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Gestrandete Kreuzfahrtschiffe : „Wer von Bord geht, darf nicht in meine Stadt“

  • -Aktualisiert am

Der Bürgermeister von Civitavecchia, Ernesto Tedesco, spricht im Hafen seiner Stadt über die dort gestrandeten Kreuzfahrtschiffe. Bild: AFP

Im Hafen der italienischen Stadt Civitavecchia liegen seit Tagen zwei mächtige Kreuzfahrtschiffe. Geht es nach dem dortigen Bürgermeister, darf keiner an Land gehen. Was geschieht nun mit Passagieren und Crew?

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          Vom umtriebigen Flair einer italienischen Hafenstadt ist in Civitavecchia dieser Tage nichts zu spüren. Über der etwa 70 Kilometer nordwestlich von Rom gelegenen Stadt liegt – wie seit drei Wochen über ganz Italien – die bleierne Zwangsruhe der Pandemie. Vor den Supermärkten und Apotheken stehen die Leute Schlange, diszipliniert im vorgeschriebenen Mindestabstand von einem Meter. Die Promenade und der Fahrradweg am Stadtstrand sind abgesperrt, Restaurants und Bars sind geschlossen, die Filialen der Mietwagenunternehmen sowieso.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Von den Hotels an der Via Aurelia hat nur das „De La Ville“ geöffnet. An der Rezeption steht ein handgeschriebenes Schild, auf Italienisch und Englisch wird um die Einhaltung des Mindestabstands gebeten. Doch weit und breit ist kein Gast zu sehen, dem man zu nahe kommen könnte. Die Zimmerpreise sind stark ermäßigt. Von der Dachterrasse kann man, über das Forte Michelangelo aus dem 16. Jahrhundert hinweg, den Hafen sehen. Dort liegen seit Tagen zwei mächtige Kreuzfahrtschiffe: die Costa Victoria und die MSC Grandiosa. Hotelgäste, die vor der Heimreise noch einmal in Civitavecchia übernachten möchten, werden von dort allerdings gewiss nicht kommen. Auch keine neuen Passagiere in der Nacht vor der Einschiffung.

          „Keine Kreuzfahrtschiffe mehr!“

          Wenn es nach Bürgermeister Ernesto Tedesco geht, soll in Civitavecchia überhaupt niemand von einem Kreuzfahrtschiff an Land gehen, kein Passagier und auch kein Besatzungsmitglied. In einem Brief an Verkehrsministerin Paola De Micheli hat der Bürgermeister davor gewarnt, seine Stadt könne zu einer „neuen Brutstätte für das Coronavirus“ werden, sollten Leute von der Costa Victoria und der MSC Grandiosa von Bord gehen. Die Hafenarbeiter von Civitavecchia dürften unter keinen Umständen der Gefahr einer Ansteckung ausgesetzt werden. Wer würde sonst die verderblichen Waren der Frachter löschen, warnte der Bürgermeister: „Keine Kreuzfahrtschiffe mehr! Unser Hafen ist ausschließlich für den Warenumschlag geöffnet.“

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          „Seinen“ Hafen kann der Bürgermeister von der rechtsnationalistischen Lega, die vom früheren Innenminister und heutigen Oppositionsführer Matteo Salvini geführt wird, aber nicht kurzerhand für die Kreuzfahrer sperren. Eine solche Verfügung kann nur das Verkehrsministerium in Rom erlassen. Das wird seit dem Machtantritt der Linkskoalition in Rom im vergangenen September von der Sozialdemokratin De Micheli geführt. Neben dem Konflikt zwischen lokalem Interesse des Bürgermeisters und nationaler Verantwortung der Ministerin ist der Streit also auch politisch eingefärbt.

          Die Costa Victoria hatte, aus Oman kommend, am 21. März eine positiv auf das Coronavirus getestete Passagierin aus Argentinien auf Kreta ausgeschifft. Die 726 Passagiere an Bord durften danach ihre Kabinen nicht mehr verlassen. Nach einer tagelangen Irrfahrt über das Mittelmeer teilte das Verkehrsministerium in Rom dem Schiff des in Genua ansässigen Unternehmens Costa Crociere am 25. März schließlich den Hafen Civitavecchia zu. Aus der für Infektionskrankheiten zuständigen Spallanzani-Klinik in Rom kamen an den Tagen danach Spezialisten in Schutzanzügen an Bord. Sie nahmen im Theatersaal des Schiffes an gruppenweise über die Bordlautsprecher herbeigerufen Passagieren Temperaturmessungen vor und unterzogen einige von ihnen mit verdächtigen Symptomen einem Test.

          Zuvor hatten Passagiere berichtetet, wer über grippeähnliche Symptome geklagt habe, sei vom Schiffsarzt mit Paracetamol versorgt worden. Passagiere mit normaler Temperatur und negativen Testergebnissen durften schließlich von Bord. Immerhin konnte sich Bürgermeister Tedesco mit seinem „Einreiseverbot“ für Kreuzfahrtpassagiere für das gesamte Stadtgebiet außerhalb des Hafens durchsetzen. „Wer von Bord geht, darf nicht in meine Stadt“, ließ der Bürgermeister wissen: „Ich dulde keine Touristen mit ihren Rollkoffern.“

          Auf dem abgeriegelten Pier standen am Wochenende dann Busse bereit. Die Fahrer trugen Mundschutz und Gummihandschuhe. Bis zum Sonntag wurden knapp 230 Passagiere ohne Zwischenhalt von Civitavecchia nach Rom gebracht. Wie lange sie dort im Hotel Cicerone im Stadtteil Prati bleiben werden, hängt von der Verfügbarkeit von Flügen vom Flughafen Rom-Fiumicino in ihre Heimatländer ab. Italienischen Presseberichten vom Montag zufolge wurden bei mindestens drei Passagieren, die Symptomen entwickelten, neuerlich Tests auf das Coronavirus vorgenommen; sie sollen positiv ausgefallen sein.

          Wie es mit den verbliebenen Passagieren an Bord der Costa Victoria weitergehen soll, war am Montag dagegen unklar. In einem Hilferuf per Video hatte der erste Offizier des Schiffes am Sonntag darum gebeten, von Bord gehen zu dürfen: „Ich nehme seit zwei Wochen Antibiotika und Kortison. Es geht mir schlecht, ich habe Covid-19-Symptome, aber man hat mich noch immer keinem Test unterzogen.“ Dieser sollte nun am Montag vorgenommen werden. Ungewissheit herrschte auch auf der MSC Grandiosa, die seit fast zwei Wochen im Hafen von Civitavecchia liegt. Die Passagiere konnten vor einigen Tagen von Bord gehen. Von den an Bord verbliebenen Besatzungsmitgliedern wurden zwölf positiv auf das Coronavirus getestet. Zwei von ihnen wurden am Montag mit hohem Fieber an Land geholt und in ein Krankenhaus gebracht.

          Im Fall eines weiteren Kreuzfahrtschiffes, der Costa Diadema, konnte sich Bürgermeister Tedesco durchsetzen. Das Schiff ohne Passagiere aber mit 1255 Besatzungsmitgliedern an Bord hatte auf Geheiß des Verkehrsministeriums in Rom zunächst ebenfalls Kurs auf Civitavecchia genommen. Zuvor war das Mitte März aus Dubai kommende Schiff von Zypern, von Gioia Tauro in Kalabrien und auch von Marseille in Frankreich abgewiesen worden. Am Montag nahm die Costa Diadema Kurs auf Piombino in der Toskana. Dutzende Besatzungsmitglieder sind nach Medienberichten an Covid-19 erkrankt sein – mindestens zwei von ihnen sollen unter schwerer Atemnot leiden.

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