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Coronavirus : „Wir stehen am Anfang dieser Epidemie“

  • Aktualisiert am

Schutzbedürftig: Ein Polizist am Mailänder Bahnhof trägt eine Maske. Bild: dpa

Als erstes Land Europas ordnet Italien drastische Einschränkungen an. Die Lage ist angespannt. Weltweit steigt die Zahl der Fälle. Das Robert-Koch-Institut mahnt Kommunen, Ärzte und Krankenhäuser, ihre Notfallpläne zu aktivieren.

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          Angesichts der steigenden gemeldeten Coronavirus-Infektionen fordert das Robert-Koch-Institut (RKI) Bürgermeister und Landräte sowie Ärzte und Hospitäler auf, ihre Notfallpläne zu aktivieren. „Wir stehen am Anfang dieser Epidemie. Und wir werden sie nur bewältigen, wenn alle Verantwortungsträger in unserem Land mit dieser Krise entsprechend umgehen“, sagte RKI-Präsident Lothar Wieler am Dienstagmorgen in einer Pressekonferenz. Zu möglichen Strukturanpassungen in Krankenhäusern könne beispielsweise zählen, nicht nötige Eingriffe vorerst auszusetzen.

          „Die wichtigste Mitteilung ist: Weltweit nehmen die Fälle zu. Die Dynamik ist groß. Die Zahl der Länder, die betroffen sind, nimmt ebenfalls zu“, so Wieler. In Deutschland liege der Schwerpunkt der gemeldeten Fälle weiter in Nordrhein-Westfalen. Dort wurden dem Robert-Koch-Institut bis Montagnachmittag 484 Infektionen sowie die beiden Todesfälle gemeldet. Deutschlandweit belief sich die Zahl der Infektionen auf 1139. Gestern habe man die Risikobewertung angepasst, die Gefährdung für die Gesundheit der Bevölkerung werde insgesamt als „mäßig“ eingeschätzt. Allerdings variiere sie für einige Regionen. So sei der Kreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen ein besonders gefährdetes Gebiet. Diese systematisch vorgenommene Bewertung sei besonders für Ärzte relevant, so Wieler, damit diese wüssten, wie sie mit Patienten umgehen müssten. 

          Hinsichtlich der Krankheitsverläufe sagte Wieler, „vier von fünf werden diese Krankheit ohne größere Probleme überstehen“. Die Wahrscheinlichkeit für einen schweren Krankheitsverlauf nehme mit steigendem Alter und Vorerkrankungen zu. Entscheidend sei, diese vulnerable Gruppe zu schützen. Mehr als 113.000 Fälle zählte die Weltgesundheitsorganisation am Dienstagmorgen, 4012 Menschen starben. Laut Wieler sind mehr 50.000 Infizierte bereits wieder gesund. 

          Hubei lockert Restriktionen

          Die italienische Regierung verschärfte derweil die ohnehin drastischen Maßnahmen zur Eindämmung der Krankheit – und machte nun das ganze Land zur Sperrzone. Das Robert-Koch-Institut erklärte das ganze Land am Dienstagmorgen zum Risikogebiet. 

          Die Behörden in China meldeten unterdessen am Dienstag den niedrigsten Anstieg der Infektionen seit Beginn der täglichen Berichte über die Epidemie vor sieben Wochen. Sie haben die Restriktionen für den Epidemie-Herd Hubei gelockert, Menschen mit geringem Risiko dürfen innerhalb der Provinz wieder reisen. Auch Südkorea berichtete, die Zahl der täglich neu erfassten Infektionen sei weiter gesunken. In Italien können sich dagegen 60 Millionen Menschen von nun an nicht mehr frei bewegen; Schulen, Universitäten und Kindergärten bleiben bis zum 3. April geschlossen. 

          Die drastischen Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus in Italien haben in Rom und Neapel zu nächtlichen Hamsterkäufen geführt. In Supermärkten, die auch nachts geöffnet haben, deckten sich Verbraucher mit Lebensmitteln und Hygieneartikeln ein, wie italienische Medien in der Nacht zum Dienstag berichteten. Die Kunden warteten demnach in Schlangen vor den Märkten, Mitarbeiter regelten den Einlass. Ein Verkäufer sagte der Nachrichtenagentur Ansa, dass Äpfel, Zwieback, Milch, Zucker, Mehl, aber auch Seife und Desinfektionsmittel zuerst vergriffen gewesen seien. 

          Italien ist das am schwersten von der Coronavirus-Epidemie betroffene Land in Europa. Dort gab es bislang mehr als 9000 Ansteckungsfälle, mehr als 460 Menschen starben. Die Regierung wird nach Angaben des Industrieministeriums zehn Milliarden Euro für Kampf gegen das Coronavirus zur Verfügung stellen.

          Nicht notwendige Reisen verboten, Supermärkte bleiben geöffnet

          Die italienische Regierung hatte wegen der Ausbreitung des Coronavirus das ganze Land am späten Montagabend zur „Schutzzone“ erklärt. Seit Dienstag sind nicht notwendige Reisen verboten, zudem gilt landesweit ein  Versammlungsverbot. Schulen und Universitäten bleiben geschlossen. Die Regierung stellte aber noch am Montagabend klar, dass Supermärkte weiterhin geöffnet bleiben und „regelmäßig“ beliefert werden sollen. Die Menschen sollten deshalb nicht in Panik verfallen und Lebensmittel einkaufen, „die auch in den nächsten Tagen noch gekauft werden können“, hieß es.

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          In den Nachbarländern reagieren die Institutionen: Österreich ruft die höchste Reisewarnstufe für Italien aus und empfiehlt seinen Bürgern, aus Italien zurückzukehren. Die Universität Innsbruck führt nur noch Fernlehre durch. 

          Auch in Deutschland sollen künftig stärkere Einschränkungen gelten. Der Deutsche Städtetag rechnet wegen der Ausbreitung des Coronavirus damit, dass hierzulande Veranstaltungen mit mehr als 1000 Menschen in vielen Städten „in der Regel abgesagt werden“. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte dies angesichts zunehmender Coronavirus-Infektionen in Deutschland empfohlen. Die bayerische Staatsregierung will sich daran halten und Veranstaltungen in dieser Größenordnung bis zunächst Karfreitag untersagen. 

          Derweil breitet sich das Virus weiter aus. Das Robert-Koch-Institut meldete am Dienstag mehr als 1100 Fälle. Am stärksten betroffen sind Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg. In NRW waren am Montag auch die ersten beiden Menschen nachweislich an der Viruserkrankung gestorben.

          Auch in Sachsen-Anhalt ist nun der erste Fall bestätigt. Ein junger Mann aus Halle wurde nach einer Reise positiv getestet. Der Landkreis Stade in Niedersachsen meldet am frühen Dienstagmorgen vier weitere Fälle; damit gibt es elf Fälle im Kries, in Niedersachsen sind es insgesamt mehr als 40. Vier Frauen im Alter von 27, 37, 41 und 48 seien positiv auf das Virus getestet worden, teilte ein Sprecher des Landkreises mit. 

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