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Zwei Wochen Ausgangssperre : Das Italien der Lebenden, das Italien der Toten

Zeichnung des venezianischen Künstlers Franco Rivolli auf der Fassade des Krankenhauses in Bergamo in Italien. Bild: dpa

In Italien ist das Coronavirus nicht nur der Fluchtpunkt allen Handelns. Das Virus ist auch der heimliche Mitbewohner, der einen komplett in Anspruch nimmt, obwohl man die Tür fest verschlossen hat.

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          In der Straße wohnt ein Mann, der jeden Morgen auf seinen Balkon tritt und laut „Buon giorno“ ruft. Die Straße ist menschenleer, er macht es trotzdem jeden Tag. Er weiß, er wird gehört, und manchmal schallt von irgendwoher ein „Buon giorno“ zurück. Vielleicht möchte der Mann auch einfach nur seine Stimme hören.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          In diesen Tagen, in denen in Italien die Anzahl der Todesopfer jene aus China überstiegen hat, und zwei Wochen nach Beginn der landesweiten Ausgangssperre, hat der Balkon in Italien eine neue, existentielle Bedeutung bekommen. Er ist ein Vehikel, um zu zeigen, man ist am Leben. Und er ist eine Tentakel des Kontakts wider die häusliche Isolation, mit der Solidarität und Gemeinschaft gestiftet wird. Früher war die italienische Gesellschaft eher ein Chor aus Egoisten, jeder für sich allein. Jetzt ist auch jeder für sich allein, aber zusammen, und der Balkon ist das Symbol dafür. Es gibt ein Haus in Mailand, dessen Bewohner jetzt ihren dazu nutzen, um morgens gemeinsam Gymnastik zu machen. Auf jedem Balkon steht ein Mann oder eine Frau und imitiert die Übungen, die ein Fitnesstrainer, der im Haus gegenüber lebt, zu lauter Musik vormacht.

          Der Balkon dient aber auch der Überwachung und Sanktion. Wird ein Hund mehrmals am Tag von immer neuen Besitzern ausgeführt, die das Tier als Alibi benutzen, um spazieren zu gehen, dann ist mit lautem Tadel von oben zu rechnen. Genauso ergeht es den vielen neuen Joggern. Sie sind für die zu Hause Ausharrenden ein Affront. Abends wird der Balkon dann zur Bühne für den „Balcanto“; das kollektive tägliche Singen und Musizieren gegen Angst und Sorgen.

          Die so demonstrierte Gemeinschaft und Lebensbejahung ist gerade das eine Italien. Das andere ist das Italien der Toten.

          Für eine echte Gemeinschaft ist es unerlässlich, die Verbindung zu ihren Toten nicht abreißen zu lassen. An Covid-19 zu sterben ist jedoch, als verschwinde ein Lebender einfach. Man stirbt allein, die Familie darf keinen Beistand leisten oder sich verabschieden. Es gibt auch keine Begräbniszeremonie, das letzte Geleit gibt der Bestatter. In den Krankenhäusern stapeln sich die Särge, und das Militär muss eingesetzt werden, um sie zu transportieren. In einem Land, in dem der Totenkult so wichtig ist wie in Italien, wächst deshalb der Unwille. Aber niemand weiß, wie sich die Situation anders bewältigen ließe. Zuletzt zählte man 627 Tote an nur einem Tag.

          Es ist kein Krieg

          Jeder kennt immer die neusten Zahlen, und unwillkürlich spricht jeder von ihnen als statistische Variable, als ungefähre Zusammenfassung der Situation. Man solle versuchen, wieder anders an die Toten zu denken, hat gerade Michele Serra in „La Repubblica“ verlangt. Man solle sie sich als Lebende vorstellen, mit ihren Stimmen, ihren Namen, mit dem, was sie gemacht haben; Kinder großgezogen, Geld verdient, gereist, gebaut, gekocht, Dinge kaputt gemacht und wieder repariert. „Jeder von ihnen wird Träume und Erinnerungen bevölkern.“

          Wegen der vielen Toten, der vielen Soldaten auf den Straßen und wegen der Ausgangssperre hört man jetzt oft, es herrsche Krieg. Aber es ist kein Krieg. Man setzt sein Grundrecht der freien Bewegung als Subjekt aus, damit jenes auf Leben und Gesundheit geschützt werden kann. Die soziale Trennung ist das derzeit einzig bekannte Mittel gegen die Epidemie. Man muss sich isolieren. Nur so rückt die Zeit näher, in der wieder jeder spazieren und joggen gehen kann. Der Gemeinschaftssinn verlangt Einsamkeit.

          Schaut nach Italien!

          Die Theorie von Enrico Quarantelli besagt: Je schlechter die Situation, desto besser die Menschen. Quarantelli (1924–2017) war kein Utopist, sondern Katastrophensoziologe. Erst nachdem er einige Katastrophen untersucht und in den Reaktionen ein wiederkehrendes Muster festgestellt hatte, zog er seine Schlüsse: Katastrophale Ereignisse führen die Menschen zusammen, sie hobeln die Oberflächlichkeit weg und legen die Fähigkeit zur Solidarität frei. Die Voraussetzung dafür ist natürlich zu begreifen, dass ein Ereignis eine Katastrophe ist. Eine italienische Freundin hat im Fernsehen die Bilder aus Deutschland von gemeinschaftlichen Picknicks im Park gesehen. Man müsse diese Menschen einmal für zehn Minuten in ein italienisches Krankenhaus schicken. Dann verstünden sie, was sie sich selbst und anderen antun, indem sie den Rückzug ins Private verweigerten.

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