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Rede bei Corona-Demo : „Ich bin Satiriker, kein Aktivist“

Der Kabarettist Florian Schroeder während eines Gesprächs mit der F.A.Z. am 18.05.2017. Bild: Frank Röth

Leben wir in einer „Corona-Diktatur“? Der Kabarettist Florian Schroeder hat die Teilnehmer einer Demo gegen die Corona-Maßnahmen provokant mit seinen Ansichten dazu konfrontiert. Im Interview spricht er über seinen Auftritt in Stuttgart.

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          Herr Schroeder, was haben Sie gedacht, als Sie die Einladung bekommen haben, bei einer Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen in Stuttgart zu sprechen?

          Ich habe eine satirische Nummer im NDR gemacht, die in interessierten Kreisen aber ernst genommen wurde. Daraufhin wurde ich eingeladen. Ich habe mich gefragt, wie eine solche Nummer so missverstanden werden kann. Eigentlich war ja klar, dass ich mich über Verschwörungsideologen lustig gemacht habe. Ich habe das als Chance gesehen, da mal hinzugehen.

          Wissen Sie, ob die Organisatoren das Video vollständig gesehen hatten?

          Das ist eine gute Frage. Wahrscheinlich haben sie es nicht komplett gesehen, sondern nur einen Teil und geglaubt, dass das den Überzeugungen entspricht, die sie sowieso haben. Dass ich also einer von denen bin, die jetzt konvertiert sind: vom Mainstream rüber auf die erleuchtete Seite der Macht.

          Haben Sie an Ort und Stelle noch länger mit den Leuten gesprochen?

          Nein, ich bin dann gegangen. Ich hatte meinen bestellten Meinungsbeitrag ja pünktlich geliefert.

          Eine Diskussion war nicht möglich?

          Das kann ich nicht final beantworten. Bestimmt gibt es einige, mit denen man sehr gut diskutieren kann, sicher gibt es ein paar, mit denen man gar nicht diskutieren kann. Das ist wie in vielen anderen Feldern auch. Mein Ansatz war aber, auf die Bühne zu gehen und in einen Bühnendialog zu treten. Das Ganze war ja immer noch eine satirische Aktion und keine Parteitagsrede, nach der man noch mit der Basis diskutiert.

          Hat Sie das Echo auf Ihren Beitrag überrascht?

          Absolut. Ich habe es so gut gemacht, wie ich konnte, aber ich habe mir im Lauf meiner Karriere abgewöhnt, Dinge vorhersehen zu wollen. Man denkt, man macht etwas Großes und dann interessiert sich keine Sau dafür. Oder man macht etwas, weil man einfach Lust darauf hat und dann findet es ein großes Echo. Das ist nicht planbar und auch gut so.

          Auf Videos von Ihrem Auftritt wirkt das Publikum teilweise sehr verwirrt.

          Ich glaube, die Menschen waren irritiert. Ich habe mit Erwartungen gespielt, auch Dinge genannt, die auf diesen Demos zurecht vertreten werden. Beispielsweise die Verfehlungen des Robert-Koch-Instituts im Lauf der Pandemie. Dann habe ich aber wieder die Abfahrt genommen und gesagt: Diese Infos habe ich aus dem „Spiegel“ und aus der „Zeit“. Unsere Medien können also gar nicht so gelenkt sein, wie ihr behauptet. Das war ein Ritt auf der Klinge. Ist aber auch Sinn der Sache, ich bin ja Satiriker, kein Aktivist.

          In letzter Zeit wird häufig über Satire diskutiert. Wird das Genre schwieriger?

          Ich bin der Auffassung, dass wir überhaupt keine Einschränkung der Meinungsfreiheit haben. Jeder kann alles sagen. Das ist eine entscheidende Prämisse. Aber wir haben eine diskursive Enge und eine schwindende Bereitschaft, sich auf Zusammenhänge und fremde Gedanken und auf Anführungszeichen einzulassen. Das ist ja in meinem Genre ganz wichtig: dass jemand etwas sagt, was er nie sagen würde, weil er es in einer Verkleidung, auf einer Bühne tut. Das, was eigentlich ein ganz normaler Anspruch an jedes Kunstprojekt ist, ist heute nicht mehr selbstverständlich, weil alles mit den vorhersehbaren Kategorien der Authentizität bewertet wird. Aber Kunst ist nie authentisch, wenn sie gut ist. Sie hat immer einen Verfremdungseffekt. Kunst ist Spiel. Das Spielerische ist uns abhanden gekommen, weil wir reflexhaft reagieren statt zu reflektieren.

          Sie haben gesagt, man müsse im Denken sein eigener Gegner werden. Was meinen Sie damit?

          Dass man sich auf das einlässt, was die Gegner sagen, soweit, dass man in der Lage ist, die Denkstrukturen so zu verstehen, als würde man sie übernehmen, nicht, um sie zu bestätigen, sondern um sie zu verstehen und umso entschiedener ohne Herablassung widersprechen zu können.

          Glauben Sie, dass Sie noch einmal zu so einer Veranstaltung eingeladen würden?

          Ich glaube nicht und wenn doch, dann würde ich nicht hingehen. Das ist eine einmalige Nummer, das zu wiederholen wäre billig und vorhersehbar.

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