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Gastronom aus New York : „Eine andere Dimension als der 11. September“

  • -Aktualisiert am

Bessere Zeiten: Sylvester Schneider 2012 in Manhattan Bild: Kai Nedden

Sylvester Schneider eröffnete im Jahr 2000 in New York das deutsche Restaurant „Zum Schneider“. Im Interview spricht er über verzweifelte Kellner, mangelnde Corona-Tests und drohende Pleiten.

          3 Min.

          Herr Schneider, Sie leben seit 30 Jahren im Bundesstaat New York und haben in der Stadt lange das deutsche Gasthaus „Zum Schneider“ betrieben. New York gilt jetzt als amerikanisches Corona-Epizentrum. Wie ist das Thema dort angekommen?

          Es wurde zwar durch die Medien schon vor einer Weile zum Tagesgespräch, aber kaum einer hat das Thema so richtig ernst genommen. Als das Virus auf Italien übergriff, wurde es etwas angespannter. Aber auch da gab es hier noch keine großen Bedenken. Selbst als es auf die Westküste übergriff, hätte kaum jemand in New York geglaubt, dass Corona hierher käme. Die Leute haben nicht damit gerechnet, dass sie betroffen sein könnten.

          New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio spricht von einer „neuen Realität“, die Wochen oder Monate andauern werde. Für die 19 Millionen Bewohner des Bundesstaates gelten Ausgangsbeschränkungen. Akzeptieren die New Yorker das?

          Zuerst wurden die Restaurants geschlossen. Das macht sich hier besonders bemerkbar, da die Menschen in New York viel ausgehen. Das war schon sehr einschneidend. Die Aufforderung, sich möglichst zu Hause aufzuhalten, wurde allerdings lange weitgehend ignoriert. Die Menschen gingen aus dem Haus, und die Läden waren weiter geöffnet. Ich selbst wohne in Montauk auf Long Island. Die jungen Leute hier haben die Warnungen zunächst nicht sehr ernst genommen. Ich habe Mieter in meinem Haus, die in ihren späten Zwanzigern sind. Die laden Leute ein, sitzen auf der Veranda und rauchen. Ich selbst habe einen Sohn, der das sehr ernst nimmt und die Wohnung nicht ohne Maske und Handschuhe verlässt.

          Was ist mit Ihrem Restaurant?

          Es ist aktuell geschlossen, weil die Platzmiete nicht verlängert wurde. Ich bin auf der Suche nach einem neuen Standort. Meine Belegschaft ist arbeitslos und in Panik. Die Gastronomie ist quasi stillgelegt, und es gibt keine Aussicht, wann sich das wieder ändern könnte. Ich habe mexikanische Angestellte, die seit mehr als 15 Jahren für mich arbeiten. Ich helfe ihnen jetzt erst mal finanziell aus, da sie sonst überhaupt keine Chance hätten, irgendwo einen Job zu finden.

          Präsident Donald Trump ist nun verbal in die Offensive gegangen.

          Ich habe nicht den Eindruck, dass Trump die Lage im Griff hat. Unser Bürgermeister ist der Verzweiflung nahe, weil Trump kaum hilft. Er hält das Militär zurück, er hält Hilfsmittel zurück und unternimmt keinerlei Anstrengungen, notwendiges Material an den Mann zu bringen, wie etwa Masken und Beatmungsgeräte.

          Menschenleer: der Times Square in New York
          Menschenleer: der Times Square in New York : Bild: AFP

          Nun hat New York schon viele Katastrophen erlebt, darunter die Anschläge des 11. September 2001. Sind die Menschen somit besser auf Krisen vorbereitet?

          Das würde ich nicht sagen. Zwar vergleichen viele, die es erlebt haben, beide Situationen miteinander. Der Unterschied ist jedoch, dass man sich damals zusammensetzen, diskutieren und Dinge in Bewegung bringen konnte. Das Gefühl des Miteinanders ist in New York in einer Krisensituation immer da. Jetzt sind die Menschen isoliert und sollen nicht miteinander agieren. Dadurch hat es eine völlig andere Dimension.

          In den Vereinigten Staaten haben Menschen oft keine Krankenversicherung, viele können es sich nicht leisten, krank zu sein oder nicht zu arbeiten. Sind deswegen die Ängste noch größer?

          In meinem Freundeskreis hat kaum jemand eine Krankenversicherung, es sei denn, er ist in einer großen Firma fest angestellt. Das Gesundheitssystem in Amerika ist eine Katastrophe. In so einer Krisensituation tritt das besonders zutage.

          Glauben Sie, die meisten Gastronomen werden überleben?

          Es werden viele Geschäfte kaputtgehen, besonders kleine. Zum Vergleich: Als der Hurrikan Sandy die Stadt 2012 heimsuchte, war auch mein Restaurant überflutet. Die Reparatur hat uns 100000Dollar gekostet. Vom Staat haben wir keine Hilfe bekommen. Stattdessen wurden alle Betroffenen von der Stadt eingeladen, man hat uns Kredite mit niedrigen Zinsen angeboten. Ich bin damals ausgerastet, habe das Mikrofon genommen und gefragt, wie sie es wagen können, Menschen, die schon am Boden liegen, mit solchen Angeboten weiter zu erniedrigen. Die Menschen zahlen hohe Steuern. In Krisenzeiten wie diesen sollte der Staat ihnen also auch helfen.

          Die Zahl der positiv auf das Virus getesteten Menschen steigt auch in New York. Kennen Sie Betroffene?

          Nein, ich kenne auch kaum jemanden, der überhaupt getestet worden ist. Das ist das große Problem. Die Zahl der Getesteten ist, gemessen an der Gesamtbevölkerung der Stadt, ein Witz.

          Gibt es denn in New York trotzdem noch Zuversicht?

          Immer mehr Menschen ist klar geworden, dass die Lage ziemlich lähmend ist. Es wird langwierige Folgen haben. Ich hoffe, dass die Menschen daraus lernen, wie verletzlich sie sind und dass sie füreinander da sein sollten.

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