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Corona lähmt Spaniens Politik : Pressekonferenzen nur noch virtuell

Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez (rechts) und Gesundheitsminister Salvador Illa. Bild: Getty

Das Coronavirus trifft den politischen Betrieb in Madrid besonders hart. Ministerpräsident Sánchez antwortet Journalisten per Video, die Parlamentssitzungen sind ausgesetzt und das Kabinett tagt nur noch in einer Rumpfbesetzung.

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          Die Stadt fühlt sich an, wie zu Beginn der großen Ferien. Im Retiro-Park im Zentrum von Madrid ertönen überall helle Kinderstimmen. Ein Großvater packt Block und Malstifte für seine beiden Enkelinnen aus. Der Puppenspieler, der sonst nur am Wochenende auftritt, baut seine Bühne auf. Nebenan auf der Wiese haben Studenten eine Decke ausgebreitet. Sie nutzen den warmen Vorfrühlingstag für ein Picknick. Metro und Busse sind leer, kein einziger Stau ist gemeldet. Die Region Madrid ist der Wirtschaftsmotor Spaniens.

          Hans-Christian Rößler
          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Doch wie im Auge des Sturms ist in ihrer Mitte eine unwirkliche Ruhe eingekehrt. Kaum jemand lässt sein Smartphone aus dem Blick, um die nächste Eilmeldung nicht zu verpassen. Mittags kommen immer die neusten Zahlen: 1388 Infizierte und 38 Tote. Knapp die Hälfte aller Corona-Fälle kommt aus Madrid. Mehr als 3000 Infektionen sind es im ganzen Land. Spanien ist damit nach Italien das europäische Land mit den meisten nachgewiesenen Corona-Infektionen.

          Sturm auf die Supermärkte

          Bis Montagabend schienen die meisten Spanier die Ausbreitung des Virus gelassener zu nehmen als andere Europäer. Hunderttausende demonstrierten am Sonntag am Weltfrauentag, und die Fußballstadien waren voll wie immer. Doch dann kündigte die Regionalregierung von Madrid an, alle Kindergärten, Schulen und Universitäten zu schließen – Katalonien folgt mit diesem Schritt an diesem Freitag. Kurz darauf begannen die ersten Madrider die Supermärkte zu stürmen.

          Noch am Donnerstag war in vielen Läden das Toilettenpapier ausverkauft. Mit der explosionsartigen Zunahme der Fälle schlug das emotionale Pendel ins andere Extrem um: Auf einmal ging sogar die Sorge um, die Region könnte sich in eine zweite Lombardei verwandeln. Gerüchte machten die Runde, der internationale Flughafen würde bald schließen. Studenten und ganze Familien packten ihre Koffer, um die Stadt rechtzeitig zu verlassen und zu den Eltern in die weniger gefährliche Provinz oder ins Ausland zu fahren.

          Soll Madrid abgeriegelt werden?

          Sechs Millionen Madrider dürften nicht die restlichen 40 Millionen Spanier in Gefahr bringen, schrieb ein Nutzer im Kurznachrichtendienst Twitter und forderte ein noch härteres Durchgreifen. Unter dem Schlagwort „Cerrad madrid“ (Madrid schließen) wurde heftig darüber diskutiert, ob man die Region um die Hauptstadt nach italienischem Vorbild abriegeln sollte oder nicht. Im chinesischen Wuhan sei das schon nach halb so viel Fällen wie in Madrid geschehen, argumentieren manche Befürworter. Die panische Debatte hatte jedoch keine Grundlage. Kein Politiker hat bisher die Isolierung Madrids ernsthaft ins Gespräch gebracht.

          Der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez
          Der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez : Bild: EPA

          Die Regionalpräsidentin Isabel Ayuso und das Büro des spanischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez meldeten sich mehrmals zu Wort, um die Sorgen zu zerstreuen. Eine „angebliche Schließung der Region ist zu keinem Augenblick in Betracht gezogen worden“, schrieb Ayuso, die der konservativen Volkspartei (PP) angehört, auf Twitter. Bürger und Presse sollten keinen Fake News Glauben schenken. Gleichzeitig gab es aus ihrer Umgebung auch Kritik an der Zentralregierung. Zehn Tage lang habe Ayuso um entschiedenere Schritte gebeten, bis sie am Montag in Madrid sämtliche Bildungseinrichtungen schloss.

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