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Coronavirus : Kann die WHO die Pandemie noch verhindern?

Engpässe gibt es in Wuhan bei Medikamenten und Virentests. Die Kliniken sind überfüllt, die Belastung des Personals schon jetzt unermesslich. Bild: AP

Neue Befunde über das Wuhan-Coronavirus sorgen für Unruhe in den sozialen Medien. Viele fordern von der Weltgesundheitsorganisation, ein Zeichen zu setzen. Kommt also nun der Gesundheitsnotstand?

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          „Die Epidemie kann noch immer gestoppt werden.“ Mike Ryan, der irische Direktor der zuständigen Expertenkommission der Weltgesundheitsorganisation hat in seinem jüngsten Statement einen Zweckoptimismus im Hinblick auf die Ausbreitung des neuen Coronavirus 2010-nCoV verbreitet, den schon längst nicht mehr alle teilen. Die Infektionszahlen steigen immer noch exponentiell. 170 Menschen sind an der Lungenkrankheit gestorben, aktuell sind 7814 Infizierte dokumentiert, 7711 davon in Festland-China. Der Rest sind überwiegend verschleppte Fälle – überwiegend Infektionen, die aus der Region der mutmaßlichen Ausbruchsmetropole Wuhan in andere Länder ausgereist sind oder mit Personen aus der Region Kontakt hatten.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Einige wenige der Infektionen, darunter drei der vier infizierten Personen in Bayern, haben sich erst durch Kontakt außerhalb Chinas infiziert. Eine anhaltende Infektionskette darüber hinaus wurde bisher nirgendwo auf der Welt registriert – genau diese Beobachtung nährt die Hoffnung Ryans, dass die Epidemie auf China begrenzt und letztlich noch eingedämmt werden kann.

          Für Donnerstagabend ist die Expertenkommission der WHO einberufen worden, um zu entscheiden, ob dennoch ein internationaler Gesundheitsnotstand –  Public Health Emergency of International Concern (PHEIC) – ausgerufen wird. Das hätte für die massiven Seuchen-Eindämmungsversuche Chinas erst einmal keine unmittelbaren Auswirkungen, vielmehr enthält dieser WHO-Status konkrete Empfehlungen, wie sich Länder schützen und die Ausbreitung etwa an Flughäfen und Grenzen verhindern können. Außerdem müssen dann die Maßnahmen der Länder koordiniert beschlossen und umgesetzt werden.

          Ob China dann von der WHO hören wird, dass die radikalen Quarantänemaßnahmen wie die Absperrung von Großstädten in der Region Hubei unangemessen sind, ist kaum zu erwarten. Im Gegenteil: Peking hat von der WHO und von unabhängigen Infektiologen schon viel Lob erhalten, auch wenn die allermeisten Experten die radikalen Isolationsmaßnahmen derzeit vor allem als befristetes seuchenhygienisches Großexperiment betrachten.

          Ob sich der Seuchenzug des neuen Virus so tatsächlich noch aufhalten lassen wird, dürfte sich in den kommenden ein bis zwei Wochen entscheiden. Bislang vermeidet die WHO noch, von einer Pandemie zu sprechen. Das Potential zur weltumspannenden Epidemie, das zeigen die Infektionsstatistiken, gibt es. Doch das Virus ist nach wie vor unberechenbar.

          Täglich werden neue wissenschaftliche Arbeiten öffentlich, die vor allem Daten aus den ersten Wochen liefern. Und die lassen vermuten, dass die Seuche schon einige Wochen vor der offiziellen Bekanntmachung des neuen Coronavirus und dem Einschalten der Zentralregierung von Mensch-zu-Mensch übertragen wurde. Lange glaubte man, bei den ersten Infektionen habe es sich ausschließlich um Ansteckungen von Tier-zu-Mensch im Tiermarkt von Wuhan gehandelt. Seit dem 1. Januar ist dieser Markt und sind weitere Märkte geschlossen. Doch eine Untersuchung der ersten 425 klinischen Fälle, die jetzt in der Medizinzeitschrift „New England Journal of Medicine“ (NEJM) dokumentiert sind, lässt nur den Schluss zu, dass es schon Mitte Dezember zu etlichen Mensch-zu-Mensch-Übertragungen gekommen ist. Erst zwei Wochen später aber war ein „unbekannter Erreger“ für eine SARS-typische Lungenentzündung ausfindig gemacht, und am 7. Januar als neues Coronavirus identifiziert worden. Daraufhin dauerte es nochmal eine Woche, bis die ersten strikten Isolationsmaßnahmen ergriffen und das zuständige chinesische Gesundheitsinstitut CDC die höchste Notfall-Studie feststellte. Von da an hatte Peking das Heft in die Hand genommen. Da dürfte sich die Seuche längst in der betreffenden Bevölkerung von Wuhan etabliert haben.

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