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Über den Tod in der Pandemie : „Aus Angst vor dem Sterben haben wir aufgehört zu leben“

Bestattungsunternehmer Christoph Kuckelkorn (rechts) und ein Mitarbeiter mit dem Sarg eines an Corona Verstorbenen im Dezember 2020 in Köln Bild: dpa

Die Pfarrerin Nikola Schmutzler sagt, die Pandemie habe Deutschland im Umgang mit dem Tod Jahrzehnte zurückgeworfen. Ein Gespräch über die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen, gebrochene Herzen und zivilen Ungehorsam.

          3 Min.

          Frau Schmutzler, fast 80.000 Menschen sind in Deutschland bislang am Coronavirus gestorben. Am Sonntag begeht das Land den ersten offiziellen Gedenktag für die Pandemie-Toten. Sind die Deutschen bereit, sich damit auseinanderzusetzen?

          Sofia Dreisbach
          Redakteurin in der Politik.

          Wir waren auf einem guten Weg, das Sterben als Teil des Lebens neu zu begreifen. Früher hat die Gesellschaft den Tod ausgeklammert. Für die DDR kann ich das besser beurteilen als für die BRD: Da wurden in den siebziger Jahren die Verabschiedungsräume in Leichenhallen und Kapellen mit Glasscheiben abgetrennt, weil man Angst davor hatte, sich zu „vergiften“. Das Sterben wurde damals, auch in Westdeutschland, in Pflegeheime und Krankenhäuser ausgelagert. Mit dem Erstarken der Palliativmedizin und den Patientenverfügungen kam der Tod dann wieder stärker ins Bewusstsein. Aber die Pandemie hat uns da um Jahrzehnte zurückgeworfen.

          Warum das?

          Krankheit und Sterben wurden zum Schreckgespenst, die Furcht davor beherrscht alles. Aus lauter Angst vor dem Sterben haben wir aufgehört zu leben. Nach einem Jahr starren wir immer noch wie das Kaninchen auf die Schlange, wenn es um Corona geht. Das hat Auswirkungen auf das Leben, das Sterben und das Abschiednehmen.

          Meinen Sie damit die Corona-Beschränkungen zum Beispiel bei Bestattungen?

          Ja, der Trauerprozess wird durch die Begrenzung der Teilnehmer bei Bestattungen schwieriger. Die Zahl scheint willkürlich festgelegt. Es wird keine Rücksicht darauf genommen, wie wichtig eine Trauerfeier und Beerdigung für Trauernde oder wie groß die zur Verfügung stehende Kirche oder Kapelle ist. Hut ab vor allen couragierten Pfarrer*innen, Bestatter*innen und Friedhofsmitarbeiter*innen, die mit Augenmaß zivilen Ungehorsam üben, wenn die Trauerfeier zum Beispiel nach draußen verlegt wird und „zufällige Zaungäste“ sie verfolgen können.

          Pfarrerin Dr. Nikola Schmutzler
          Pfarrerin Dr. Nikola Schmutzler : Bild: Privat

          Doch die Maßnahmen dienen der Eindämmung der Pandemie. Inzwischen hat die dritte Welle Deutschland mit voller Wucht erreicht, die Sieben-Tage-Inzidenz steigt tagtäglich. Gilt es da nicht, streng zu sein?

          Ich halte das Sars-Cov2-Virus für gefährlich und finde es gut, dass die Regierung Maßnahmen zur Eindämmung ergreift. Aber ich frage mich, ob die Maßnahmen verhältnismäßig sind. Wenn sie einmal erlebt haben, wie bei einem Trauergespräch gezählt wird, wer teilnehmen darf und wen man nicht mehr einladen kann, dann wächst ihr Unverständnis für solche Verordnungen. Ich erlebe die große Angst vor dem einsamen Sterben im Krankenhaus und damit auch das Vermeiden von Krankenhausaufenthalten um jeden Preis. Ich erlebe die Trauer über das Allein-lassen-Müssen von Angehörigen und, damit verbunden, auch ein Schuldgefühl und manchmal ein Schamgefühl.

          Das ist die große Debatte: Braucht es härtere Regeln, um mehr Tode zu vermeiden, oder wurde der Infektionsschutz über die Bedürfnisse der Alten und Kranken gestellt? Kann es darauf eine richtige Antwort geben?

          Eine Freundin von mir hat es auf den Punkt gebracht. Sie hat gesagt: Wenn wir zu Weihnachten nicht zu meinem Vater fahren, bricht es ihm das Herz. Wenn wir fahren und ihn anstecken, bricht es mir das Herz. Das ist ein Dilemma, das sich nicht auflösen lässt. Aber wer entscheidet denn, wessen Herz bricht? Mir scheint, als ob die Generation zwischen Dreißig und Sechzig alles daran setzt, dass das eigene Herz nicht bricht. Wer fragt die Alten in den Pflegeheimen, ob sie das Risiko eines Besuchs vorziehen würden? Wer fragt die Omas und Opas, ob sie Ihre Enkel sehen wollen? Und wer spricht mit den Enkeln über das Risiko der Ansteckung und darüber, dass Leben tatsächlich lebensgefährlich ist? Wer sagt ihnen, dass Sterben ein Teil des Lebens ist? Über dieses Dilemma muss man sprechen dürfen, statt es reflexartig von sich zu weisen und totzuschweigen.

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          Sie plädieren also dafür, Alten- und Pflegeheime, Schulen und Kitas um jeden Preis geöffnet zu halten?

          Bei allem Verständnis für Kliniken und Pflegeheime, für Schulen und Kindergärten, die öffentlich unter Beobachtung stehen und die das Donnerwetter und die Häme aushalten müssen, wenn es zu einem Corona-Ausbruch kommt: Das Abriegeln kann nicht die Lösung sein. Ich selbst merke an mir – und ich halte mich für reflektiert und nüchtern –, dass ich zunehmend weniger Verständnis für die immer gleichen Maßnahmen der Regierungen aufbringe. Die immer gleichen Stellschrauben werden immer straffer angezogen, ohne signifikante Wirkung. Aber nach fest kommt lose.

          Auch für die Kirchengemeinden gelten viele Corona-Regeln. Was kann die Kirche dennoch tun, um der Gesellschaft durch die Pandemie zu helfen?

          Die Heilige Woche und das Osterfest, die höchsten aller Feste, die wir gerade gefeiert haben, sind geradezu notwendig, um mit dieser Pandemie umgehen zu lernen. Das Aushalten von Trauer, das Sterben, auch das schwere und schmerzhafte, gehören zum Leben, aber sind gehalten von Gott. Über allem Leid bleibt das „Der Herr ist auferstanden!“ die einzige Botschaft, die uns unveränderlich zuverlässig Zukunft eröffnet. Das gibt Trost und Hoffnung über die körperliche Unversehrtheit und die wirtschaftlich gesicherte Existenz hinaus. Das ist der genuine Auftrag der Kirche, und das kann auch nur sie. Und es hilft über die Grenzen der Kirchenmauern und der Kirchenmitgliedschaft hinaus.

          Dr. Nikola Schmutzler ist 1977 in Meißen geboren und Pfarrerin der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens in Auerbach im Vogtland.

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