologen ohnehin angebracht, wenn man bedenkt, „was wir alles rumkreuchen und fleuchen lassen, ohne uns zu kümmern“.

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