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Wiens Kampf gegen Corona : „Eine Situation wie in Italien verhindern“

Bekannte Tourismusorte werden komplett abgeriegelt. Bild: dpa

In Österreich werden ab Montag alle nicht wichtigen Geschäfte geschlossen. Zug- und Flugverkehr werden stark eingeschränkt und Grenzen dicht gemacht. Besonders hart betroffen sind zwei Gebiete in Tirol.

          3 Min.

          In Österreich sind am Freitag die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus weiter verschärft worden. Von nächster Woche an werden alle Geschäfte geschlossen, die nicht der unmittelbar notwendigen Versorgung dienen; geöffnet bleiben Anbieter unentbehrlicher Produkte und Dienstleistungen wie Lebensmittelhändler, Zeitungskioske, Apotheken und Bankfilialen. Bars und Restaurants müssen von 15 Uhr an schließen. Der Zug- und Flugverkehr mit den besonders belasteten Ländern Schweiz, Frankreich und Spanien wird eingestellt, die Grenzübergänge zur Schweiz werden weitgehend geschlossen, wie es bereits mit Italien gehandhabt wird.

          Stephan Löwenstein
          Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.

          Diese Schritte sind vorerst auf eine Woche befristet. Zuvor hatte die konservativ-grüne Regierung unter Bundeskanzler Kurz (ÖVP) und Vizekanzler Kogler (Die Grünen) bereits ein Versammlungsverbot für Gruppen über hundert (im Freien: 500) Personen und ein Ende des regulären Schulunterrichts bis Ostern beschlossen. Besonders hart wird der Schnitt für zwei Gebiete in Tirol, in denen es viele Corona-Ansteckungen gegeben hat: Das Paznauntal mit Tourismusorten wie Ischgl und Galtür sowie St. Anton am Arlberg. 14 Tage lang soll dort prinzipiell niemand hinein- oder hinausfahren. Urlauber aus Österreich wie aus dem Ausland können abreisen, sollen sich dann aber zu Hause in eine zweiwöchige Quarantäne begeben. Kurz versicherte, die Bewohner würden „selbstverständlich bestens versorgt“.

          Dank an Mediziner, Pfleger und Polizisten

          Kurz rief die Bevölkerung auf, die Einschränkungen zum Wohl der durch eine mögliche Ansteckung besonders gefährdeten Menschen wie Alte und Kranke zu akzeptieren. Sie bedeuteten „Entschleunigung“ für die einen, für andere aber auch Arbeit bis an die Belastungsgrenze, sagte Kurz und dankte Medizinern und Pflegern, Polizisten und Versorgern. „Ab Montag müssen wir unser soziales Leben auf ein Minimum reduzieren“, fügte er hinzu.

          Bislang sind nach den Angaben von Gesundheitsminister Anschober (Die Grünen) 432 Corona-Erkrankungen bestätigt worden. Die Zahl erscheine gering, doch habe es in den vergangenen Tagen Zuwächse um jeweils vierzig Prozent gegeben. Er verwies auf die italienische Region Lombardei, in der die Gesundheitsinfrastruktur zu kollabieren drohe. Dort sei die Entwicklung zunächst ähnlich verlaufen wie bislang in Österreich, nur mit einem negativen „Vorsprung“ von zwei Wochen. „Wir wollen eine Entwicklung wie in Italien mit allen demokratischen Handlungsmöglichkeiten vermeiden. Unser Ziel ist es, Zeit zu gewinnen.“ Wann die Maßnahmen zurückgefahren werden könnten, hänge von der Beurteilung der Entwicklung ab, die ständig vorgenommen werde.

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          Im Gesundheitswesen gibt es ebenfalls Einschränkungen: Für Patienten in Krankenhäusern gilt generell ein Besuchsverbot. So soll verhindert werden, dass das medizinische und pflegende Personal angesteckt wird und womöglich ganze Abteilungen geschlossen werden müssen. Ausnahmen sind Kinder- und Palliativstationen. Das Außenministerium in Wien gab eine Reisewarnung höchster Stufe für Frankreich, Spanien und die Schweiz aus, wie sie wegen Corona bereits für Italien, Iran und Teile Chinas gilt.

          „Es richtet sich nicht gegen die Länder“

          Österreichischen Staatsbürgern dort wird dringend empfohlen, zurückzukehren. Wenn keine Flüge und Züge mehr verkehren, will das Außenministerium die Rückkehr ermöglichen. Was die Einstellung des Verkehrs mit diesen Ländern betrifft, versicherte Innenminister Nehammer (ÖVP), das richte sich nicht gegen diese, sondern ausschließlich „gegen das Virus“. Maßstab sei die Empfehlung der Fachleute. Grenznahe Pendler aus der oder in die Schweiz sollen – mit entsprechenden Nachweisen – weiterhin die Grenze überqueren können.

          Auf der anderen Seite haben Slowenien, Ungarn, die Slowakei und die Tschechische Republik ihrerseits die Grenze zu Österreich geschlossen. In diesen Ländern ist die Corona-Ausbreitung noch nicht ganz so weit. In Österreich ruft das vor allem Sorgen wegen der großen Zahl an Altenpflegern aus diesen Ländern hervor. Nach Angaben des Wiener Gesundheitsstadtrats Peter Hacker geht es um 60000 24-Stunden-Pflegekräfte, die nach Österreich pendeln. Wenn sie nicht mehr ein- und ausreisen könnten, „dann bekommen wir schlagartig ein Problem, das größer ist als die Corona-Erkrankungen“, sagte der SPÖ-Politiker im ORF-Fernsehen.

          Warnung vor Falschinformationen

          Die Regierungspolitiker riefen die Bevölkerung zugleich dazu auf, besonnen zu bleiben und sich nicht von falschen Nachrichten beunruhigen zu lassen, die in sozialen Netzen kursierten. Weder solle die Hauptstadt Wien mit ihren zwei Millionen Einwohnern „abgeriegelt“ werden, noch werde es Ausgangssperren geben, versicherte Kurz. Auch die Lebensmittelversorgung sei gesichert.

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