https://www.faz.net/-guw-9xa8q

Italien riegelt Norden ab : Freie Fahrt ins Sperrgebiet

Bei herkömmlichen Einsätzen von Rettungsfahrzeugen, etwa bei Verkehrsunfällen und bei akuten Herzerkrankungen, kommt es zu erheblichen und potentiell lebensbedrohlichen Verzögerungen. Offenbar sah sich die Regierung zu der Einrichtung der Sperrgebiete veranlasst, weil es am Samstag alarmierende Zahlen bei der täglichen Pressekonferenz von Zivilschutz und nationaler Gesundheitsbehörde gab. Binnen 24 Stunden hatte sich die Zahl der infizierten Personen um mehr als 1200 auf fast 5900 erhöht; es war der dramatischste Anstieg innerhalb eines Tages seit dem Ausbruch der Epidemie vor zwei Wochen.

„Lebensstil ändern um den Kampf zu gewinnen“

Die Zahl der Toten lag am Sonntagabend bei 366. Bis Samstag entfielen 85 Prozent der Infektionen und sogar 92 Prozent der Todesfälle auf die Lombardei, die Emilia-Romagna und Venetien, sagte Zivilschutz-Chef Angelo Borrelli. Das Durchschnittsalter der an der Virusepidemie Verstorbenen liege bei 81 Jahren. Fast drei Viertel der Todesopfer seien männlich, fast alle hätten an Vorerkrankungen gelitten, sagte Borrelli und fuhr fort: „Wir werden diesen Kampf gewinnen, wenn sich unsere Bürger verantwortlich verhalten und ihren Lebensstil ändern.“

Und dann wiederholte er, was die Regierung seit Tagen als Goldstandard der Vorbeugung in den Zeiten des Coronavirus verkündet: keinen Handschlag und keinen Wangenkuss zur Begrüßung; Menschenansammlungen meiden; häufig und gründlich die Hände mit Seife und fließendem Wasser waschen; nicht an Mund, Nase und Augen fassen.

Am Samstag gab Nicola Zingaretti, Präsident der Region Latium und Vorsitzender der Sozialdemokraten, seine Infektion mit dem Coronavirus bekannt. Am Sonntag folgte der Regionalpräsident von Piemont, Alberto Cirio, mit der gleichen Mitteilung. Beiden geht es nach eigenen Angaben gut, sie begaben sich in häusliche Quarantäne. Papst Franziskus, der seine Erkältung weitestgehend auskuriert hat, sprach am Sonntag das Angelus-Gebet als Vorsichtsmaßnahme nicht wie gewohnt am offenen Fenster des Apostolischen Palastes, sondern in der dortigen Bibliothek, von wo es über Großleinwände auf den Petersplatz übertragen wurde.

Auf der Video-Leinwand statt am Fenster: Papst Franziskus verlegte das Angelus-Gebet nach drinnen.
Auf der Video-Leinwand statt am Fenster: Papst Franziskus verlegte das Angelus-Gebet nach drinnen. : Bild: dpa

Wird in Italien, in der Lombardei und in Mailand gelingen, was in China, in der Provinz Huwei und in der Metropole Wuhan offenbar glückte: durch drastische Eingriffe in den Alltag und die Freiheit der Menschen die Ausbreitung der Epidemie einzudämmen?

Am Sonntagmittag herrscht auf der Piazza Sordello im Herzen von Mantua bei schönstem Vorfrühlingswetter reger Betrieb in den Cafés und Restaurants. Die Sonnenschirme sind noch nicht aufgespannt. Den Prosecco und den Aperol Spritz, die Tramezzini und die Patatine nimmt man in der milden Sonne. Pärchen flanieren, Familien spazieren, Freunde klopfen sich lachend auf die Schulter. Am Lungolago Gonzaga steht eine Polizeistreife am Straßenrand. Die beiden Beamten plaudern mit einem Jogger, kein Auto wird kontrolliert, sie schauen nur nach dem Rechten. Auf den Radwegen am Ufer des Lago Inferiore ist reger Verkehr. Mancher Busch ist schon blütenbunt, von den Dolomiten leuchten die Gipfel schneeweiß. Von einem Virus ist im Sperrgebiet weit und breit nichts zu sehen. 

Weitere Themen

Ein Himmelbett im wahrsten Sinne Video-Seite öffnen

Kopf in den Wolken : Ein Himmelbett im wahrsten Sinne

Das Bett von Hasan Kaval war inklusive eines Weckers und einer Nachttischlampe an einem Gleitschirm befestigt, so dass er während des Flugs die Augen schließen konnte.

Fällt die rote Toskana?

Regionalwahlen in Italien : Fällt die rote Toskana?

Im Frühjahr war Italiens Rechte noch an einer sozialdemokratischen Bastion gescheitert. In der Toskana könnte sie triumphieren. Der ehemalige Ministerpräsident Matteo Renzi warnt: „Die roten Festungen gibt es nicht mehr.“

Topmeldungen

Smartphonenutzer vor einer Wechat-Werbung in Hongkong

China kommt gut weg : Was Trumps Tiktok-Kompromiss bedeutet

Die umstrittene Video-App darf ein Bündnis mit Oracle und Walmart schließen. Aber die Chinesen behalten Einfluss. Auch das Unternehmen hinter der Kommunikations-Plattform Wechat kann wegen eines amerikanischen Gerichtsurteils vorerst aufatmen.

F.A.Z. exklusiv : „Daimlers Diesel genügen den Richtlinien“

Als Vorstand für Integrität und Recht hat Renata Jungo Brüngger gerade mehrere Diesel-Verfahren gegen Daimler in Amerika befriedet. Ihren Einsatz für mehr Regeltreue sieht sie aber nicht am Ende. Im Gespräch berichtet sie von Herausforderungen in einem globalen Unternehmen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.