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Flüchtlinge in Corona-Zeiten : Geht der Krieg wieder los?

Flüchtlingskinder in einer Unterrichtsstunde in Karlsruhe. Durch die Corona-Krise und die damit verbundenen Schulschließungen fehlt gerade den Flüchtlingskindern die Struktur des schulischen Alltags. Bild: dpa

Geflüchtete suchen Frieden und Stabilität. Stattdessen ist Europa in der Corona-Krise verunsichert, der Alltag gerät ins Wanken, für Einheimische wie Neuankömmlinge. Gibt es Auswege? Die Traumatherapeutin Marianne Rauwald gibt Antworten.

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          Geflüchtete Menschen kommen nach Deutschland, weil sie hier Sicherheit und Frieden suchen. Stattdessen macht sich in der Corona-Krise eine breite Verunsicherung im Land breit. Was bedeutet das für Flüchtlinge?

          Die Geflüchteten, die bei uns in Deutschland angekommen sind, stehen ohnehin unter immenser Belastung und haben viele Themen im Gepäck, die sie bewegen und unter denen sie leiden. Corona ist nun einfach noch etwas, das auf die Schultern drauf gepackt wird. Mit dieser zusätzlichen unruhigen Situation wird diese innere Anspannung nochmal intensiviert – und den Betroffenen geht es dann schlecht.

          Aus welchen Krisenregionen kommen die Menschen, mit denen Sie als Therapeutin arbeiten?

          Eigentlich aus der ganzen Welt. Im Moment arbeite ich mit vielen aus Afghanistan, aus dem Irak, aus Eritrea und dem südlichen Afrika.

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          Darunter sind traumatisierte Menschen, die Krieg und Vertreibung erlebt haben. Normalerweise treffen Sie sie persönlich in Ihren Sprechstunden, nun ist das aber nicht mehr einfach so möglich. Können Sie mit einem traumatisierten Menschen effektiv eine Videosprechstunde abhalten?

          Zum eigenen Schutz und zum Schutz der Klienten, die ja oft auch nicht direkt in Frankfurt wohnen, bieten wir ihnen die Online-Termine an, so dass wir uns wenigstens sehen können. Wobei: In einzelnen Fällen bin ich für diese Klienten auch noch persönlich zu sprechen. Wir haben ja die Möglichkeiten, hier Vorkehrungen zu treffen, indem wir Verhaltens- und Hygienevorschriften aufstellen. Der persönliche Kontakt ist so wichtig, weil die Geflüchteten ja in ihrem Beziehungserleben so stark erschüttert sind. Internet ist bei manchen ausreichend als Hilfe, vor allem wenn man sich ein bisschen länger kennt, dann kann man wenigstens ein bisschen beruhigen. Aber nicht bei allen.

          Sind Ihre Klienten gut über das Coronavirus und die Gefahren der Lungenkrankheit informiert?

          In einer wenig wissenschaftlichen Art und Weise schon, meistens über Social Media. Die meisten wissen um die Gefahr und spüren die Aufregung um sie herum. Aber sie informieren sich weniger über klassische Medien.

          Therapeutin Marianne Rauwald leitet das Institut für Traumabearbeitung und Weiterbildung in Frankfurt.

          In manchen Geschäften sieht man leere Regale, Politiker verwenden Begriffe wie „Notstand“, in den Nachbarländern werden Ausgangssperren verhängt, hier Spielplätze und Nordseeinseln dicht gemacht. Das alles dürfte Geflüchtete an die Krisenherde ihrer Heimat erinnern.

          Ganz bestimmt, das passiert ja auch. Gestern war ich im Supermarkt, und da war ein sehr alter Mann, der nur gesagt hat: „Geht der Krieg wieder los?“ Der war unmittelbar in seinem Kriegserleben – und natürlich gilt das für Geflüchtete auch. Dieser plötzliche Mangel, diese aufkommende Unsicherheit, das spricht die alten eigenen Erfahrungen an. In Hessen kommen noch die Ereignisse von Hanau dazu. Die Erschütterung für Menschen mit solchem Hintergrund ist derzeit immens.

          Speziell für minderjährige Flüchtlinge kommt noch hinzu, dass die Schulen geschlossen sind und die Sportvereine ihren Betrieb vorübergehend einstellen. Was folgt daraus?

          Die Struktur geht verloren, was Halt gegeben hat oder auch mal ein bisschen Spaß. Alles geht nicht mehr. Außerdem haben diese Menschen meist keine Wohnung oder Zuhause, wo sie sich – so wie wir das tun – wohlfühlen. Gerade die jungen Geflüchteten sind immer noch in prekären Unterkünften oder ganz einfachen Behausungen untergebracht. Und da ist es ein noch gravierenderer Einschnitt, wenn man nur noch darauf reduziert wird. Das kann zu Konflikten führen, wenn alle mehr oder weniger aufeinander hocken, dann führt das wiederum zur Steigerung von Erregung und von Belastungen.

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          Wie kann man da entgegenwirken?

          Das ist eine richtig schwierige Frage! Ich glaube, es ist wichtig, möglichst einen Alltag aufrechtzuerhalten und gut zu informieren. Aber man kann sich nicht mehr so leicht versammeln und gemeinsam informieren – das ist wirklich eine prekäre Situation. Ich glaube, was wir tun können ist, dass wir vermehrt Sprechstunden anbieten für Menschen, die Bekannte sind von unseren Klienten. Manche bringen ihre Freunde auch mit, so dass wir Strategien der Beruhigung und Stabilisierung vermitteln können. Es ist einfach eine schwierige Situation.

          Der Begriff „Trauma“ wird mittlerweile sehr häufig verwendet. Wie definieren Sie den Begriff, wann ist ein Mensch traumatisiert?

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