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Coronavirus : Bürger fordern Reiseverbot

Üblicher Mundschutz ist keine Hilfe: Reisende von Shanghai nach Wuhan City. Bild: AFP

Zum chinesischen Neujahrsfest diese Woche ist in China Reisesaison. Doch viele Bürger sagen Urlaubsreisen ab. Auch der Ruf nach einer Abriegelung von Schanghai wird laut.

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          Man muss Wochen vorher reservieren, wenn man im Restaurant „Meilongzhen“ an Schanghais wichtigster Einkaufsstraße Nanjing Lu einen Tisch haben möchte, besonders für die Tage vor dem chinesischen Neujahrsfest. Als das Meilongzhen 1938 gegründet wurde, feierten hier Stars und Mafiosi des „Paris des Ostens“ wilde Partys, wie das kosmopolitische Schanghai damals hieß. Nach der kommunistischen Revolution 1949 wurde das Restaurant verstaatlicht, doch das Essen blieb so erstklassig wie vormals im Kapitalismus. 2004 herzte hier der französische Präsident Jacques Chirac den Koch. Nun sind gerade zwei Tische besetzt.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          „Fast alle Gäste haben ihre Reservierung abgesagt“, berichtet ein Kellner, der keine Gesichtsmaske trägt – und damit gegen eine Anordnung der Schanghaier Behörden verstößt. Danach müssen seit ein paar Tagen alle Angestellten staatlicher Unternehmen der Stadt, wie des Meilongzhen oder etwa einer der Banken, einen Atemschutz überziehen. Schließlich hatte sich im Jahr 2003 einer der „Superverbreiter“ von Sars mit dem Virus ganz einfach im Fahrstuhl angesteckt, als ein anderer Infizierter neben ihm hustete.

          So wie die offiziell gemeldete Zahl der Todesopfer des Coronavirus jeden Tag höher bis Freitagnachmittag auf 26 klettert und das amtlich verlautbarte Ausmaß der damit Infizierten knapp 900 erreicht, wächst in Chinas Bevölkerung die Angst vor der Lungenkrankheit. In Schanghai fordern Bürger in wütenden Interneteinträgen, nach der von den Behörden verkündeten Abriegelung der Stadt Wuhan, wo das Virus ausgebrochen war, und zwölf weiteren Städten und Kreisen in der Provinz Hubei mit insgesamt 36 Millionen Einwohnern, dass nun auch die 24 Millionen Menschen zählende Wirtschaftsmetropole Schanghai polizeilich abgesperrt werden möge – damit keine Infizierten von außerhalb mehr hereinkommen können. Infolge des Gerüchts sagen Schanghaier sogar ihre geplanten Urlaubsreisen ins Ausland wie nach Myanmar ab – aus Angst, nicht mehr in ihre Heimatstadt und an den Arbeitsplatz zurückzukönnen.

          Fliegen als Risikofaktor

          Ohnehin stellt sich die Frage, ob das Reisen so viel sicherer, ist als daheimzubleiben. Zum einen ist die Ansteckungsgefahr an Flughäfen und in den Flugzeugen selbst trotz Gesichtsmasken erheblich. Zum anderen verfügen viele asiatische Länder wie Thailand oder Indonesien, die Ziel einer Flucht vor dem Virus sein könnten, über ein noch sehr viel schlechteres Gesundheitssystem als China. Das könnte zu einem Problem werden, sollten erst im Urlaubsland Anzeichen einer Infektion auftreten.

          Dass Schanghai in der Woche vor dem höchsten Festtag, der am heutigen Samstag nach dem Mondkalender das neue chinesische Jahr der Ratte beginnen lässt, mehr und mehr einer Geisterstadt gleicht, ist normal. Schließlich stammt die Mehrheit der Bewohner von außerhalb und kehrt zum Feiern zurück zur Familie in die Heimat, die oft Tausende Kilometer entfernt liegt. Doch in diesem Jahr wirkt die Stadt noch leerer. Offizielle Neujahrsfeiern der Regierung wurden ebenso abgesagt wie die Premiere des neuen Films des jungen Erfolgsregisseurs Wen Muye.

          Didi Chuxing, Chinas monopolistischer Fahrdienstleister, der einst Uber vom größten Markt der Welt verdrängt hat, schickt seinen Kunden Warnhinweise auf das Smartphone, sie sollten bei Verlassen der Wohnung eine Gesichtsmaske tragen. Doch die sind in der Stadt nur noch schwer zu bekommen. Ohnehin ist fraglich, welcher Schutz überhaupt hilft vor der Ansteckungsgefahr: die üblichen Masken, die die Bewohner an den besonders luftverschmutzten Tagen gegen den Feinstaub überziehen, würden gegen das Coronavirus nicht helfen, heißt es. In der Folge bleiben die Menschen zu Hause und meiden Restaurants und Geschäfte.

          Schon fürchten Ökonomen, dass die Wirtschaft weit mehr Schaden nehmen könnte als in der Sars-Krise vor 17 Jahren, die die Volksrepublik geschätzt einen Prozentpunkt an Wachstum gekostet hat. Diesen Wert werde auch das Coronavirus fordern, schreibt die „Economist Intelligence Unit“. Die Ratingagentur Standard & Poor’s geht davon aus, dass Chinas Wachstum noch stärker zurückgehen wird, wenn die Konsumausgaben durch das Virus auch nur um zwölf Prozent in den Bereichen Unterhaltung und Verkehr sinken würden. Insgesamt habe der inländische Konsum 3,5 Prozentpunkte ausgemacht vom gesamten Wachstumswert von 6,1 Prozent.

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