https://www.faz.net/-guw-9yttt

Kinder in der Corona-Krise : „Wir müssen die Maßnahmen an Kinder anpassen“

Neue Umstände: Kinder haben in dieser Krise auch viele neue Herausforderungen zu meistern - zum Beispiel Masken zu tragen. Bild: dpa

Deutschland diskutiert: Können Schulen und Kitas geöffnet werden und wie gefährdet sind die Kleinen selbst durch das Virus? Ein Kinderarzt über den Stand der Forschung und die Idee, dass pädiatrische Erkenntnisse auch kranken Erwachsenen helfen.

          6 Min.

          Herr Professor Klein, Kinder spielen in dieser Corona-Krise eine besondere Rolle. Auf der einen Seite erkranken sie selten, und wenn, dann meist mild. Auf der anderen Seite gelten sie als die Virenschleudern, weshalb sie viele Einschränkungen in Kauf nehmen müssen. Ist diese Einordnung der Kinder ins gesellschaftliche Zusammenleben denn mit wissenschaftlichen Daten belegt?

          Lucia Schmidt
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Gerne würde ich Ihnen eine klare Antwort geben. Aber für wirklich belastbare Aussagen fehlen uns leider noch die Daten. Dazu kennen wir das Virus noch zu kurz. Weltweit beobachten Ärzte, dass Covid-19 bei Kindern, und da sprechen wir vor allem von denen bis etwa zehn Jahren, in den allermeisten Fällen sehr milde verläuft; viele Kinder zeigen auch gar keine Symptome. Wie sehr sie das Virus dennoch weitertragen, das weiß man nicht sicher.

          Aber diese Rolle als symptomloser Überträger ist ja Dreh- und Angelpunkt weiterer politischer Entscheidungen: Wann öffnen wir Kitas und Spielplätze, wie organisieren wir den Schulbesuch?

          Meiner Meinung nach fehlen uns zurzeit die Fakten, die hier den richtigen Weg begründen können. Wir haben Annahmen, Vermutungen, Vergleiche, auch Beobachtungen aus Einzelfällen oder kleineren Fallserien. Und dennoch müssen wir in der Gesellschaft im Horizont des Unwissens handeln und Entscheidungen treffen. Ich kann als Arzt gut verstehen, was das heißt. Patienten erwarten von uns Ärzten, dass wir mit Rat und Tat beistehen, auch wenn wir für viele Entscheidungen keine klare Datenbasis haben. Wir wissen oft nicht, ob eine im besten Wissen und Gewissen getroffene Entscheidung immer richtig ist. Der Erfolg einer Therapie zeigt sich oft erst später. Wir müssen angesichts der Bedrohung durch ein neues Virus auch als Gesellschaft lernen, mit Unsicherheit umzugehen.

          Also einfach mal versuchen, wie es klappt mit Schulöffnungen?

          Wir stehen vor einem Dilemma. Wenn wir in erster Linie die Virusausbreitung eingrenzen wollen, sollten wir die Begrenzungen aufrechterhalten, vielleicht sogar verstärken. Wenn wir in erster Linie das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben wiederherstellen wollen, und dafür gibt es gute Gründe, müssen wir die Begrenzungen einschränken. Ich meine, dass wir mit Besonnenheit und Vorsicht langsam die Schulen öffnen sollten. Es wäre aber wichtig, dass wir diese kleinen Schritte der Öffnung auch wissenschaftlich begleiten. Wir sollten beobachten, messen, Schlüsse ziehen und auf Basis dieser Daten eventuell auch den Kurs ändern.

          Andere europäische Länder fahren jetzt schon einen anderen Kurs, lassen Kinder wieder viel mehr am Leben teilnehmen. Unter anderem wird dafür immer die sogenannte „Islandstudie“ angeführt, die grob zusammengefasst sagt: Bei Tests in dem Inselstaat lag die Rate von infizierten Kindern deutlich unter der von Erwachsenen. Daraus zieht man den Rückschluss, dass Kinder sich bei Erwachsenen anstecken, Erwachsene sich dagegen möglicherweise kaum bei Kindern.

          Island hat sehr früh sehr umfangreiche epidemiologische Untersuchungen an rund sechs Prozent seiner Bevölkerung durchgeführt. Auch wenn in einer zufälligen Stichprobe bei Kindern unter zehn Jahren kein einziger Fall einer Sars-CoV-2 Infektion nachgewiesen wurde, so ist meines Erachtens der von Ihnen zitierte Rückschluss noch nicht klar belegt.

          Kann man etwas anderes aus den Daten ziehen?

          Ich denke, dass die Vermutung naheliegt, dass ein Kind, das vielleicht zwar infiziert ist, aber keinerlei Symptome zeigt, weniger infektiös ist als ein fiebernder und hustender Covid-19-Patient. In der Praxis bewiesen hat das aber noch niemand. Wenn wir also davon ausgehen, dass Kinder für ihre Kontaktpersonen keine größere Ansteckungsgefahr darstellen als Erwachsene, dann sollten wir sie auch nicht mehr isolieren als unbedingt nötig. Auch die Isolation birgt Gefahren.

          Ein weitere Diskussionspunkt in Bezug auf Kitas und Schulen ist: Kinder können dringende Hygieneregeln nicht gut einhalten?

          Kinder werden leider oft nicht ernst genommen. Natürlich können auch Kinder lernen, sich an neue Regeln zu halten. Wir müssen die Maßnahmen an Kinder anpassen.

          Gerade in den sozialen Medien kochen zurzeit Diskussionen hoch, dass Kinderrechte und Kindeswohl viel zu wenig berücksichtigt werden in der Corona-Zeit.

          Wir leben in Deutschland in einer Gesellschaft, die aus meiner Sicht im Vergleich zu anderen Ländern die Belange der Kinder nicht so sehr im Blick hat, wie es sein sollte. Es geht um die Achtung der Würde jedes Kindes, auch der Schwächsten der Schwachen. Es geht um ihren Schutz, um ihre Förderung, um ihre Teilhabe in allen gesellschaftlichen Fragen, die sie direkt oder indirekt berühren. Unsere Patienten mit schweren, seltenen Erkrankungen erfahren in den Strukturen unseres Gesundheitswesens in vielerlei Hinsicht nicht die Achtung, auf die sie ein Recht hätten. Sie sind immer noch die „Waisen der Medizin“. Und darüber hinaus vergessen wir häufig, dass es auch in ökonomischer Sicht kein besseres Investment gibt als ein Investment in die Gesundheit und Bildung der Kinder. Dennoch glaube ich, dass wir in diesen krisenhaften Wochen unser Augenmerk auch auf die älteren Menschen richten sollten.

          Weil sie schwerer betroffen sind?

          Es sind ja in erster Linie ältere Menschen, die akut von der Sars-CoV-2-Pandemie bedroht sind. Ihnen gilt daher in diesem Zusammenhang unsere Sorge – medizinisch und gesellschaftlich. Für sie müssen wir neue Therapien entwickeln. Aber in diesem Zusammenhang hoffen wir durchaus, dass Erkenntnisse aus der Pädiatrie wichtig sein könnten. Es gibt in der Medizingeschichte viele Beispiele dafür, dass die Forschung mit und an Kindern neue Wege öffnen kann, die auch für erwachsene Patienten relevant sind. Die Entwicklung der medikamentösen Chemotherapie bei Leukämien oder die Entwicklung der Gentherapie illustriert das gut.

          Sie haben in München ein Forschungsprojekt laufen, das untersuchen soll, warum manche, wenn auch wenige Kinder doch schwer an Covid-19 erkranken. Hatten Sie viele schwerkranke Kinder in Ihrer Klinik?

          Nein, zum Glück nicht. Wir haben zwar viele Vorbereitungen getroffen. So werden alle Kinder, die im Moment in die Klinik aufgenommen werden, auch auf das neuartige Coronavirus getestet. Stationär aufnehmen wegen Covid-19 mussten wir aber nur sehr wenige Kinder. Eines war so schwer betroffen, dass wir es auf der Intensivstation künstlich beatmen mussten. Dieses Kind litt unter einer bekannten genetischen Vorerkrankung. Außerdem können wir bestätigen, was auch weltweit beobachtet wird, dass rund dreißig Prozent der Kinder Erbrechen, Durchfall oder Bauchschmerzen haben. Wir lernen also, dass das Virus offenbar auch andere Organsysteme befallen kann. Aber diese virologischen. Aspekte stehen nicht im Zentrum unseres Projekts.

          Woran forschen Sie dann?

          Wir stellen uns der Frage, warum Sars-CoV-2 bei einigen wenigen Kindern lebensbedrohliche Komplikationen verursacht, während die meisten Kinder kaum Symptome zeigen. Wir erforschen hier im Haunerschen Kinderspital schon seit vielen Jahren die Entwicklung des Immunsystems und die genetischen Grundlagen von schweren Infektionen. Nehmen wir einmal das Herpesvirus HSV1 als Beispiel. Die meisten kleinen Kinder, die sich infizieren, haben nur einen vorübergehenden fieberhaften Infekt. Einige wenige aber zeigen lebensbedrohliche Gehirnentzündungen.

          Was ist der Grund dafür?

          Bis vor einigen Jahren war überhaupt nicht klar, woran das liegt. Mittlerweile verstehen wir, dass diese Krankheiten teilweise so schwer verlaufen, weil die Kinder sozusagen „Löcher im Immunsystem“ haben, die auf dem Boden eines kleinen genetischen Webfehlers entstehen. Bis zum Befall mit dem Herpesvirus sind die Kinder gesund; diese „Löcher“ fallen gar nicht auf. Auf solche Erkenntnisse bauen wir die Hypothese, dass Kinder, die schwer an Covid-19 erkranken, vielleicht auch solche genetischen Fehler im Immunsystem haben.

          Aber eigentlich kursiert doch die Theorie, dass Kinder das neuartige Coronavirus besser wegstecken, weil ihr Immunsystem ohnehin daran gewöhnt ist, ständig neuer Erreger kennenzulernen.

          Das Immunsystem verändert sich im Laufe des Lebens. Kinder sind keine kleinen Erwachsenen, und diese altersabhängigen Unterschiede müssen auch im Blick auf die Auseinandersetzung mit dem Coronavirus untersucht werden. Die genetischen Analysen helfen uns dabei, aber es gibt auch andere Faktoren. So untersuchen wir auch die Funktion der Immunzellen. Eine weitere Hypothese sagt, dass die Antennen, über welche das Coronavirus Zugang zu den Körperzellen hat, bei Kindern anders als bei Erwachsenen ausgeprägt sein könnten. Wenn wir verstehen, warum die meisten Kinder weniger schwer erkranken, dann erhoffen wir uns daraus neue Ideen für eine gezielte Behandlung erwachsener Patienten. Diese Forschung wird nicht nur aus öffentlichen Mitteln unterstützt, sondern auch durch Zuwendungen vieler, die sich über unsere Care-for-Rare Foundation beteiligen.

          Gibt es schon wichtige Zwischenergebnisse Ihrer Forschung?

          Wir stehen am Anfang. Und bevor wir wissenschaftliche Erkenntnisse der Öffentlichkeit vorstellen, sollten wir sie zunächst in der scientific community kritisch prüfen.

          So viel Zeit bleibt vielen Familien nicht, wenn die Schulen wieder öffnen. Was raten Sie Eltern, die sich Sorgen machen, ihre Kinder wieder aus dem Haus zu schicken, weil sie vielleicht chronisch kranke oder schwache Angehörige haben und eine Erkrankung mit Covid-19 unbedingt verhindern wollen?

          Da ist der richtige Rat schwierig. Wir alle müssen lernen, mit der Pandemie zu leben, vielleicht für lange Zeit. Wir werden uns an Vorsichtsmaßnahmen und Einschränkungen gewöhnen, sei es das Tragen einer Maske oder die wichtigen Abstände zwischen den Menschen. Für das Einhalten dieser Hygieneregeln tragen wir alle Verantwortung.

          Sie haben selbst noch recht kleine Kinder. Wie machen Sie das mit denen?

          Auch kleine Kinder können schon sehr viel verstehen. Ich versuche, ihnen die Situation zu erklären. Den Hinweis, den ich Eltern deshalb vielleicht doch geben kann: Erklären Sie Ihrem Kind, warum manches nun anders ist als vorher und wie man sich nun verhalten muss. Auch Zweijährige können schon lernen, immer in die Ellenbeuge zu niesen. Kinder spüren, dass sich etwas verändert. Deshalb gilt es, altersgerecht mit Kindern über die Corona-Zeit und die Anforderungen an sie reden.

          Jetzt mit F+ lesen

          Leif Eriksson war hier gewesen. Diese Gebäude der Wikingersiedlung an der Bucht L’Anse aux Meadows auf Neufundland sind allerdings rekonstruiert.

          Wikinger in Nordamerika : Tausend Jahre Einsamkeit

          Die Wikinger kamen bis nach Kanada. Aber wann? Jetzt ist es endlich gelungen, ihre Hinterlassenschaft dort exakt zu datieren.
          Forschung im Unterdruck-Labor: Viren werden in einer Nährlösung zur Vermehrung angeregt.

          Versuche mit dem Coronavirus : Außer Kontrolle

          Forscher haben am Wuhan-Institut mit amerikanischem Geld gefährliche Coronavirus-Experimente vorgenommen. Die „Gain-of-Function-Forschung“ muss dringend in ihre Schranken verwiesen werden. Ein Gastkommentar.
          Oh, wie schön ist das Harzvorland: Lange bedauerte Mittelstädte wie Bleckenstedt in der Region Salzgitter sind plötzlich hoch im Kurs.

          Immobilienpreise : Jetzt wird auch das flache Land teurer

          Die Immobilienpreise steigen nicht nur in den Metropolen des Landes. Warum das Dorf für Großstädter immer mehr zur Alternative wird und was das für den Traum vom Eigenheim bedeutet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.