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Corona-Kindheit: Ein vierjähriger Junge aus Niedersachsen schaut während des zweiten Lockdowns aus dem Fenster. Bild: Hagemann, Insa

Psychotherapeuten warnen : „Auch Kinder sind systemrelevant“

Psychotherapeuten, Psychiater und Ärzte warnen vor den Folgen des Lockdowns für junge Menschen. In einem Bündnis fordern sie Maßnahmen der Politik für Kinder und Jugendliche.

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          Angst- und Schlafstörungen, Depressionen, Zwangs- und Essstörungen, selbstverletzendes Verhalten, Suizidalität: diese Störungen beobachten Ärzte und Therapeuten seit dem zweiten Corona-Lockdown verstärkt bei Kindern und Jugendlichen. Deshalb haben sich nun fünf Verbände von Kinder- und Jugend-Psychotherapeuten, -Psychiatern und -Ärzten, die 60000 Berufsangehörige repräsentieren, zu einem Bündnis zusammengeschlossen. Unter dem Motto „Kinder brauchen mehr/Jugend braucht mehr“ und unterstützt von weiteren 23 psychotherapeutischen Berufs- und Fachverbänden, fordern sie von der Politik, dem Leiden von jungen Menschen in der Corona-Krise mit einem Maßnahmenpaket zu begegnen.

          Leonie Feuerbach
          Redakteurin in der Politik.

          In einer öffentlichen Online-Diskussionsveranstaltung hieß es am Mittwochabend, die Anfragen hätten sich massiv erhöht, die Psychotherapeuten kämen gar nicht mehr hinterher mit den Behandlungen. „Eines muss man sagen: Wir schlagen Alarm“, so Benedikt Waldherr, Vorsitzender des initiierenden Bundesverbands der Vertragspsychotherapeuten (BVVP). Unternehmen würden bei der Pandemiebekämpfung wenig, die Schulen hingegen stark in die Pflicht genommen. „Wir sind der Meinung: Auch Kinder und Jugendliche sind systemrelevant.“

          Die Forderungen des Bündnisses reichen von einem analog zum Ethikrat einzurichtenden Kinder- und Jugendrat über die Unterstützung von Sport- und Kulturangeboten für Kinder und Jugendliche unter Einhaltung der AHA-Regeln bis hin zur Einrichtung eines Hilfe-Telefons für junge Menschen in Not, ähnlich der „Nummer gegen Kummer“, aber mit Beratung durch Fachpersonal statt Freiwillige. Es gehe nicht darum, Tote aufzurechnen gegen die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen, betonten die Verbandsvertreter. „Aber wir müssen handeln.“ Die Vertreter der Verbände waren sich einig darin, dass es wichtig sei, jetzt nicht nur auf den versäumten Schulstoff zu schauen. Es brauche Maßnahmen „jenseits von Leistungsorientierung“. „Das ist überfällig, und dafür muss man jetzt Geld in die Hand nehmen“, sagte Ariadne Sartorius, Bundesvorstandsmitglied des BVVP.

          Zunahme häuslicher Gewalt

          Die Verbände unterlegten ihre Forderungen mit Studien. So ergab eine Umfrage der Uniklinik Regensburg unter mehr als 400 Ärzten, Psychiatern und Therapeuten ein beunruhigendes Bild: Ein Drittel der Befragten gab an, Probleme von Kindern und Jugendlichen hätten „extrem bis sehr deutlich“ zugenommen, mehr als die Hälfte berichtete, dass sie mehr Notfallanfragen erreichten. Folgen des Lockdowns sind laut den befragten Ärzten und Therapeuten eine Zunahme von häuslicher Gewalt (diese gaben elf Prozent als sehr häufig und häufig an), von Belastung durch Geschwisterkonflikte (gut 37 Prozent bezeichneten sie als sehr häufig und häufig) sowie von Zukunftsängsten, die mehr als die Hälfte der Befragten sehr häufig und häufig beobachteten. Von Störungen wie Depressionen, selbstverletzendem Verhalten oder Zwangs- und Essstörungen seien viele Kinder und Jugendliche, vor allem aber die Zwölf- bis Siebzehnjährigen betroffen.

          Eine Online-Befragung von rund 70Schülern zwischen elf und 14 Jahren ergab zudem, dass psychische Stress- und Angstsymptome in allen Altersklassen signifikant erhöht waren, besonders aber unter Mädchen in der siebten und achten Klasse. In einer Befragung von mehr als 1000 Kindern und ihren Eltern gaben in der ersten Corona-Welle gut 70 Prozent an, ziemlich bis äußerst belastet zu sein; in der zweiten Welle stieg dieser Anteil auf 84 Prozent.

          Die Vorsitzenden der Fachverbände, die alle selbst als Ärzte und Therapeuten arbeiten, referierten am Mittwochabend nicht nur Zahlen und Statistiken, sondern berichteten auch aus dem Alltag in ihren Praxen. Gundolf Berg, Vorsitzender des Berufsverbands für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Deutschland erzählte von einem „hohen Anmeldedruck“. „Weil man teils gar nicht mehr neue Patienten aufnehmen kann, merkt man vor allem, dass sich die Symptome bei denen verstärken, die schon da waren.“ Zudem berichteten ihm viele Jugendliche, dass sie in ihrem Umfeld einen erhöhten Substanzmissbrauch erlebten, viel gekifft werde. Berg kann diesen Eindruck nur bestätigen: „Auf meinem Rad-Nachhauseweg riecht es an allen Ecken nach Marihuana.“

          Helene Timmermann, die Vorsitzende der Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten in Deutschland, berichtete, dass viele Kinder und Jugendliche gut durch den ersten Lockdown und den Sommer gekommen seien. Im Spätsommer aber habe ihr Telefon nicht mehr stillgestanden. „Ich hatte dreimal so viele Anrufe wie vorher von Jugendlichen, die gesagt haben: Ich halte es nicht mehr aus. Meine Freunde fehlen mir, meine Eltern nerven, und wenn ich mich abends im Park mit Leuten treffe, kommt die Polizei.“

          Ausbleibende Entwicklungsschritte

          Michaela Willhauck-Fojkar von der Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung sagte, dass vor allem Anmeldungen von Eltern mit sehr kleinen Kindern deutlich zugenommen hätten. Das liege auch daran, dass viele Eltern verunsichert seien, weil sie keine anderen Eltern oder Erzieher mehr sähen, die einschätzen könnten, ob die Reaktion ihrer Kinder auf die ungewöhnliche Situation noch normal sei oder nicht.

          Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, berichtete neben psychischen Folgen des Lockdowns wie Vereinsamung, Depressionen und dysfunktionalem Mediengebrauch auch von körperlichen Auswirkungen. Bei manchen Kindern blieben wichtige Entwicklungsschritte aus, andere nähmen stark zu. Ein zwölfjähriger Junge etwa bringe heute 16 Kilogramm mehr auf die Waage als zu Beginn des ersten Lockdowns im vergangenen März. Trotz dieser massiven Folgen für Kinder und Jugendliche seien Ärzte und Pädagogen bei den Beratungen im Bundeskanzleramt, „wenn überhaupt, eher am Katzentisch“ dabei gewesen, klagte Fischbach.

          Sorgen äußerten die Fachleute auch in Bezug auf die Zeit nach der Pandemie. Fischbach sagte, die Autisten unter seinen Patienten hofften darauf, nie wieder in den Präsenzunterricht zu müssen. Ähnliches berichtete Ariadne Sartorius über ihre Patienten mit Angststörungen. „Das wird noch schwierig nach dem Lockdown“, sagte die Verhaltenstherapeutin. Deshalb sei es wichtig, sich jetzt auf die Zeit nach der Pandemie vorzubereiten. Dabei könne man das Ehrenamt fördern und auf bereits bestehende Strukturen wie Eltern-Kind-Zentren oder MütterCafés aufbauen. „Es handelt sich um eine große gesamtgesellschaftliche Aufgabe, an der alle mitwirken müssen.“

          Abschließend sagte Benedikt Waldherr vom BVVP, die von den Teilnehmern der Runde präsentierten Beispiele verlangten nach einer Reaktion. Aus Gesprächen mit Politikern zum Thema wisse er, dass viele Projekte im Bereich der Kinder- und Jugendfürsorge derzeit brachlägen. Vorhandene Gelder würden nicht abgerufen, verfielen oder flössen zurück in die Haushalte der Kommunen. Hier müsse dafür gesorgt werden, dass das Geld da eingesetzt werde, wo es eingeplant war. „Aber auch neue, passgenaue Angebote für die Kinder und Jugendlichen aus den besonders betroffenen, materiell eher schwachen Gruppierungen sollten entwickelt werden.“ Waldherr drückte sein Bedauern darüber aus, dass kein Politiker Zeit gefunden habe, an der digitalen Runde teilzunehmen. Der Dialog sei von Seiten der Ärzte und Therapeuten eröffnet und müsse weitergehen.

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