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Dunkelziffer senken : Corona-Tests im Metallcontainer

Gesundheitssystem entlasten: So könnten die Container für die Covid-19-Tests aussehen. Bild: Julius Pretterebner

Ein Unternehmer aus Schwaben will in Frankfurt 100 mobile „Screening Units“ aufstellen. Mit seiner privaten Lösung soll nicht nur das Gesundheitssystem entlastet werden.

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          Geht es nach Julius Pretterebner, werden im Stadtgebiet bald 100 zusätzliche Metallcontainer stehen. Sieben mal sieben Meter groß, Stückpreis: rund 100.000 Euro. In diesen mobilen „Screening Units“, so stellt es sich der 57 Jahre alte Unternehmer aus Schwaben vor, sollen dezentral und ohne Kontakt zu schützenswerten Einrichtungen wie Krankenhäusern jeden Tag etwa 150.000 Corona-Tests gemacht werden, 1500 je Einheit.

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Momentan haben wir das Problem, dass sich alle gegenseitig immer wieder anstecken“, sagt der promovierte Elektrotechniker. Wegen der langen Inkubationszeit sei es wichtig, möglichst viele Menschen zu testen, um die besonders Gefährdeten optimal schützen zu können. So viele Tests wie möglich – das werde auch vom Robert-Koch-Institut und von der Weltgesundheitsorganisation empfohlen, um die Dunkelziffer zu erfassen. Außerdem entlasteten solche privaten Lösungen das Gesundheitssystem erheblich.

          Privat testen lassen

          Pretterebner möchte die Container, die alle medizinischen und hygienischen Standards erfüllen sollen, an zentralen Orten aufstellen, zum Beispiel an Knotenpunkten des öffentlichen Nahverkehrs wie der Hauptwache. Dadurch seien sie für viele Menschen einfach erreichbar. Auch auf Parkplätzen von derzeit geschlossenen Unternehmen könnten die Container stehen. Eine erste positive Reaktion von Ikea habe er per Mail erhalten. Der Filialleiter in Nieder-Eschbach sei bereit, mit ihm über eine Nutzung des Parkplatzes zu sprechen. Wichtiger seien jedoch Flächen in der Mitte der Stadt, sagt Pretterebner. Deshalb hoffe er auf eine Zusammenarbeit mit der Kommune und mit Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Die Grünen). „Mir ist sehr wichtig, dass die offiziellen Stellen dabei sind.“

          Die Container sollen dem Unternehmer zufolge mit einer Arbeitskraft besetzt sein. Dort tätig sein könnten zum Beispiel Medizinstudenten, die das als Praktikum angerechnet bekommen und außerdem in einer zusätzlich zu installierenden Wohnung oben auf dem Container eine Unterkunft finden könnten.

          Wer sich privat testen lassen wolle, nehme Kontakt über eine Art Gegensprechanlage am Container auf. Nach dem Einlass erhalte er in einem Vorraum Desinfektionsmittel und Handschuhe, außerdem ein Test-Kit. Den nötigen Rachenabstrich nehme die Testperson selbst vor, das Stäbchen samt Röhrchen werde in einer Tüte verschlossen und dann in eine Box geworfen. Damit sei der Vorgang erledigt.

          Einsatzbereit in den nächsten zwei Wochen

          Für einen solchen Test würden etwa 50 Euro privat abgerechnet, sagt Pretterebner. Eine gewisse Zahl an Tests sollte seiner Ansicht nach von den Kassen übernommen werden. „Ich glaube aber, dass sehr viele Menschen bereit sind, das Geld selbst zu investieren, um Sicherheit zu haben.“ Er denke an Verwandte von Alten und Kranken, die schon infiziert sein könnten, obwohl sie noch keine Symptome zeigten. Auf diese Weise könnten sie ihre gefährdeten Angehörigen schützen. Jeder Testkunde erhalte einen Barcode und die Möglichkeit, sein Ergebnis wenig später im Internet abzurufen. Die dadurch entstehenden Corona-Daten könnten genutzt werden, um das Gesundheitssystem besser auf die Pandemie einzustellen.

          Die zusätzlichen Tests sollen laut Pretterebner im Frankfurter Innovationszentrum Biotechnologie, FIZ, analysiert werden. Dessen Geschäftsführer Christian Garbe hatte Anfang der Woche seine grundsätzliche Bereitschaft zu Hilfe bei Tests in Frankfurt zugesagt. Nach Ansicht Pretterebners sollen die Tests nach einiger Zeit auch direkt in den Containern ausgewertet werden. Die ersten zehn Einheiten könnten in den nächsten zwei Wochen einsatzbereit sein, sagt der Unternehmer und fügt hinzu: „Ich kann versichern: Ich werde genügend Tests haben.“

          Krankenhäuser entlasten

          Derzeit gelten gerade solche Test-Kits in Deutschland als rares Gut; bei den wenigen Herstellern sind sie meist überbucht. Die relativ wenigen Exemplare, die erhältlich sind, werden vom Land Hessen über die beiden Universitätskrankenhäuser in Frankfurt und Marburg verteilt. Ein weiteres Nadelöhr sind die Labore. Bis auf einige, allerdings wenig erprobte Schnelltests auf das Virus muss jeder Test analysiert werden. Die Stadt hat deshalb entschieden, dem Uniklinikum einen „Corona-Test-Vollautomaten“ für eine sechsstellige Summe zu finanzieren. Dadurch können am Institut für Medizinische Virologie zwischen 1000 und 1500 zusätzliche Tests am Tag ausgewertet werden.

          Gesundheitsdezernent Majer will sich Pretterebners Konzept vorstellen lassen, wie er sagt. „Ich bin ein Freund davon, die Testkapazitäten hochzufahren.“ Dabei müsse aber die gesamte Kette eines solchen Testverfahrens betrachtet werden, außerdem seien die verschiedenen Beteiligten zu berücksichtigen. „Zwingend reden müssen wir über die Prioritäten“, sagt Majer. Für ihn stehe außer Frage, dass zuerst besonders betroffene Gruppen wie Krankenschwestern, Ärzte, Polizisten, Feuerwehrleute und chronisch Kranke Zugang zu Corona-Tests bekommen müssten.

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