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Umgang mit Virusepidemie : „Die etwas für die Gemeinschaft tun, haben weniger Angst“

  • -Aktualisiert am

Aus Sorge vor Quarantäne kauft manch einer zurzeit lieber etwas mehr ein, wie hier in Casalpusterlengo in Italien. Bild: dpa

Fast jeder vierte Deutsche fürchtet sich vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus. Psychotherapeut Jan Kalbitzer erklärt, warum Angst nichts Schlechtes ist, welche Rolle Hamsterkäufe spielen – und wie wir dem Virus begegnen sollten.

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          Herr Kalbitzer, als Psychotherapeut beschäftigen Sie sich mit den Ängsten der Menschen. Laut dem ZDF-Politbarometer fürchtet aktuell fast jeder vierte Deutsche eine Ansteckung mit dem Coronavirus, vor einem Monat waren es noch deutlich weniger. Das Robert-Koch-Institut schätzt die Gefahr für die Bevölkerung derzeit als „mäßig“ ein. Trotzdem wurden vielerorts beispielsweise Hamsterkäufe beobachtet. Woher kommt die Angst?

          Viele Menschen können die Situation weder verstehen noch einschätzen. Denn vieles wissen wir noch nicht über das Coronavirus. Die Diskrepanz, die zwischen der Medienrealität und der richtigen Realität herrscht, verunsichert die Menschen zusätzlich. Sie haben das Bedürfnis zu wissen, wie gefährlich ihr Umfeld ist: Worauf muss ich achten, wie kann ich mich vorbereiten?

          Jan Kalbitzer: „Wir sollten durch dieses Virus lernen, dass wir die Gemeinschaft brauchen und füreinander da sein müssen.“

          Welche Rolle spielt die Berichterstattung?

          Es wird so viel über das Virus berichtet, das kann in der Lebensrealität gar nicht abgeglichen werden. Das macht den Umgang schwieriger, als wenn man sich mit einer ganz konkreten Gefahr konfrontiert sieht, bei der man weiß, was zu tun ist. Informationen sind oft widersprüchlich. Wir sehen das an der Schutzmasken-Debatte. Am Anfang wurde noch gesagt, dass Masken nicht helfen. Dann sagt man aber, gebt die Masken dem Pflegepersonal, die brauchen sie, um sich zu schützen. So etwas ist verunsichernd. Das wurde mittlerweile in der Kommunikation ein bisschen verbessert. Jetzt wird gesagt, dass es für Pflegepersonal wichtiger ist, weil sie näher dran sind und mehr Kontakt zu Patienten haben. Aber vor dem Hintergrund der vielen Bilder aus Asien, wo alle Schutzmasken tragen, ist es schwer zu vermitteln, warum man sich zum persönlichen Schutz nicht auch eine Maske besorgen sollte.

          Also tragen die Medien eine Mitschuld?

          Ich würde nicht von Schuld sprechen. Das Informationsbedürfnis ist ja da. Aber wenn von ‚dem tödlichen Virus‘ die Rede ist und häufig von Todesopfern berichtet wird, bereitet das natürlich Sorgen.

          Sie sprechen von Sorge. Ist Angst auch berechtigt?

          Angst ist grundsätzlich nichts Falsches. Sie ist erst einmal eine Reaktion darauf, dass Gefahr da ist. Angst führt im besten Fall dazu, dass man sich schützt. Problematisch wird es dann, wenn die Angst zu Hoffnungslosigkeit wird oder zu Lähmung führt. Es ist wichtig, ein Gleichgewicht finden: Dass man sich einerseits zurückzieht und nicht die ganze Zeit Nachrichten liest, und sich gleichzeitig gut informiert, schaut, was man sinnvolles tun kann. Wenn ich mir ganz viel Desinfektionsmittel und Masken gekauft habe, und mich mit jeder Menge Klopapier und Konserven in meiner Wohnung verkrieche, hilft das eher nicht gegen die Angst, zumindest nicht nachhaltig.

          Was hilft stattdessen?

          Ich finde Hamsterkäufe erst einmal nicht schlecht. Aber wenn sie andere gefährden, wenn Menschen, die so etwas dringender brauchen, nicht an Desinfektionsmittel oder Schutzmasken kommen, weil andere zu viel davon kaufen, haben wir ein Problem. Prinzipiell gilt ja schon länger die Empfehlung von staatlicher Seite, für zehn Tage Vorräte für alle im Haus zu haben. Dass Menschen das jetzt tun, weil es ihnen Sicherheit gibt, zum Beispiel um in einer möglichen Quarantäne versorgt zu sein, ist das erst einmal eine gute Sache. Aber dann kommt die Angst meistens trotzdem wieder und dann muss man schauen, ob es andere, noch sinnvollere Dinge gibt, die man persönlich tun kann.

          Und was könnte das sein?

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