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Infektionskrankheit aus China : Das Coronavirus erreicht die deutsche Wirtschaft

Das Webasto-Hauptquartier in Stockdorf bei München Bild: EPA

Immer mehr Konzerne schränken ihre Dienstreisen ein, lassen chinesische Mitarbeiter von zuhause arbeiten oder Werke geschlossen. Trotz beruhigender Worte werden im Handel die Mundschutzmasken knapp.

          3 Min.

          Die Ausbreitung des Coronavirus wirkt sich zunehmend auf die deutsche Wirtschaft aus. Mehrere Großunternehmen beschränken Dienstreisen nach China, wo das Virus seinen Ursprung hat, oder lassen ihre Niederlassungen in der Volksrepublik auch über die dortigen Neujahrsferien hinaus geschlossen.

          Jessica von Blazekovic

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Besonders strenge Vorsichtsmaßnahmen unternimmt der oberbayerische Automobilzulieferer Webasto. Das bayerische Gesundheitsministerium teilte am Dienstagabend mit, dass sich inzwischen vier Mitarbeiter des Autozulieferers in Stockdorf bei München infiziert haben. Der Hersteller von Cabriodächern und Sitzheizungen kündigte umgehend an, seine Firmenzentrale mit 1000 Mitarbeitern südwestlich von München bis einschließlich Sonntag (2. Februar) wegen der Erkrankungen zu schließen. Dienstreisen nach China seien ausgesetzt.

          Auch andere Unternehmen, darunter die Allianz, BMW, Audi, Siemens und Thyssen-Krupp, verzichten bis auf weiteres auf nicht zwingende Dienstreisen. Der deutsche Softwarehersteller SAP lässt seine Niederlassungen in China auch über das Neujahrsfest hinaus zunächst für eine zusätzliche Woche geschlossen.

          Auf der größten Spielwarenmesse der Welt in Nürnberg rechnet man damit, dass sich der Ausbruch des Coronavirus in den Zahlen bemerkbar machen wird. Messechef Ernst Kick erwartet bis zum Ende der Ausstellung am 2. Februar weniger chinesische Besucher als in den Vorjahren. Auch die Lufthansa bekommt die Folgen des Virus zu spüren. „Wir verzeichnen ein leicht zurückgehendes Buchungsverhalten bei Flügen von und nach China“, sagte ein Sprecher und erklärte den Rückgang mit gestrichenen Mitarbeiter- und Pauschalreisen. Die Aktien des Konzerns standen zuletzt unter Druck: Zwischenzeitlich kosteten sie mit 13,45 Euro so wenig wie im August 2019. Am Dienstagnachmittag legte der Kurs wieder zu. An den Flughäfen in München und Frankfurt werden Passagiere auf Plakaten und Monitoren darüber informiert, wie sie einer Infektion vorbeugen und sich bei einem Infektionsverdacht zu verhalten haben. Eine Sprecherin der Fraport AG sagte, es gebe vereinzelte Nachfragen von Passagieren, es herrsche aber „keine große Alarmstimmung“. Auch Mediziner versichern, dass hierzulande kein Grund zur Panik bestehe.

          Wie groß die Angst vor dem Virus bei manchen Deutschen aber offenbar dennoch ist, zeigen Berichte, wonach im deutschen Handel die Mundschutzmasken knapp werden. Einzelne Großhändler können die Nachfrage aus den Apotheken nicht mehr bedienen, teilte der Bundesverband des pharmazeutischen Großhandels mit. Ein Apotheker aus München berichtete der F.A.Z., dass er seine Kunden mit leeren Händen weiterschicken müsse: „Normalerweise verkaufen wir sechs Packungen der Masken im Jahr. Heute hätte ich alleine am Morgen schon sechs verkaufen können.“ Auch die Baumarktkette Hornbach verkauft nach eigenen Angaben deutlich mehr Masken: An einzelnen Standorten wie in Darmstadt seien die Regale leer.

          Während sich die Kosten des Virus für deutsche Unternehmen noch schwer beziffern lassen, werden die Folgen der Reiseverbote und Abschottung für Chinas Wirtschaft immer deutlicher. So sind beispielsweise der Einzelhandel in Hongkong mit seinen vielen Luxuswarengeschäften und die Hotels sehr stark auf Besucher vom Festland angewiesen. Doch diese werden ab Donnerstag nur noch bedingt kommen, weil die Zahl der Züge, Flüge und Busfahrten drastisch reduziert wird. Die Börse in Hongkong soll am Mittwoch nach den Feiertagen zum chinesischen Neujahrsfest ihren Betrieb wiederaufnehmen und könnte anhand der Kursbewegungen einen ersten Hinweis darauf geben, wie sehr China von der Krise wirtschaftlich getroffen wird. Denn die meisten dort notierten Unternehmen machen ihr Geschäft hauptsächlich auf dem Festland. Den Start der dortigen Börsen in Schanghai und Shenzhen hat die Regierung um zwei Tage auf den 3. Februar verschoben. Damit auf dem Festland die Stimmung steigt, berichten Chinas Staatsmedien zweifelhaft über angebliche schnelle logistische Erfolge bei der Virusbekämpfung. So hatte vor allem der geplante Bau eines neuen Krankenhauses in Wuhan mit 1500 Betten in nur einer Woche für Bewunderung gesorgt, auch wenn es sich dabei wohl eher um eine provisorische Einrichtung handelt. Die Parteizeitungen „Volkszeitung“ und „Global Times“ behaupteten sogar, dass das erste Gebäude des Krankenhauses in gerade mal 16 Stunden fertiggestellt worden sei und veröffentlichte davon ein Foto. Wie sich herausstellte, handelte es sich bei dem abgebildeten Bau um ein Wohngebäude.

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